Maria, Luzerner Theater

Maria: Von mutigen Spieler*innen, verschlammtem Kies und dem tieferen Sinn der Worte

Schauspiel
Jung
7. September 2021

Schauspieldramaturgin Melanie Oşan im Gespräch mit der Schauspieldirektorin und Regisseurin Katja Langenbach zu ihrer Eröffnungsinszenierung und Schweizer Erstaufführung «Maria» des britischen Autors Simon Stephens

Fotos: Ingo Hoehn

Melanie Oşan: Liebe Katja, Du inszenierst zum zweiten Mal ein Stück von Simon Stephens – worin liegt für Dich die Besonderheit, aber auch die Herausforderung in der Auseinandersetzung mit diesem Autor?

Katja Langenbach: Man kann graben und graben und wird immer wieder fündig. Das ist eine Riesenfreude. Ich meine damit, dass die Stücke dramaturgisch sehr klug gebaut sind: die Motive, der Rhythmus, die Querverweise sind sehr durchdacht. Das gibt einem Halt beim Inszenieren und fordert heraus, alle Schichten zu entdecken. Ausserdem schreibt Simon Stephens starke Dialoge, hat einen scharfen und liebevollen Blick auf die Menschen. Seine Figuren leben, man spürt ihr Herz schlagen.

MO: Was führte zu der Entscheidung die Spielzeit und Deine Schauspieldirektion mit «Maria» zu eröffnen?

KL: Mir ging es darum, ein Familienstück zu inszenieren, das alle Menschen ab 16 ins Theater einlädt. Ein Stück für alle Generationen. Und mir ging es darum, Menschen zu zeigen in all ihren Verfehlungen und Liebenswürdigkeiten. Menschen, die versuchen, zueinander zu kommen und trotzdem allein bleiben. Die Einsamkeit schiebt sich wie eine Wand zwischen jede Begegnung. Das ist ein sehr aktuelles Lebensgefühl, glaube ich, bedingt durch die Pandemie. Aber es ist kein trostloser Text. Das finde ich so toll. Das Stück enthält so viel Hoffnung und Humor und meine herausragenden Spieler*innen berühren mich immer wieder tief, wenn sie mir zeigen, wie jede*r sich abrackert in dem Versuch, zu lieben und der Hoffnung geliebt zu werden.

Maria, Luzerner Theater

MO: Das Stück «Maria» bezieht sich auf die biblische Maria, auch werden einige religiöse Motive aufgegriffen: Wie bist Du mit den mitschwingenden Glaubensfragen umgegangen?

KL: Im Stück dreht sich alles um die Frage: was gibt mir Halt in existentiellen Situationen – besonders, wenn die engsten Menschen nicht für mich da sind? Da liegt die Glaubensfrage nicht fern. Wenn die Figuren im Stück nicht an einen Gott glauben können, der sie aus ihrer Einsamkeit erlöst – woran können sie sich dann festhalten? Das Stück zeigt auf die spirituelle Lücke in heutigen Biografien und die Sehnsucht danach, einen Ersatz zu finden. Die Menschen suchen einen Sinn, indem sie sich in Chatrooms auf die Suche nach erfüllenden Begegnungen machen, indem sie in Fitnessstudios ihr Körpergefühl verbessern, indem sie Familien gründen, sich Hunde zulegen, in Fussballstadien gehen, usw. Aber letztlich fehlt etwas: eine innere Gewissheit, ein Glaube an etwas Grösseres als das eigene Ich.  Alle suchen nach dieser Erfahrung von Aufgehobensein und Liebe. Die jugendliche Maria hat diesen leuchtenden Kern in sich, diese Kraft. So wird sie zur modernen Beichtmutter, zur Trostspenderin und zum Angelpunkt – obwohl sie selber verlassen und verunsichert ist.

MO: «Maria» bezieht sich auf die britische Gesellschaft und Lebensrealität – wie können wir uns darin wiederfinden? Wie beziehst Du es auf unsere Realität in der Schweiz?

KL: Ich glaube, diese Frage habe ich mit den vorherigen schon beantwortet. Die Themen im Stück sind universell. Wir müssen für die Schweiz keine Anpassungen machen. Das Lebensgefühl, das im Stück beschrieben wird, gilt hier wie dort.

MO: Die Leseerfahrung divergiert oftmals von der Erfahrung, die man während des Inszenierens macht. Was hast Du während der Proben Neues im Stück entdeckt?

KL: Es ist bei Simon Stephens immer wieder verblüffend, wie hinter jedem Satz, auch wenn er noch so alltäglich und floskelhaft wirken mag, ein tieferer Sinn steckt. Diese permanente Reibung zwischen der Oberfläche des Gesagten und des eigentlich Gemeinten deckt man eigentlich erst während der Proben auf. Das ist sehr aufregend, denn das Stück und seine Figuren blättern sich ganz neu in all ihrer Vielschichtigkeit auf.

Maria, Luzerner Theater

MO: In der Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Künstler*innen (Schauspiel, Musik, Bühne usw.) entstehen immer wieder besondere Situationen. Hast Du einen bemerkenswerten Moment während der Probenzeit erlebt, den Du mit uns teilen kannst?

KL: Wir hatten einige Überraschungen, die vor allem mit dem Bühnenraum zusammenhingen. Zum Beispiel der Moment, in dem der Kies in die Box gepumpt wurde. Dabei wurde festgestellt, dass die Steine ganz verschlammt sind. Deshalb mussten wir die ganze Prozedur wiederholen. Das war eine grosse Zusatzanstrengung für die Technik und die Spieler*innen. Alles nochmal raus, putzen und wieder rein. Eine Woche in Staub und Dreck proben usw. Ich bin sehr froh, dass es schlussendlich geklappt hat, denn wir sind schon ganz verwurzelt in dieser Steinwüste und können nicht mehr ohne.

MO: Das Schauspielensemble am Luzerner Theater ist neu zusammengestellt. Die Schauspielenden arbeiten zum ersten Mal zusammen und zum ersten Mal mit Dir: was für eine Art von Ensemble erwartet uns?

KL: Mutige Spieler*innen, finde ich, die die grosse Fähigkeit haben, etwas von sich preiszugeben und dabei die Bühnenvorgänge präzise führen können. Ein lustvolles und uneitles Ensemble, das in kurzer Zeit sehr zusammengewachsen ist und sensibel miteinander umgeht. Ich bin immer wieder sehr berührt von dem, was auf der Probe bzw. auf der Bühne passiert. Wie sich die Leute die Aufgaben greifen und weiterentwickeln und für sich füllen. Du merkst: ich bin ein Fan!

MO: Was würdest Du den Zuschauer*innen für die Inszenierung mit auf den Weg geben?

KL: Ich möchte keine Lesart vorgeben und keine klugen Ratschläge machen. Theater erlebt jede*r anders. Ich wünsche mir, dass wir einen Schlüssel gefunden haben, damit das Stück jede*n irgendwie erwischt. Ich wünsche mir, dass jede*r sich einlassen kann, etwas mitnehmen kann und vor allem: dass der Abend Spass gemacht hat.

Maria, Luzerner Theater