Drei Fragen an die Librettistin Ariane Koch

Oper
28. August 2026

Medea ist eine zentrale Figur der griechischen Mythologie. Die antiken literarischen Bearbeitungen etwa durch Euripides prägen bis heute unser Bild von dieser Figur als rachesuchende Kindsmörderin, als Verstossene, Heimatlose. In deinem Libretto «Mein Name ist der Fluch» gibst du Medea eine eigene Stimme. Was war deine Inspiration?

Medea ist – neben Eva – eine der bekanntesten Frauenfiguren der Weltliteratur und ist deshalb natürlich schon in etlichen Varianten dargestellt worden. Für mich waren also zentrale Fragen, wie will und kann ich diese Figur überhaupt noch weitererzählen, wie können wir unsere Perspektive auf Medea noch erweitern? Mich interessiert die Medea-Rezeptionsgeschichte grundsätzlich. Eine für mich sehr wichtige Medea-Neuschreibung war die von Christa Wolf («Medea. Stimmen», 1996), weil ich dadurch begriffen habe, dass Neuschreibungen immer auch Übersetzungen des Stoffes für die Gegenwart sind, ihn sozusagen anschlussfähig machen. In «Medea. Stimmen» wird Medea als komplexe psychologische und in Politik verstrickte Figur hörbar gemacht. Und auch schon Euripides hatte aus einer rätselhaften Zauberin eine Kindsmordende mit Motiven der rasenden Eifersucht gemacht, was unsere Rezeption bis heute stark prägt.

Deshalb wollte ich auch das Thema der Neuschreibung in meinem Libretto aufnehmen. Dort ist es Medea selbst, die sich neu-erzählen möchte, indem sie Anträge auf Namensänderung beim Bevölkerungsdienst stellt. Sie erhofft sich durch das Ablegen ihres Namens ein Entkommen vor der Festgeschriebenheit ihrer Identität und ihrem Schicksal. Medea ist auch eine Figur mit Flucht- und Migrationsgeschichte. Viele migrantisierte Menschen begegnen täglich stereotypen Zuschreibungen von aussen, denen sie kaum entkommen können. Dabei war mir zudem wichtig, dass der Fokus weg vom Liebesdrama und den Kindsmorden hin zu einer vielschichtigeren und auch allgemeineren Figur geht, an die wir anknüpfen können.

In deinem Libretto trifft eine mythologische Figur auf heutige, starre bürokratische Strukturen. Worin lag für dich der Reiz, Paragrafen aus dem Schweizerischen Namensrecht zu zitieren?

Zunächst hat mich der sprachliche Kontrast zwischen Poetischem und bürokratischer Sprache in Verbindung mit Musik interessiert. Interessanterweise hat ja auch bürokratische Sprache eine eigene Musikalität oder Rhythmik. In solchen Ämtern wird meistens in vermeintlich emotionsloser Sprache über Hochemotionales entschieden. Ich habe beispielsweise vorher nicht gewusst, dass man laut unsere  Verfassung grundsätzlich keinen Anspruch auf Namensänderung hat, sondern schwerwiegende Gründe vorbringen muss, die auch leicht abgelehnt werden können. Meine Medea versucht mit jedem neuen Antrag auf Namensänderung ihre (Erzähl-)Strategie ein wenig zu ändern. 

Während sie sich im ersten noch vor allem an die bürokratischen und möglichst pragmatischen Regeln halten möchte, benutzt sie beim zweiten eine prosaischere Sprache und führt ihre Perspektive auf die Dinge aus. Und im dritten kehrt sie sogar zu ihrer so genannten Erstsprache zurück – dem Altgriechischen. Der Gedanke, dass sie sich in einer so genannten Fremdsprache amtlich zu verantworten hat, trieb mich um – und spiegelt ja auch im weiteren Sinne die (Alltags-)Realität vieler Menschen mit Migrationshintergrund wider.

Im dritten Teil tritt Medea zunehmend in die Metaebene ein, um hinter die Mechanismen zu kommen, die sie als «Monster» produzieren. Das Libretto wirft die Frage auf, ob unser Namen tatsächlich unsere Identität bestimmt oder vielmehr jede*r diese selbst verantwortet. Klingt am Ende die Möglichkeit eines «Ausstiegs» an?

In meinem Libretto halte ich offen, ob es Medea mit ihren Anträgen auf Namensänderung vor allem darum geht, die (prophezeiten) Gräueltaten zu verhindern, oder sie im Gegenteil anzudrohen oder sich der (künftigen) Verantwortung dafür zu entziehen – und stattdessen bereits im Vorfeld der Gesellschaft die Schuld daran zu geben. Der letzte Teil gehört Medea am meisten, weil sie in ihrer eigenen poetischen Sprache singt – ohne sich der fremden Sprache zu beugen. Die Musikalität dieser Sprache ist sehr anders – insbesondere im Vergleich zum bürokratischen, starren Deutsch – und zeigt die Figur sofort als eine andere, vielleicht als die, die sie nach und nach gefunden hat. 

Ob dem dritten und letzten Antrag auf Namensänderung stattgegeben wird, bleibt offen, aber vielleicht benötigt sie auch gar keinen neuen Namen mehr, sondern ist bereits dabei, eine Neu-Schreibung zu vollziehen, sich also selbst zu einer anderen zu transformieren – unabhängig von ihrem Namen. Dabei bleibt natürlich die Frage bestehen, wie viel Neu-Schreibung des eigenen Selbsts ist eigentlich möglich?

 

Im Foto: Probeneinblick zu «Mein Name ist der Fluch» mit Solenn’ Lavanant Linke (Foto: Manuela Jans)