Im weissen Rössl

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Luzerner Theater

Im weissen Rössl

Singspiel in drei Akten von Ralph Benatzky
Text von Hans Müller und Erik Charell, Gesangstexte von Robert Gilbert
In deutscher Sprache
Premiere: 30. Oktober 2011

In St. Wolfgang am Wolfgangsee ist die Welt noch in Ordnung – zumindest suggerieren das die silbern glänzenden Wellen des Sees, die schneebedeckten Berge in der Ferne und die glücklichen Kühe, die sich aus lauter Übermut zu einem kleinen Tänzchen im Stall hinreissen lassen. Die Menschen in St. Wolfgang jedoch würdigen die Idylle keines Blickes. Zu sehr sind sie beschäftigt mit sich und ihren Sehnsüchten: Der Zahlkellner liebt seine Chefin, die Wirtin schwärmt für einen Stammgast, der Anwalt flirtet mit der Tochter seines Prozessgegners, der Professor hat nur Augen für die Forschung, das brave Mädel ringt um gutes Benehmen, ihr Verehrer wünscht sich mehr das Gegenteil, und der schlecht gelaunte Fabrikant will nach Berlin zurück. Da muss schon der Kaiser selbst anreisen, um in dieser verwickelten Angelegenheit für ein Happy End zu sorgen …

Ralph Benatzky vereinte in diesem oft als Operette missverstandenen Singspiel alpenländische Sommerfrische mit Berliner Schwank und Wiener Heurigensentimentalität zu einer bunten Revue, deren Handlung sich aus pittoresken Einzelszenen mit lebensvollen Charakteren zusammensetzt. Die Musik, zu der neben anderen auch Robert Stolz und Robert Gilbert Beiträge lieferten, stellt intime Liebeslieder, freche Schlager, flotte Tanzmusik und derbe Schuhplattler neben den volkstümlichen Sound einer Schiffs- und Feuerwehrkapelle. Kein Wunder, dass dieses augenzwinkernde Gute-Laune-Lustspiel als eines der ersten deutschen Musicals sofort nach seiner Uraufführung 1930 einen bis heute andauernden Siegeszug in alle Spielpläne der Welt antrat.

Bei jeder der Vorstellungen wird im Luzerner Theater eine andere Blaskapelle aus dem Luzerner Kantonal-Blasmusikverband auf der Bühne stehen und den, für die Zeit authentischen Marsch «O du mein Österreich» von Ferdinand Preis, basierend auf einem Thema von Franz von Suppé, zum Besten geben:

FR 28.10. Luzerner Blaskapelle (Voraufführung, geschlossene Vorstellung)
SO 30.10.  Luzerner Blaskapelle (Premiere)
FR 04.11. MG Reussbühl 
SO 06.11. Blaskapelle Feldmusik Willisau
SA 12.11. Ruemligbuebe Schachen
MI 23.11. Burgspatzen Grosswangen
FR 25.11. Dorfmusik Dierikon
SO 27.11. Musikverein Meggen 
SA 03.12. FM Rothenburg 
SA 10.12. Blaskapelle Feldmusik Willisau» 
DO 22.12.  FM Ebikon  
SO 31.12.  Ruemligbuebe Schachen  
MO 02.01. FM Malters  
DO 19.01. MG Harmonie Sempach
SO 26.02. N.N.
MO 09.04. Burgmusik Rothenburg
SO 22.04. Visco Suisse Emmenbrücke
SA 28.04. Blaskapelle Napfgold Hergiswil
SA 05.05. Wiggertaler Blaskapelle
SA 12.05. MG Schüpfheim

 

Die Redaktion « Kulturplatz»   vom Schweizer Fernsehen war mit Moderatorin Eva Wannemacher live bei der Premiere dabei! Gedreht wurde vor und hinter den Kulissen. Sehen Sie hier die Sendung vom 2. November 2011

Lesen Sie hier den ausführlichen Vorbericht zum Stück in der Neuen Luzerner Zeitung!


 

GESPRÄCH

AUF DIE VIELFALT KOMMT ES AN
Howard Arman im Gespräch mit Christian Kipper

Das Singspiel «Im weissen Rössl» hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg in einer bearbeiteten Fassung verbreitet. 2009 fand man in Zagreb das Orchestermaterial zur Uraufführungsversion von 1930. Worin bestehen die Unterschiede?

Die Bearbeitung enthält zum Teil andere Musiknummern und weniger Überleitungs- und Ballettmusik. Das Entscheidende aber ist die Instrumentierung: Ein Blick in die Urfassung verrät, dass es gerade nicht, wie sonst bei der klassische Operette üblich, um ein einheitliches und ausgewogenes, sondern um ein ebenso heterogenes wie differenziertes Klangbild geht. Das Stück präsentiert zahlreiche unterschiedliche Musikstile, und alle sind entsprechend idiomatisch orchestriert mit Jazz-Combo, Zither-Trio, Blaskapelle und Sinfonieorchester. Allein die drei Saxophone und das Drumset sucht man vergeblich in der bisherigen bearbeiteten Version.

