Interview – Auf der Suche nach Carmen

Oper
24. März 2026

 

 

Pia-Rabea Vornholt: Peter Brook hat mit seiner Bühnenfassung von Georges Bizets Oper «Carmen» die Zeitlosigkeit des ihr innewohnenden Konflikts geschärft. Seine Theatermittel basierten auf Reduktion, um die Essenz der Figuren und ihre Beziehungen miteinander offenzulegen. War dies eine Inspiration für euren Zugang? 

Ulrike Schwab: In meiner Auseinandersetzung mit dem Stoff habe ich mich sehr von Peter Brooks Arbeitsweise inspirieren lassen. Er hat die Probearbeit mit den Darstellenden als einen gemeinsamen kreativen Prozess begriffen, als eine intensive Suche nach dem Kern eines Stücks. Diese «Suche» erzähle ich auch in meiner Inszenierung. Darüber hinaus war der Körper eines Darstellenden für Brook ein zentrales Ausdrucksmittel und so haben wir uns im Zuge der Proben intensiv der Körperarbeit gewidmet. Die Verdichtung auf sechs Darstellende gibt dem Publikum die Möglichkeit, jeden Einzelnen dabei zu beobachten, wie er oder sie sich ganz individuell mit Carmens Geschichte und ihrem Mythos auseinandersetzt. Dabei geht es mir weniger um eine Erzählung der Handlung; vielmehr verstehe ich mein Konzept als eine Versuchsanordnung, die von der Performance als Kunstform inspiriert ist und auch das Publikum unmittelbar einbezieht.

Paul Zoller: Das Performative ist auch in der Gestaltung des Bühnenraums zu finden. Die zentrale Idee unseres Konzepts besteht darin, aus dem Nichts heraus etwas entstehen zu lasen. So besteht die Bühne anfangs nur aus einer spiegelnden runden Fläche, einer Art Petrischale. Wir erleben, wie diese Spielfläche sich im Laufe des Stücks transformiert: Sie wird zur Kampffläche zerlegt, zerspringt in ihre Einzelteile oder wird zu einem Raum zusammengesetzt. Am Ende bleiben nur Bruchstücke übrig von einer Möglichkeit oder Idee, wer Carmen sein könnte ...

 

PRV: Carmen wird also vor allem als Idee erfahrbar. Wer ist sie für euch? 

US: In Bizets und Constants Oper ist Carmen eine Performerin, eine Impulsgeberin, eine Katalysatorin für Begegnungen und Reibungen – das ist sie auch bei uns auf der Bühne. Zugleich erleben wir sie in der Inszenierung als «Möglichkeitsraum», als abstrakte Denkfigur an deren Rätselhaftigkeit und auch Widersprüchlichkeit wir uns abarbeiten. Mein Fokus basiert auf Carmens Rätsel, ihrer Wandelbarkeit. Mir geht es um die Suche danach, was Carmens Geschichte heute noch in uns auslöst, wer sie heute sein könnte. Von dieser Frage aus begeben wir uns auf sehr unterschiedliche Stationen, die sich mit konkreten Handlungssträngen der Oper mischen und Themenfelder wie Spiritualität oder den Tod bedienen. 

 

PRV: Wenn man an Bizets und Merimées Carmen denkt, kommt man an Sevilla des 19. Jahrhunderts kaum vorbei, assoziiert mit Flamenco, Folklore, traditionellen Rollenbildern. Hierfür habt ihr eine Übersetzung gefunden: Ein Flamenco-Kleid ... 

US: All diese Assoziationen sind Teil ihres Mythos. Das Kleid symbolisiert die auf Carmen projizierten Rollenbilder, Sehnsüchte, Erwartungen und Fiktionen. Wir fragen: Was machen diese Zuschreibungen mit mir, was löst das Tragen dieses Kleides in mir aus?

Lena Schmid: Für die Gestaltung des Carmen-Kleids habe ich wie Brook nach dem Essenziellen gesucht. Wie erzählt sich die Monumentalität dieses Mythos, dieser Traditionen? Der rote Stoff erinnert an das Leder eines Stiers. Gleichzeitig erhält es durch seinen Glanz, der die Spiegelfläche der Bühne aufgreift, eine Überhöhung und Zeichenhaftigkeit. 

