Luzerner Theater

Herzlich Willkommen zur Spielzeit 21/22!

Von Ina Karr
Oper
Schauspiel
Tanz
Jung
18. Mai 2021

Liebes Publikum

Luzerner Theater

Mit einer grossen Einladung an alle Luzerner*innen, mit einer Eröffnungspremiere, die sich, vom Theater ausgehend, in die ganze Stadt verbreitet und das Theatermachen an verschiedenen Orten in der Stadt unmittelbar erlebbar macht! Ein Auftakt, der in dem Moment, wo ich diese Zeilen schreibe, immer noch mit der Frage verbunden ist: Wie frei können wir den Start im Sommer tatsächlich gestalten? 

In den letzten Monaten sind wir Theaterschaffende uns aufgrund der Reise- und Kontaktbeschränkungen grösstenteils auf dem Computerbildschirm als bewegte Porträtwand begegnet, haben uns also nicht auf «social distancing» beschränkt, sondern uns im «distant socialising» geübt. Dort konnten wir uns austauschen, uns auf gedankliche Reisen begeben und Fährten für die kommenden Spielzeiten legen. Vor allem haben wir uns immer wieder dorthin imaginiert, wo wir sein möchten: ins Theater, auf die Bühnen, mit all den Menschen, die in diesem Heft versammelt sind und mit denen wir die nächsten Spielzeiten in allen Sparten Theater machen werden.

Der Komponist Helmut Lachenmann hat während des ersten Lockdowns in einem Briefdialog geschrieben, dass Kunst unverzichtbar sei «als Erinnerung an unsere Fähigkeit, uns, unser Denken und Fühlen immer weiter zu öffnen, unseren ästhetischen Horizont zu erweitern und – als – die Erinnerung an unsere Vergänglichkeit mit intensivster Lebensfreude zu verbinden».

Die implizit formulierte Aufforderung, aus dem eigenen Denk- und Fühlhorizont hinauszutreten, entfacht für mich eine befreiende Energie in dieser Phase, in der wir zunehmend am eigenen Leib erfahren, dass der Mensch bei aller Individualität ein durch und durch soziales Wesen ist. Und gleichzeitig beschreibt Helmut Lachenmann damit das Vermögen der Kunst, sich leidenschaftlich mit unserer Existenz zu befassen.

Neben den Spartenleiter*innen Lars Gebhardt, Katja Langenbach, Wanda Puvogel, Lydia Steier und mir selbst haben wir ein vielstimmiges, vielfältiges und starkes Ensemble von Künstler*innen überzeugen können, mit uns nach Luzern zu kommen oder hier zu bleiben.

Für die Fotos dieses Hefts haben wir – der Situation gemäss – die Mitglieder unseres Ensembles gebeten, sich selbst zu fotografieren und gleichzeitig das, was sie im Blick haben. Verbunden mit den Fragen: Welchen persönlichen (Aus)blick bringt ihr mit?

Was trägt euch, in der Fantasie und in Gedanken, aus den eigenen vier Wänden? Luzerner Theater

Im Dialog miteinander möchten wir Ideen entwickeln und leidenschaftlich Theater machen. Dabei gehen wir «Bis zum Innersten» – so die Überschrift für unsere erste Spielzeit. Das heisst nicht nur, sich auf den Weg dorthin zu machen, sondern dabei auch etwas zu wagen. Es bedeutet, existenziellen Stoffen und starken Figuren zu vertrauen, sie aus heutiger Perspektive neu und engagiert zu befragen. Und neue Geschichten zu erfinden, mit neuen Dramaturgien.

Ein spannender Ort dafür ist das UG, das seinen alten Namen zurückerhält und das wir, neben Bühne und Box, als Spielort wieder in das Theater integrieren. Es eignet sich für Experimente und Begegnungen besonders gut. Hier werden Uraufführungen gezeigt ebenso wie neue Formsprachen; spartenübergreifende Performances sind hier zu erleben wie auch laborartige Reihen aus den Kreisen unseres Ensembles und der Freien Szene. Auch für die jungen Nachwuchskünstler*innen am Haus, die wir mit unserem Mentoratsprogramm «Reflektor» fördern, wird das UG ein Spielort sein. Und das Gespräch mit Ihnen, liebes Publikum, soll hier zur Selbstverständlichkeit werden.

