Oper, Luzerner Theater

Oper 21/22

Von Lydia Steier
Oper
18. Mai 2021

Liebes Publikum

«Der Zweck des Schauspiels sowohl anfangs als jetzt war und ist, der Natur gleichsam den Spiegel vorzuhalten; […] dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck seiner Gestalt zu zeigen.»
William Shakespeare

Diese Zeilen sind zu meinem Mantra als Regisseurin geworden. Begegnet sind sie mir erstmals an der Hochschule im Fach Textanalyse – und seitdem lassen sie mich einfach nicht mehr los. Während meines Gesangs– und Regiestudiums in den USA wurde allerorts hitzig über das Für und Wider «traditioneller» und «moderner» Inszenierungen debattiert. Dabei waren diese Kategorisierungen auch immer die Kurzbeschreibung für Produktionen, die entweder gefällig waren oder die Mehrheit des Publikums mit den Augen rollen liessen.

Hamlet zufolge gibt es gar kein «traditionell». Und ja, was bedeutet traditionell überhaupt? Die berühmte «Tosca»-Inszenierung von Franco Zeffirelli mit Maria Callas in der Hauptrolle ist von 1964. Und sie sieht auch aus wie eine Produktion von 1964. Die Wahrnehmung des Prädikats «traditionell» speist sich immer aus den ästhetischen Standpunkten der eigenen Epoche. Ziel des Spielens, Erschaffens, von Theater an sich ist es, der Natur einen Spiegel vorzuhalten und uns ein Detail mehr davon zu zeigen, wer wir sind. «Dem Jahrhundert und Körper der Zeit» – das meint ja nicht den Moment der Uraufführung eines Werkes, im Falle von «Tosca» das Jahr 1900, oder die Zeit der beliebtesten Interpretation, beispielsweise 1964. Es meint jetzt! Es geht immer um uns und die Fragen unserer Gegenwart.

Oper, Luzerner Theater

Das bedeutet keineswegs, dass wir daran gebunden sind, unser modernes Leben eins zu eins auf die Bühne zu übersetzen – das müssen wir wirklich nicht. Es gibt Regisseur*innen, die sich auf eine fotorealistische Wiedergabe unserer Gesellschaft spezialisiert haben, meine Anziehungspunkte waren hingegen immer Fantasie und Show. Grosse Broadway-Tanznummern, die Arbeit von Busby Berkeley, Zirkus und Burleske, Drag-Performances etc. Vor allem durch Letzteres war und bin ich stets aufs Neue fasziniert – wie Künstlichkeit auf einzigartige Weise die Wahrheit freilegen kann. In meinen letzten Schuljahren habe ich im Nebenjob in einem Kostümverleih in Hartford, Connecticut, gearbeitet, der abends zum Treffpunkt für ortsansässige Dragqueens wurde. Oft wurde ich Augenzeugin, wie sich ein schüchterner, unsicherer, seine wahre Identität verheimlichender junger Mann in eine Diva in Pailletten verwandelte. Und sich dabei ganz nebenbei zu glühender Wahrhaftigkeit aufschwang. Nicht das Aussortieren oder Reduzieren half, an die Essenz zu kommen, sondern das Gegenteil: erst die ästhetische Maximierung konnte sie freilegen.

Diese Szenen erschienen mir so «opernhaft», dass ich begann, mich zu fragen, ob das gleiche Prinzip auch für die Bühne funktionieren könnte. Wäre es möglich, dass Maximalismus gar nicht vom Narrativ ablenkt, sondern vielmehr verdichtet und stärkt? Vielleicht könnte ein gut kuratiertes Spektakel sogar politische Dimensionen unserer Zeit erlebbar machen und gleichzeitig ein sinnliches, kurzweilig-erhebendes Opernerlebnis sein. Überfluss als Schlüssel zur Klarheit. Oftmals war die ästhetische Kargheit «moderner» Inszenierungen Angriffsfläche für Spott. Ist eine von aller Dekoration befreite Bühne zwangsläufig die bessere Spiegelfläche für die Natur unserer Zeit?

