Tanz 8: Mozarts Kammertanz

UG

Tanz 8: Mozarts Kammertanz

Tanzstück von Georg Reischl
Uraufführung
Premiere: 07. Dezember 2011

Der Österreicher Georg Reischl ist kein Unbekannter am Luzerner Theater. In der ersten Spielzeit von «Tanz Luzerner Theater» kreierte der erfolgreiche Choreograf unter der künstlerischen Leitung von Kathleen McNurney für «Tanz 1» das Stück «Zeitgeister». Nachdem Georg Reischl bei der Geburtsstunde von «Tanz Luzerner Theater» dabei gewesen ist, kommt er nun mit einem neuen Stück zurück: «Mozarts Kammertanz». Inspiriert durch W.A. Mozarts bewegtes und aussergewöhnliches Leben mit unzähligen beschwerlichen Konzertreisen, experimentiert Georg Reischl im UG des Luzerner Theaters mit verschiedenen räumlichen Möglichkeiten und deren Auswirkungen auf die Bewegungs- und Tanzsprache der einzelnen Tänzerinnen und Tänzer. Gepaart mit der musikalischen Vielfalt, die Mozarts Werke bieten, entsteht eine Art Kammerballett, welches eine temporeiche und abenteuerliche Reise durch Tanz und Musik verspricht. «Musikalität und Leichtigkeit werden zum Hauptthema; Dynamik und Tempo zum Motor. Der tänzerische Körper ist das Mittel, um diese Reise verwirklichen zu können», so der Choreograf.

Georg Reischl besuchte neben seiner Ausbildung bei Rosa Hartlieb in Salzburg die Ballettschule der Wiener Staatsoper. Bei Liz King in Heidelberg begann er seine Tänzerlaufbahn und setzte sie im «Scapino Ballett» in Rotterdam fort, wo er auch als Choreograf debütierte. 1999 wurde Georg Reischl Tänzer des Ballett Frankfurt unter der Leitung von William Forsythe, dem er bis zur Auflösung der Compagnie 2004 angehörte. Anschliessend war er zwei Jahre Mitglied von «The Forsythe Company», für die er bis heute als Gasttänzer tätig ist. 1999 wurde Georg Reischl permanenter Gastchoreograf des «Scapino Ballett» und avancierte nach sieben Jahren zu dessen Hauschoreografen. Daneben kreierte er Stücke für das Tanztheater Wien, das Ballett Frankfurt, die Volksoper Wien, die «abcDance Company» St. Pölten und das «MichaelDouglas Kollektiv» Köln.

GESPRÄCH

Wiener Schmäh im UG

Ein Gespräch zwischen dem Choreografen Georg Reischl und der Dramaturgin Lucie Machan.

Machan: Nachdem Du bei der Geburtsstunde von «Tanz Luzerner Theater» dabei gewesen bist, arbeitest du nun zum wiederholten Mal mit dem Luzerner Tanzensemble. Inwiefern ist das für Dich als Choreograf spannend?

Reischl: Das ist sehr spannend für mich. Vor zwei Jahren bin ich in einer völlig neuen Situation angekommen. Ich arbeitete mit einem frisch zusammengesetzten Ensemble, in dem sich die Tänzerinnen und Tänzer untereinander kaum kannten. Heute besteht das Ensemble noch aus derselben Zusammensetzung und es hat sich eine neue Gruppendynamik entwickelt: es herrscht grosses Vertrauen zwischen den einzelnen Ensemblemitgliedern und sie sind zu einer selbstbewussten, talentierten Compagnie zusammengewachsen. Vor Probenbeginn habe ich mir Gedanken gemacht, wie viel ich von den einzelnen erwarten und an welcher Stelle ich einsteigen kann, um mich und die Compagnie zu fordern. Ich möchte in jedem Stück, das ich mache, eine neue Situation schaffen, einen Prozess entwickeln, der sehr kreativ ist.

Machan: Wie passt hier der Mythos W. A. Mozart und seine heute so viel gehörte Musik dazu?

Reischl: Bei der Entstehung von «Zeitgeister» war alles neu: die Compagnie, die Bühne, die komponierte Musik. Das war aufregend. Nun habe ich eine neue Herausforderung gesucht und machte es mir zur Aufgabe, bereits bestehende klassische Musik zu verwenden – das ist neu für mich und meine Arbeitsweise. Für Mozart interessierte ich mich sicher zum einen, weil er wie ich in Salzburg geboren wurde. Der eigentliche Grund ist jedoch, dass sein musikalisches Genie mich stark berührt und anregt. Für die Reise durch die Vielfalt seiner Werke - Klavierkonzerte, Kammermusik, Kompositionen für Streicher, Arien usw.  - stellte ich die für «Tanz 8» ausgewählte Musik collagenartig zusammen und versetze sie mit Brüchen.

Machan: Das klingt eher unkonventionell.

Reischl: Das war Mozart auch. Für seine Zeit hegte er sehr moderne Gedanken. Es kam ihm auf die Synthese von Gegensätzen an, auf das Spiel mit Kontrasten, das er in seiner Musik immer wieder thematisiert. Ich habe das Gefühl, er machte dadurch das Abstrakte gesellschaftsfähig.

