Interview – Eintauchen ins Unbewusste
Pia-Rabea Vornholt: Seinen «Liebestrank» betitelte Gaetano Donizetti als «opera buffa», dennoch ist unter dem Gewand des Komischen in der Oper viel Ernsthaftes verborgen. Was reizt dich an diesem Werk?
Lucía Astigarraga: In dieser auf den ersten Blick sehr leichtfüssig erscheinenden Geschichte ist von Krieg, Armut, Analphabetismus die Rede – Zustände, denen Donizetti und sein Librettist Felice Romani mit einem Augenzwinkern begegnen. Mir ist es ein Anliegen, die verschiedenen Ebenen dieser Komödie zu erschliessen, von naiven Momenten bis hin zur schwarzen Komödie. Dulcamara ist auf der einen Seite ein Wunderdoktor, auf der anderen ein manipulativer Guru, Adina gelingt es nicht, ihre Liebe zu einem Mann zu erkennen, der ihr gesellschaftlich unterlegen ist. Die Dorfgemeinschaft besteht aus sehr einfach gestrickten Menschen, die sich von ihren Impulsen und Fantasien leiten lassen. Aber Hoffnung und Glaube besitzen in dieser Oper eine suggestive Kraft, die das ganze Werk sehr optimistisch stimmt.
PRV: In der Partitur lesen wir, dass die Handlung in einem baskischen Dorf im 19. Jahrhundert spielt – ein Anreiz für deine szenische Interpretation?
LA: Ich stamme selbst aus dem Baskenland und habe mich von der Geschichte des baskischen Volkes inspirieren lassen: Ich zeige ein fiktives Dorf in den Bergen, das von den Nachwehen der Carlistenkriegen des 19. Jahrhunderts betroffen ist. Die Isolation solcher Dörfer überdauerte oft Jahrhunderte und so besitzt die Dorfgemeinschaft in meiner Inszenierung ein von der Natur beeinflusstes Weltbild mit eigentümlichen, extravaganten Regeln und Riten. Ich habe ihre Hoffnungen und Fantasien, ihre «ursprüngliche» Denkweise, Gefühle und Emotionen im Rahmen dieser Geschichte ins Surreale, Fantastische weitergedacht und in Bilder übersetzt.
PRV: Der Katalysator der Handlung ist ein Liebestrank oder vielmehr die Ankunft eines Quacksalbers, der das Dorf aufwirbelt…
Aída-Leonor Guardia: Dulcamara wird von der isolierten Dorfgemeinschaft zunächst als Eindringling und Bedrohung betrachtet. Für Nemorino dagegen öffnet sich mit seiner Ankunft ein Fenster zu einer neuen Welt der Möglichkeiten. Die Idee eines Liebetranks regt seine Fantasie an und löst in ihm Hoffnung auf Veränderung aus.
PRV: Ein «Perspektivwechsel» vollzieht sich auch im Rahmen eurer künstlerischen Umsetzung. Inwieweit wird es surreal?
LA: Die Szene bildet nicht eins zu eins die Handlung ab, sondern die subjektive Sicht Einzelner, sie ist eine Mischung aus Realität, Emotion, Traum, aber auch Albtraum. Dies zeigt sich vor allem in einer zeichenhaften, teils überspitzten Spielweise, die bei den Dorfbewohnern auch animalische Züge annehmen kann. Diese surrealistische Verfremdung des Geschehens dient mir als Tor zum Unterbewusstsein der Figuren, sei es kollektiv oder individuell.
AG: Nemorino projiziert in seiner Verliebtheit viel auf Adina: Für ihn ist sie eine Ikone, das Idealbild einer Frau – gleichermassen wird er von Verlustängsten geplagt. All diese Emotionen färben seine Wahrnehmung und werden zum Spiegel seines Inneren, ob in Bezug auf Adinas Erscheinungsbild oder das Verhalten der Dorfgemeinschaft ihm gegenüber.
PRV: Wie drückt sich dies im Bühnen- und Kostümbild aus?
AG: Wir spielen viel mit Farben und Verzerrungen, unterstützt durch Licht und Video, sowie mit «surrealen» Requisiten und Kostümteilen. Das Kostümbild orientiert sich an der traditionellen baskischen Tracht des 19. Jahrhunderts und ist zugleich fiktional überhöht. Ibai Labega hat sich hierfür auch von den Uniformen der Soldaten aus der Zeit Carlistenkriege, aber auch vom baskischen Karneval inspirieren lassen. Das Bühnenbild ist minimalistisch. Wichtig waren uns vor allem symmetrische Formen, lange Linien und farbige Flächen. Zentrales Element ist ein verbrannter Baum. Er symbolisiert die Vergangenheit des Krieges, den wir zu Beginn auch als Flashback erleben, und repräsentiert als Dorfmittelpunkt zugleich die gelebten Traditionen.
PRV: Die Traditionsverbundenheit und der Mangel an Bildung sind in «L’elisir d’amore» ein zentrales Thema. Nicht nur in Bezug auf die Leichtgläubigkeit der Dorfgemeinschaft gegenüber Quacksalbern, sondern auch in der Glorifizierung des Soldatentums.
LA: Der Sergeant Belcore ist für mich ein Stereotyp für den Carlismus in Spanien, eine konservative Bewegung, die den Krieg und traditionelle Werte idealisierte. Diese Denkweise macht Belcore im Dorf populär – und daher auch für Adina attraktiv. Sie bekennt sich gegenüber der Dorfgemeinschaft auch deshalb nicht zu Nemorino, weil er keinen hohen Stand besitzt. Erst, als er sozial populär ist, lässt sie sich auf ihn ein.
AG: Ich finde es in diesem Zusammenhang auch interessant, wie sehr traditionelle Strukturen und Rituale die Denkweise und Weltanschauung einer Dorfgemeinschaft prägen. Dazu gehört im Grunde auch, dass man Vieles nicht hinterfragt und anfälliger für Manipulation ist.