 

PRV: Zeichenhaft sind auch andere Elemente des Bühnenraums, wie ein Zitat von Louise Bourgeois’ «Red Room».  Was hat es hiermit auf sich?

US: Im Zuge meiner Recherche habe ich mich mit Debatten um Geschlechtergleichheit auseinandergesetzt – auch in Gesellschaftsbereichen wie dem Sport, wo sich Frauen teils bis in die jüngste Vergangenheit ihren Platz erkämpfen mussten. So beispielsweise auch im Schweizer Schwingkampf. Zentrale Inspirationsquellen für die Figur Carmen waren für mich vor allem die Künstlerinnen Ana Mendieta und Louise Bourgeois. Der weibliche Körper war für sie nicht dekorativ oder ideal, sondern verwundbar, politisch und autobiografisch. In ihrer Kunst bedienen sie kein Narrativ, sondern der Körper oder der physische Raum wird zum Ausdruck von Erinnerungen, Traumata, Identität oder Entwurzelung. Der «Red Room» ist eine Installation mit Möbeln, Stoffen, Spiegeln, persönlichen Objekten und symbolisiert bei Louise Bourgeois Identität, Sexualität und patriarchale Machtverhältnisse. 

PZ: Der Raum ist bei uns das Bild eines Raums und spiegelt unsere konzeptionelle Idee einer «Untersuchungsfläche». Inhaltlich lässt er sich auch mit Josés innerem Zwang in Verbindung bringen, Carmen in ein für ihn passendes Rollenbild zu pressen. 

 

PRV: Im Grunde ist unser Blick auf alle Figuren, auch Don José, Escamillo oder Micaëla, von historisch geprägten Rollenbildern oder fiktiven Idealbildern befangen, die es aufzulösen gilt. Spiegelt sich dies auch im Kostüm? 

LS: Auf den ersten Blick tragen unsere Darstellenden universelle schwarze Anzüge, so dass sich ihre Charaktere nicht unmittelbar unterscheiden lassen. Die teils transparenten Kostümteile, Jacken oder die Tülle, die dazukommen, lassen jedoch einen Blick auf die eigene Haut zu. Die Figuren tragen Tattooanzüge, die mit Symbolen und Bilder bedruckt sind – bezogen auf das Militär, den Stierkampf, den Tod, Religiosität oder die Liebe. Die Tattoos symbolisieren die fiktiven Zuschreibungen oder sozialen und gesellschaftlichen Rollenerwartungen, die auf jede Figur projiziert werden. Das lässt sich in unsere eigene Lebensrealität überführen: Kaum jemand ist frei von Projektionen, Zuschreibungen, Erwartungen.

 

PRV: Das wirft die Frage auf: Wer könnte oder sollte Carmen heute sein?

PZ: Bizets und Merimées Figur Carmen ist eine aus dem männlichen Blick entstandene Konstruktion des 19. Jahrhunderts, ein Komplex aus verschiedenen, übereinander gelagerten und miteinander verschränkten Perspektiven, Haltungen, Selbstverständnissen. Für mich geht in unserem Zugang um das Offenlegen einer ganzen gesellschaftlichen Konstellation, von der Carmen ebenso ein Teil ist wie Don José, der als Figur auch sehr komplex ist. Unsere «Untersuchung» zielt darauf ab, ein Beziehungsgeflecht innerhalb eines Systems offenzulegen, um es hinterfragen und neu gestalten zu können. 

US: In meiner freien künstlerischen Auseinandersetzung mit Carmen als abstrakte Figur oder «Assoziationsraum» ist es schwer, eine klare Definition dafür zu finden, wer Carmen ist oder sein sollte. Ich möchte auch das Publikum dazu einladen, die Bilder und Emotionen, die kommen, wirken zu lassen und dabei auch ihre eigenen «Erwartungen» loszulassen. Es ist meine Einladung, sich immer wieder auf Neues einzulassen – wie auch die Figur Carmen selbst. Für mich ist sie ganz klar eine Trägerin einer Sehnsucht nach Freiheit, sie symbolisiert aber auch die Hoffnung auf einen kollektiven Widerstand gegen einengende Rollenbilder und patriarchale Strukturen.