«Aus dem Sternenkreuzer steigt eine Figur, die an das Michelin-Pneu-Männchen erinnert – und seine Ankunft mit einem lauten Furz markiert. Der Weltraumfahrer heisst Gaudi, ein schäkernd-einnehmender Wirbelwind (herrlich: Samuel Zumbühl).
Die gestrige Premiere des Kinderstücks am Luzerner Theater, <Die Geschichte vom blauen Planeten>, startete poetisch und verspielt, temporeich und spannend (Inszenierung: Moritz Sostmann). Der reichhaltige Dramaturgiebogen zieht sich auf der funktionellen Bühne bis ins Finale, angereichert mit überraschenden (Geräusch-)Effekten und eingängigen musikalischen Themen (Musik: Philipp Plessmann).
Wenn Gaudi für die Planetenkinder die Sonne am Himmel festnagelt, sie umgarnt und mit Schmetterlingsstaub zum Fliegen bringt, so ist das natürlich <megacool!>. Nach und nach entpuppt sich der Weltraumfahrer aber als egoistischer Verführer, der den Kindern <nor es bizzeli> Jugend stiehlt. Die fatale Erkenntnis wächst, als sich Hülda (Magda Lena Schlott) und Brimir (Benjamin Mathis) <verfliegen> und auf der nun stets im Dunkeln liegenden Planetenseite landen. Dort, wo andere Kinder angstvoll die Sonne vermissen und sich gegen wilde Tiere wehren müssen. Nichtsdestotrotz zeigen sich die Benachteiligten selbstlos. Sie schenken Hülda und Brimir ein Boot für die Heimkehr. Die Benachteiligten werden gespielt von Kindern aus der Zentralschweiz: Amina Salima und Elia Brülhart (beide aus Luzern), Fiona Smyth (Merlischachen), Florina Jakob (Horw), Manuel Andergassen (Perlen), Nikita Pfiffner (Buochs) und Silas Schmuckli (Kriens).
Neben der abenteuerreichen Geschichte klingt auch immer wieder ihre Botschaft an: Verführbarkeit als Gefahr, der Umgang mit Benachteiligten auf unserem blauen Planeten. <Wir können ihnen Essen, Trinken und Kleider schicken, dann müssen wir den Nagel nicht aus der Sonne nehmen>, schlägt Gaudi vor – das sitzt.
Nach rund 90 Theaterminuten brauchts ein Happy End. Wie es dazu kommt – das sei hier nicht verraten. Klar ist: Der donnernde Premierenapplaus war durchs Band ehrlich und honorierte das engagierte Spiel von Erwachsenen und Kindern. Die so wichtige Interaktion mit dem Publikum funktionierte perfekt. (…) Als spezieller Gast sah sich die Schweizer Erstaufführung der <Geschichte vom blauen Planeten» ihr Autor an: der isländische Schriftsteller und Dichter Andri Snær Magnason (38). Er gab sich nach der Premiere <ziemlich beeindruckt von den Reaktionen der Kinder im Publikum. Das war teilweise wie bei einem Fussballspiel, Theater sollte viel öfter in dieser Art und Weise funktionieren.> Magnason, der seine Kindergeschichte schon auf Bühnen in Toronto und Finnland gesehen hat, war sichtlich angetan von der Luzerner Inszenierung.»
Neue Luzerner Zeitung, 1. Dezember 2011