Was wäre wenn?
Sie haben als Schauspieler angefangen. Was hat Sie dazu bewogen, Theaterstücke zu schreiben?
Es gab mehrere Gründe für diese Entscheidung. Ich habe seit meinem siebten Lebensjahr in professionellen und Amateurtheatern gespielt, Schauspiel studiert, und als ich nach New York kam, um endlich eine Karriere zu verfolgen, war ich innerlich schon ausgebrannt.
In meinem vorletzten Studienjahr hatte ich einen Kurs für das Theaterschreiben belegt, der mir neue Erzählweisen eröffnete, die ich vorher nie in Betracht gezogen hatte. Ich merkte, dass ich lieber zu Hause blieb und schrieb, als Gesangsunterricht, Tanzkurse oder Castings zu besuchen. Es war eine sehr subtile, aber dennoch deutliche Verschiebung meiner Prioritäten. Mit wachsendem Selbstvertrauen als Autor begann ich, meine Werke mit Freunden und Kollegen zu teilen, und fand die nötige Ermutigung, weiterzumachen und schliesslich die Schauspielerei ganz aufzugeben und all meine Energie ins Schreiben zu investieren.
Das Vergängliche am Schauspiel auf der Bühne übt, wie ich vermute, eine grosse Anziehungskraft auf viele Schauspielende aus. Für mich war das nichts. Mir gefiel die Endgültigkeit des Schreibens, auch wenn es sich in einer Produktion verändert und weiterentwickelt. Da ist auch die Frage des Eigentums. Ich habe «The Whipping Man», «Somewhere» und «Resonanzen» (engl: «Reverberation») geschrieben. Sie gehören mir. Irgendwann wird sie jemand erben. Dieser Gedanke gefällt mir.
Was inspiriert Sie, über ein bestimmtes Thema zu schreiben, wie z. B. Hass, Verbrechen oder Gentrifizierung?
Ich kann nie vorhersagen, was mein Interesse wecken und mich zum Schreiben anregen wird. Ich denke, es ist in erster Linie Neugier. Ich spiele gern das «Was wäre wenn»-Spiel mit Themen. «Was wäre, wenn ein heterosexueller Mann eine Dragqueen geworden wäre?» Das führt zur nächsten wichtigen Frage: «Warum?» Und dann: «Wer?»
Und so weiter. Wenn man sich meine ersten drei Stücke ansieht, «The Whipping Man», «Somewhere» und dieses Stück «Resonanzen», gibt es keine oberflächliche Verbindung zwischen ihnen. Das erste Stück spielt im Jahr 1865, das zweite im Jahr 1959 und das letzte in der Gegenwart. Es gab keinerlei bewussten Versuch, die Stücke in irgendeiner Weise miteinander zu verbinden. Es waren einfach drei separate Stücke. Doch nachdem ich «Resonanzen» beendet hatte, sah ich mir alle drei noch einmal an und erkannte, dass es in ihnen allen um die Idee geht, die Welt sei gefährlich und man fühle sich im Inneren sicherer.
Die drei Männer in «The Whipping Man» verstecken sich in ihrem zerstörten Haus vor Chaos und Gefahr; die Familie in «Somewhere» verschanzt sich gegen eine willkürliche Umgestaltung ihrer Stadt; die Figuren in «Resonanzen» sehen die Welt als bedrohlich, sie alle sehen die Menschen als gefährlich an, die Stadt, in der sie leben, als unsicher: und so verkriechen sie sich in ihren Wohnungen und versuchen, sich gemeinsam vor den Gefahren der Welt zu schützen. Diese ersten drei Stücke spiegeln vielleicht meine damalige Gedanken- und Gefühlslage wider. Inoffiziell bezeichne ich diese drei Stücke als meine «Agoraphobie-Trilogie».
Gab es ein bestimmtes Ereignis, eine Person oder eine Geschichte, die Sie zu «Resonanzen» inspiriert hat?
Es gab kein bestimmtes Ereignis. Es war eher eine Anhäufung von Beobachtungen und Erfahrungen. Jung und Single in New York zu sein, für viele Jahre, hat das Schreiben stark beeinflusst. Auch das Älterwerden und eine Beziehung haben dazu beigetragen. Ich glaube, dass die im Stück ausgedrückten Emotionen universell sind. Jeder kennt das Gefühl der Einsamkeit, die Angst, niemals glücklich zu werden. Jeder versteht das Bedürfnis nach Verbundenheit, nach Intimität, auch wenn diese Dinge letztendlich ziemlich beängstigend sein können. Viele Menschen, nehme ich an, haben in ihrem Leben schlechte sexuelle Entscheidungen getroffen, die sie bereuen. Viele, mich eingeschlossen, haben grossen Verlust erlitten, getrauert und unzählige Male Liebeskummer gehabt. Ich denke, dieses Stück ist das Ergebnis eines Lebens voller Liebe und Angst, Hoffnung und Verzweiflung. Niemand kommt unbeschadet durchs Leben. Letztendlich ist dieses Stück eine Meditation über diese Gefühle.
Es gibt Momente im Stück, in denen eine Figur einer anderen ein Gefühl anvertraut, unsicher, ob sie verstanden wird, und überrascht
und erleichtert feststellt, dass sie verstanden wurde und dass die Person, der sie sich gerade anvertraut hat, dieses Gefühl tatsächlich teilt. Das gibt beiden Figuren das Gefühl, in der Welt weniger allein zu sein. In gewisser Weise ist das vielleicht das, was ich mit diesem Stück erreichen möchte.
War das Schreiben von «Resonanzen» im Vergleich zu Ihren anderen Stücken einfacher oder schwieriger?
Beides. Je nach Tag, je nach Szene. Vieles in diesem Stück floss mühelos, andere Momente hingegen brauchten Jahre, um den richtigen Weg zu finden. Charmantes kann ich im Schlaf schreiben. Ehrliches erfordert mehr Anstrengung. Ich habe mich beim Schreiben dieses Stücks selbst herausgefordert, so ehrlich wie möglich über meine eigenen Gefühle und Erfahrungen zu sein.
Es ist keine wahre Geschichte, aber viele Elemente darin stammen aus meinem Leben. Wenn nicht aus meinen tatsächlichen Erlebnissen, dann zumindest aus meinen emotionalen. Ich habe unglaublich viel Zeit damit verbracht, Unehrlichkeit aus dem Text zu tilgen und mich selbst herauszufordern, mehr preiszugeben, tiefer zu gehen und mich und meine Figuren ungeschminkt zu betrachten. Das ist nie einfach, aber es lohnt sich immer.
Was sollen die Zuschauer*innen persönlich erfahren?
Ich hoffe, die Menschen werden ihr Leben nicht als so isoliertes Ereignis in der Welt sehen und versuchen, emotionale Gemeinsamkeiten
in ihrem Leben zu entdecken, insbesondere an den unerwarteten Orten. Ich hoffe, die Menschen finden Trost in dem Gedanken, dass wir vielleicht gar nicht so emotional einzigartig sind, wie wir denken (oder befürchten).
Ihr Lieblingsstück?
«Die Glasmenagerie» von
Tennessee Williams.
Textnachweis: Interview mit Matthew López für die Uraufführung am Hartford Stage, Hartford/ Connecticut 2015