Machan: Wirst Du Mozart im UG gesellschaftsfähig machen?

Reischl: Mozart selbst würde die Einzigartigkeit dieses unterirdisch gelegenen Raumes sicher sehr schätzen. In meiner Uraufführung «Mozarts Kammertanz» wird für den Raum des UG, der eben sehr speziell ist, und für das Ensemble des «Tanz Luzerner Theater» kreiert. Ich möchte nicht das Leben Mozarts nacherzählen, jedoch Verweise und Verbindungen darauf durch Kostüme, Requisiten und Perspektivwechsel im Raum schaffen.

PRESSESTIMMEN

«Obwohl Gesellschaftstänze zu den Pflichten gehörten, die Mozart auf seinen Reisen absolvieren musste, kann man sich den Komponisten unzähliger Menuette nur schwer als Tänzer vorstellen. Vielleicht weil das Bild vom aufmüpfigen Genie, das seit Milos Foremans «Amadeus»-Film durch die Köpfe geistert, nicht zum höfischen Zeremoniell passen will, von dem erst der Walzer den Tanz befreite. Umso spannender wirkt der Versuch des österreichischen Choreografen Georg Reischl, diesen «Amadeus» quasi vom Tanz her neu zu verstehen. (...) Reischls Tanzsprache, die die zwölf Tänzerinnen und Tänzer sich wie eine zweite Haut angeeignet haben und vorzüglich umsetzen, zeigt zwar eine persönliche Handschrift. Dazu gehören wellenförmige Körperbewegungen, die sich raumgreifend entfalten oder, nervös bis in die Fingerspitzen hinein, energisch vorandrängen. (...) Richtig spannend wird der Abend da, wo klar wird, dass er sich überhaupt jedem Mozart-Bild verweigert. Das «Amadeus»-Klischee wird zum Schluss mit Falcos «Rock me Amadeus» zwar zitiert, aber tänzerisch gleich wieder demontiert, wenn sich in entfesselte Bewegungsabläufe wieder Elemente jener höfisch anmutenden Grazie mischen, für die Reischl zu Klavier- und Streichermusik vor allem des jungen Mozarts ganz elementare Körperbilder findet. Was bleibt, ist das Rätsel Mozart – und genau dafür findet dieser Abend starke Bilder.»
Neue Luzerner Zeitung, 9.Dezember 2011

« Es war eine Reise durch die Vielfalt der Werke Wolfgang Amadeus Mozarts. Denn dessen bewegtes Leben war Inspiration für das Stück von Georg Reischl, welches am vergangenen Mittwoch im UG Premiere feierte. Es war aber auch eine Reise ins dunkle Soussol, in die bürgerlichen Kammern des 18. Jahrhunderts und die Tiefen des experimentellen und zeitgenössischen Tanzes. Nachdem Reischl schon für «Tanz 1» das Stück «Zeitgeister» choreografierte, folgte der Österreicher zum zweiten Mal dem Ruf der künstlerischen Leitung Kathleen McNurney nach Luzern und präsentierte ein überraschend experimentierfreudiges Stück. (...) Und tatsächlich war es die Dynamik und Intensität des Tanzes sowie die hervorragende Umsetzung des Luzerner Tanzensembles, die das Stück trug.»
Kulturteil.ch, 12.Dezember 2011

«Die Kugel mag ja neckisch sein. Aber wenn sie im Mund stecken bleibt, ist nicht gut singen. Auch Mozart nicht. Doch wo Wolfgang Amadeus Mozart tanzt, darf bekanntlich die Kugel nicht fehlen. Auch nicht im UG des Luzerner Theaters, in dem die Tanzcompagnie von Kathleen McNurney ein neues Mozart-Stück von Georg Reischl uraufgeführt hat. Reischl wurde wie der Komponist in Salzburg geboren und hat bei William Forsythe getanzt. In «Mozarts Kammertanz» verbindet er die polyzentrischen Bewegungsmuster der Schule Forsythes mit dem Rokoko aus Mozarts Zeit. Interessanterweise funktioniert das besser, wenn Mozart schweigt. In der Stille vermögen uns diese Menschen durchaus zu berühren. Sie drehen den Fuss auf der Spitze nach aussen, heben charmant den Arm – um dann an ihrer Eleganz zu verzittern. Sie erstarren mitten in der Bewegung, verstummen mitten im Schrei, und ihr Gesang gefriert zu einem Jammer, dass Gott erbarm. Doch als würde die Musik die Bewegungen bündeln, werden diese schlanker und schneller, sobald Mozart erklingt. Eingespielt werden bekannte Werke wie das Rondo «Alla Turca», die Arie «Voi che sapete» aus «Le nozze di Figaro», einzelne Sätze aus Streichquartetten und Klaviersonaten, schliesslich Falcos «Rock me Amadeus», zu dem die Compagnie zur Hochform aufläuft.»
Neue Zürcher Zeitung, 15.Dezember 2011

  


 

 

 

Mit freundlicher Unterstützung der TANZfreunde Luzerner Theater und der Daria Nyzankiwska Dance Foundation.