Worauf kommt es in der Urfassung besonders an? Was ist das eigentliche klangliche Ziel?

Das Stück ist von der ästhetischen Idee beherrscht, dass für unterschiedliche dramatische Situationen auf ebenso unterschiedliche Musikstile zurückgegriffen werden kann – ein Konzept, das wir übrigens aus der Barockoper kennen. Im «Weissen Rössl» kommen dementsprechend ganz gegensätzliche Ausprägungen der zeitgenössischen Unterhaltungsmusik wie Jazz, Revue, Folklore, Militärmarsch, Tanzmusik, Wiener Lied, Vaudeville und Schlager zum Zuge. Alle diese Elemente sind gut eingesetzt, gekonnt ausformuliert und entsprechend instrumentiert. Natürlich müssen sie bei der Aufführung auch bewusst herausgearbeitet und stilistisch korrekt umgesetzt werden.

Bei der Uraufführung im Grossen Schauspielhaus, Berlin waren circa 250 Musiker engagiert. Das Luzerner Theater ist kleiner. Müssen klangliche Abstriche gemacht werden?

Bereits die Neuedition der wiederentdeckten Urfassung reduziert ja auf eine heute übliche Orchestergrösse – allerdings ohne das originale Klangbild zu beschädigen. Es gibt keine Verdoppelungen und Verdreifachungen, um den Sound opulent zu machen, auch bleibt bei uns einige Bühnenmusik im Graben, aber wir haben die Vielfalt behalten – und auf die allein kommt es an.

Dennoch gibt es eine Blaskapelle als Bühnenmusik – und nicht nur irgendeine! Bei jeder Vorstellung spielt eine andere Formation. Woher kam diese Idee? Und was spielen sie eigentlich?

Es ist in dem Stück vorgesehen, dass an der betreffenden Stelle tatsächlich eine Blaskapelle auf der Bühne erscheint. Sie gehört zum dörflichen Empfangskomitee für den Kaiser. Der Auftritt besitzt einen realistischen Hintergrund, er ist quasi eine Handlungsnotwendigkeit, der wir nun eine zusätzliche Relevanz verleihen, indem wir hiesige Blaskapellen einluden, diesen Auftritt zu übernehmen. Da die Zentralschweiz über eine ausgeprägte Blasmusikkultur verfügt, lag es fast auf der Hand, diese zu nutzen, um den angestrebten Realismus noch zu steigern und dadurch auch ironisch zu brechen. Im Original spielt die Blaskapelle den Radetzky-Marsch, ein Strauss-Zitat also als Inbegriff der k. u. k. Monarchie. Bei uns sollen alle Blaskapellen den Marsch «O du mein Österreich» von Ferdinand Preis nach einer Melodie von Franz von Suppé spielen. Er wird gleich im Anschluss vom einsetzenden Chor aufgegriffen und ist auch dort schon ein Zitat. Auf diese Weise fungiert der Choreintritt als musikalischer Höhepunkt. 

Bei der Uraufführung wurden so gut wie alle Rollen von Schauspielern übernommen, lediglich der Darsteller des Dr. Erich Siedler war ein ausgewiesener Opernsänger. Wir haben hingegen ein Opernensemble und einige Gäste zur Verfügung. Wie singt man das Stück richtig?

In diesem Zusammenhang gibt es zwei wichtige Fragen: Wie kann man sich von den Tondokumenten aus jener Zeit inspirieren lassen, ohne diese zu imitieren? Und was muss man vermeiden, um zum Ziel zu kommen? Interessanterweise gibt es bei allen Tondokumenten ein grosses Mass an Übereinstimmung. Dabei fällt auf, dass der Text immer absolut verständlich ist, weil die Silben in ihrem Gewicht und ihrer Länge sprachgetreu vorgetragen werden. Gleichzeitig sind damit andere Dinge nicht mehr möglich wie etwa das übergeordnete Legato, das Halten von langen Tönen und das aus einem extremem Legato resultierende Portamento. Immer ist die Stimmführung leicht, vor allem gilt: Je höher die Töne sind, desto leichter werden sie gesungen. Das wiederum ergibt eine auffallend ausgeglichene Tessitur. Auch das Vibrato ist dezent und schwebend. Insgesamt ergibt die Tatsache, dass der Gesang aus dem Text heraus entwickelt wird, eine eher trockene Artikulation und einen eher harten Tonfall. 