Nicht wirklich.

In der Entwicklung meines ästhetischen Zugangs als Bühnenschaffende wurde es zu meinem Ziel, die innersten Wahrheiten eines jeden Stücks zu finden und sie für das Publikum auf sinnliche, opulente, oftmals ironische, einladende Art sichtbar zu machen. Zuschauenden Türen öffnen, um neu über Frage- und Problemstellungen unserer Zeit nachdenken und ihre Lebensrealität anders wahrzunehmen, stand dabei stets im Zentrum. Meine Mission lautet: herausfordern und verführen. Und dabei eine Form für intelligente Unterhaltung zu finden; in einer Theaterlandschaft, die zu oft von Arbeiten geprägt war, die entweder sinnentleert frivol oder abschreckend streng in ihrer Botschaft waren.

Oper ist eine herausfordernde Kunstform. Wir widmen uns in unserer Arbeit Stoffen, die Jahrzehnte und oft genug sogar Jahrhunderte alt sind. Die Handlungsorte und Themen können fremd, die Situationen fern oder – oberflächlich betrachtet – sogar irrelevant sein. Als wäre das nicht genug, wird alles von Figuren zusammengehalten, die singen, anstatt miteinander zu sprechen. Obwohl der direkten Kommunikation mit dem heutigen Publikum so viele Hindernisse im Weg stehen, würde ich behaupten, dass keine andere Kunstform es schafft, Menschen so unmittelbar und instinktiv zu erreichen, wie die Oper. Selbst ein Werk, das 300 Jahre alt ist, kann seine Relevanz und die Fähigkeit, uns zu berühren, zweifelsfrei unter Beweis stellen – wenn es in der Lage ist, die Gesellschaft zu befragen, in der wir leben. Wenn es unsere Sehnsucht nach Schönheit stillt, die uns im heutigen Alltag oft fehlt.

Meine Arbeiten sind gerne opulent – dekorativ sind sie dabei jedoch nie. Es gibt immer eine Direktheit, eine Ehrlichkeit und den kritischen Blick ins Epizentrum durch den metaphorischen Spiegel.

Lydia Steier, Luzerner Theater

Vor einigen Jahren gab es ein Publikumsgespräch zu meiner Inszenierung von G. F. Händels «Jephtha» für die Wiener Festwochen. Eine Frau beschrieb damals, sie hätte während der Inszenierung «durch ein Fernrohr ins Innere geschaut». Diese Worte klangen mit ähnlicher Kraft in mir nach wie das Zitat von Shakespeare. Ein über 250 Jahre altes Stück, gespielt auf historischen Instrumenten, das einen inhaltlich ins antike Judäa mitnimmt, hatte in ihr die Möglichkeit geöffnet, in sich selbst zu blicken. Es lag eine Wahrheit in diesem Erlebnis, die sie zutiefst bewegte und erstaunte.

Für Künstler*innen gibt es selten so etwas wie «ankommen». Es geht immer um Suchen und Streben, um das Erleben durch Entdeckungen, Experimente, Fehler und glückliche Zufälle – eine Metamorphose nach der anderen. Ich freue mich sehr, dass Luzern ein neuer Arbeitsmittelpunkt für mich wird, zu dem ich Künstler*innen einladen möchte, welche in der Zielsetzung das Gleiche anstreben, in ihrem Zugang aber wundervoll unterschiedlich sind. Gemeinsam wollen wir nach einer Form von Theater forschen, die sowohl opulent ästhetisch als auch schonungslos ehrlich und kritisch ist. Wir freuen uns auf unser Publikum in Luzern, für das wir in jeder Produktion eine neue, aufregende Bühnenwelt erschaffen wollen – scheinbar fern, doch immer wieder elektrisierend und unmittelbar nah.

Ihre Lydia Steier