Schauspiel, Luzerner Theater

Schauspiel 21/22

Von Katja Langenbach
Schauspiel
18. Mai 2021

Liebes Publikum

Wir kennen uns noch nicht. Weder wissen Sie, wer ich bin, welches Theater ich mache und welche Menschen ich mit nach Luzern bringe, noch weiss ich, wer Sie sind, welche Wünsche Sie haben und welche Fragen Sie umtreiben.

Was werden wir aneinander mögen, was nicht? Was interessiert uns aneinander? Wo können wir etwas voneinander lernen? Was verstehen wir voneinander und was nicht?

Katja Langenbach, Luzerner Theater

Genau durch diese gegenseitige Befragung zwischen uns und Ihnen entsteht Theater. Durch den Kontakt. Durch die Berührung. Das liest sich fast wie eine Provokation in diesen Zeiten der physischen Distanzierung. Doch genau das ist mein grösster Wunsch: dass es uns immer wieder gelingt, einen Funken auf der Bühne zu entzünden, der zu Ihnen überspringt. Dass wir anders aus dem Theater herausgehen, als wir hereingekommen sind. Dass wir uns im Theater neu erfinden können. Das gelingt nicht täglich. Aber wenn es uns gelingt, Kopf und Herz zu entzünden, dann findet eine Berührung statt. Eine Berührung im Sinne der antiken Katharsis. Und wir alle wissen seit einem Jahr, wie wichtig das ist, um uns lebendig zu fühlen.

Bis zum Innersten wollen wir deshalb reisen. Gemeinsam mit Ihnen.

Was bedeutet das für unsere Theaterarbeit? Das habe ich die Schauspieler*innen und Dramaturg*innen gefragt, die im Sommer 2021 nach Luzern ziehen und hier das neue feste Schauspielensemble des Luzerner Theaters bilden. Aus den Antworten ist unsere gemeinsame Landkarte entstanden, eine Mindmap, die wir hier für Sie ab gebildet haben.

Schauspiel, Luzerner Theater

Unsere Karte verweist auf verborgene Orte, die wir erforschen möchten. Dabei wollen wir nicht nur auf den Verstand zurückgreifen, sondern alle Sinne nutzen, die uns zur Verfügung stehen. Wir haben uns gefragt: Wann entstehen die grössten Glücksmomente im Theater und im Leben? Ist es nicht oftmals dann, wenn wir nicht wissen, sondern fühlen? Wenn wir wissen, ohne zu verstehen? Wenn Gedanke und Tat eins sind? Wenn unsere Instinkte uns führen, unser Bauchgefühl?

Aber natürlich können Sie mit uns auch in andere Landschaften reisen, in denen die Köpfe rauchen, die Argumente messerscharf sind und die Ekstase aus der Analyse kommt.

Das macht uns zu Menschen, und das macht das Theater menschlich: dieses Wechselspiel von Verstehen und Spüren, von Lachen und Schmerz, von Poesie und Realität.

Im Innersten warten auch Überraschungen. Weisse Flecken auf der Landkarte. Unbekanntes Terrain. Ich finde: es gibt nichts Schöneres, als von sich selbst überrascht zu werden! Das ist aber nur möglich, wenn wir uns öffnen – für die Kolleg*innen und für Sie, unser Publikum. Wenn wir bereit sind, in einen gemeinsamen Denk- und Fantasieraum einzutreten. In einen Raum, der uns zu neuen Perspektiven und Veränderungen herausfordert. Hier können wir bis zum Äussersten gehen, um zum Innersten zu kommen! Hier zeigt sich Kompromisslosigkeit als Kraft genauso wie die Fähigkeit loszulassen und sich zu offenbaren. Hier dürfen Fragen auch unbeantwortet bleiben, denn im Kern unserer Arbeit steht die Suche. Die Suche nach dem, was uns und unser Dasein ausmacht.

Auf unserem Weg wird der Blick vor und zurück schweifen. An Orte der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Wir entdecken sie immer als heutige Menschen! Aus dem Jetzt heraus! Wir werden zu neuen Aussichtspunkten gelangen auf unserer Reise zum Innersten, aber auch an verwundete, unbequeme oder vernarbte Stellen. Vielleicht müssen wir uns auch mal verlaufen, um das Ziel zu finden, oder Joseph Roth kann uns die Richtung zeigen, wenn er sagt:

«Menschen sind wir, Menschen! Schlecht und gut! Gut und schlecht! Nichts anderes als Menschen.»

Roths Bemerkung hat uns in der Zusammenstellung des Spielplans geleitet und sie fasst in ihrer Schlichtheit zusammen, wie das Schauspiel für Luzern aussehen soll: ein Theater von Menschen für Menschen. Ein Theater der Menschlichkeit vom innersten bis in den äussersten Kreis. Ein Theater der Vielfalt – mit unterschiedlichsten Künstler*innen, Ästhetiken und Genres und mit Ihnen, unserem vielseitigen Publikum! Ein Theater, das uns unterhält mit grossen Stoffen, mit zeitgenössischen Inhalten und mit spielerischen Experimenten. Ein Theater, das eine physische Unmittelbarkeit hat und das dabei die Sprache und den Gedanken gleichermassen liebt. In jedem Fall aber ein Theater, das lebt und nicht vor der Anstrengung zurückschreckt, nach den innersten Zusammenhängen zu forschen.

Ich lade Sie herzlich dazu ein, mit uns diese Landkarte weiterzuzeichnen, sie wachsen zu lassen und neu zu gestalten. Ich freue mich auf den gemeinsamen Weg und auf all die Begegnungen und Entdeckungen. Auf die Berührung und die Funken!

Ihre Katja Langenbach

Schauspiel, Luzerner Theater