Manche Gesangsnummern gehen in Richtung Schlager, andere in Richtung Oper. Eigentlich bräuchte jede ihren eigenen geschulten Sänger …

Natürlich wäre es ideal, für jede Partie einen entsprechenden Fachmann zu haben. Das Luzerner Theater verfügt über ein Ensemble, das vor allem im klassischen Gesang ausgebildet ist. Es wäre daher vermessen zu erwarten, dass alle nun völlig anders singen und dann auch noch als Spezialisten in einer Domäne, die nicht die ihre ist. Aber umgekehrt besteht der Reiz gerade darin, sich stilistisch weiterzubilden und neue Arten des Singens auszuprobieren. Auf die Offenheit und die Sensibilität im Umgang mit diesem «anderen» Gesangsstil kommt es an.

PRESSESTIMMEN

«Ich gebe zu, ich hatte keine Ahnung vom «Weissen Rössl» . Noch nicht mal die Fernsehfassung mit Peter Alexander hatte ich je gesehen. Deshalb war ich ganz ohne Vorurteile auf dem Weg zu unserem Kulturplatz. Und ich hatte meine Freude. An dem stilsicher inszenierten Kitsch, der mehr ist als Kitsch, weil ein Mann wie Dominique Mentha das Zepter schwingt. Dank einem Bühnenbild, das sehr zurückhaltend daherkommt und dank wunderbaren Kostümen. Und vor allem dank einem herzlichen, professionellen Team am Luzerner Theater. (...) Für mich ist das «Weisse Rössl» Kult. Jedenfalls das am Luzerner Theater.»
Kulturplatz-Blog von Moderatorin Eva Wannemacher, 3.11.2011 

«Das Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Howard Arman bedient zwar mit viel Schmelz auch traditionelle Operetten-Erwartungen und stellt ihr die Musik der damaligen Alltagsrealität umso schärfer gegenüber: Die Jazz-Nummern, die Tanzmusik und der unbekümmerte Variété Ton sind farbig und federn leicht und haben auch mal knackigen Biss. Die Inszenierung stellt in der funktionell abgespeckten Bühne von Werner Hutterli ganz das Spiel der Figuren ins Zentrum: Robert Maszl ist mit seinem tenoralen Schmelz und originalen Wiener Schmäh ein Operettenheld wie aus dem Bilderbuch. Bei den übrigen Liebespaaren, die übers Kreuz zu einander finden, spitzt Mentha das stark ins kabarettistische zu. Glanzleistungen bieten da Reto Raphael Rosin als aalglat-wendiger Dr. Siedler und Marie-Luise Dressen als zappelige Ottilie sowie, mit einem Schuss Klamauk, Hans-Jürg Rickenbacher und Patricia Flury. Freche Revue statt Plüsch-Romantik: Das deutet Mentha an mit Revue-Einlagen mit Nummerngirl-Erotik und einer bösen Kaiser-Persiflage den Variété Charakter von Ralph Benatzkys raffiniert-süffiger Musik aufgreift. (…) Der Auftritt der «Luzerner Blaskapelle» war einer von vielen Szenen, die das zum Schluss begeistert applaudierende Publikum aus dem Häuschen brachte. Ja, auch punkto Spass ist dieses «Weisse Rössl» ein Wurf.»
Neue Luzerner Zeitung, 31.10.2011 

« Dass man nicht nur im Salzkammergut gut lustig sein kann, sondern auch an den Gestaden des Vierwaldstättersees, beweist das Luzerner Theater mit der gelungenen und schmissigen Schweizer Erstaufführung der rekonstruierten Urfassung von Benatzkys «Im weissen Rössl» (…) Ein überaus spielfreudiges Ensemble von Singschauspielern und das bestens gelaunte Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Howard Arman garantieren einen unterhaltsamen, beschwingten Abend. (Durch die Verwendung der rekonstruierten Urfassung erklingt die Partitur jetzt fetziger, jazziger und farbenreicher als man sie von den Aufnahmen mit Peter Alexander und Ingeborg Hallstein in Erinnerung hat.) Zudem darf man sich bei jeder Vorstellung auf den Auftritt einer anderen Blaskapelle aus der Innerschweiz freuen. (…) Dazu stehen dem Luzerner Intendanten gewiefte Darstellerinnen und Darsteller (mehrheitlich aus dem eigenen Ensemble) zur Verfügung: Allen voran der Wiener Robert Maszl, welcher den Leopold mit schönstem tenoralem Schmelz ausstattet und in den ausgedehnten Dialogen selbstverständlich für Austria-Authentizität sorgt. (...) Aus der Wirtin Jospha wird mangels österreichischem Akzent eine Witwe des Rössl-Besitzers mit schwedischen Wurzeln - Madelaine Wibom sieht im Dirndl nicht nur kokett und fesch aus, sie singt auch bezaubernd. (…) Fazit: Ein unbeschwerter, äusserst kurzweiliger Abend; szenisch und musikalisch temperamentvoll und streckenweise urkomisch umgesetzt..»
oper-aktuell, 31.10.2011