Wenn es um grosse menschliche Fragen geht, sind Menschen bereit, bis zum Äussersten zu gehen. Gerade darin offenbaren sie ihr Innerstes, ihre tiefsten Wünsche gleichermassen wie ihre grössten Abgründe. So beantwortet Shakespeare die Frage nach der Souveränität der eigenen Entscheidung damit, dass er den Menschen, ganz im aufklärerischen Sinne, in seine Verantwortung setzt – so etwa in «King Lear» und «Macbeth». Auf die Suche nach Souveränität begeben sich auch die Protagonistinnen in den Schweizer Erstaufführungen «Maria» und «LIEBE / Eine argumentative Übung». Sie hinterfragen auf komische und energische Art überlieferte Geschlechterbilder und tradierte Machtverhältnisse. Im Zentrum steht dabei die Sehnsucht nach einer nicht manipulierten Liebe. Doch wie lange kann man sich den Idealen hingeben, wenn das Geld knapp ist? So fragen die Absteiger in Horváths Pension «Zur schönen Aussicht». Auch in der Filmadaption «Network» wird alles verkauft, was Profit verspricht. Die psychische Zerrüttung eines Moderators wird vom Fernsehsender gnadenlos vermarktet, moralische Einwände werden von populistischen Phrasen übertönt. Eine Welt, die aus den Fugen ist, beschreibt auch Anna Seghers in ihrem Epos «Transit». Sie verweist damit stellvertretend auf die vielen Schicksale der Heimatlosen und Entrechteten von 1942 bis heute. Doch vielleicht können Träume uns retten, Verstellung, Selbstbetrug und die Konvention der Lüge? Dies beleuchten am Ende der Spielzeit Heinrich von Kleist mit seinem Lustspiel «Amphitryon» und die ROTES VELO Kompanie mit «Traummaschine».

Mit dem Spektrum dieser gegenwärtigen Themen wollen wir möglichst vielen Menschen die Tür in unser Theater öffnen. Das zeitgenössische Autor*innentheater liegt uns dabei besonders am Herzen. Ausgehend vom Luzerner Attentat im Jahr 2001, beschäftigt sich Autor und Dramaturg Dominik Busch in seinem dokumentarischen Stück «Der Chor» mit der Frage, wie unsere Gesellschaft mit Terror umgeht. In «Perelà» setzt sich der französische Komponist Pascal Dusapin mit seiner nuancenreichen Klangsprache mit der Manipulierbarkeit einer Gesellschaft auseinander. Darüber hinaus stellen wir jedes Jahr eine Komponistin vor. Die chinesische Tonkünstlerin Du Yun mit ihren (gesellschafts)kritischen Fragen zum Umgang mit der Vielstimmigkeit der Welt, die sie auch in ihrer Musik erlebbar macht, wird die erste Komponistin in Residence sein. In jedem Jahr gestaltet zudem ein*e Videokünstler*in eine Oper. Sarah Derendinger macht mit «The Rape of Lucretia» den Anfang und arbeitet mit filmischen Mitteln die Möglichkeiten der Interpretation von Wahrheit heraus. Die Neuproduktion von Händels «Il Trionfo del Tempo e del Disinganno» verbindet eine dokumentarische Recherche zu aktuellen Schönheitsdiskursen mit dem frühen Oratorium um Lebenslust und Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit. Sie bringt dabei Schauspiel und Oper in einen interdisziplinären Dialog.

Im Tanz laden wir in der kommenden Spielzeit sechs Choreograf*innen mit ganz unterschiedlichen Tanzsprachen nach Luzern ein. Sie alle werden mit den Ensemblemitgliedern von TanzLuzern neue Kreationen erarbeiten. Dabei entstehen mehr als jeweils eigenständige Choreografien. So treffen in «From Human to Kind» drei sehr verschiedene Künstler*inpersönlichkeiten mit gänzlich unterschiedlicher kultureller Prägung aufeinander: Muhammed Kaltuk, Hip-Hop-Choreograf aus Basel, der in London lebende südafrikanische Balletttänzer Mthuthuzeli November und Inbal Pinto, eine der bekanntesten Choreografinnen der israelischen Tanzszene. Die Konzeption dieses Programms entstand von Anfang an zusammen, im Austausch darüber, welcher Themenbereich ihnen wichtig ist und wie sie sich ihm annähern wollen. Ziel war, alle Drei aktiv einzubinden in den Prozess, aus ihren heterogenen künstlerischen Ansätzen einen gemeinsamen Abend zu formen. Yabin Wang aus China und Erion Kruja aus Albanien werden sich den Abend mit dem Luzerner Sinfonieorchester teilen und ebenfalls im Austausch miteinander gestalten. Die Genfer Choreografin Laurence Yadi schliesslich bezieht sich mit ihrer eigenen sinnlichen Tanzsprache «fuittfuitt» in einer rauminstallativen Arbeit auf diese letzten Monate voller Unwägbarkeiten. Zur kommenden Spielzeit werden wir ausserdem eine eigene Sparte für Kinder und Jugendliche gründen: das Junge Luzerner Theater. Gerade das junge und jüngste Publikum verdient unser Augenmerk. Im Sinne eines Spielplans, der sich mit den Themen ebendieses Publikums befasst und die jungen Menschen mit ihrem Erfahrungshintergrund daran teilhaben lässt. Viel zu oft wird das junge Publikum lediglich als eines bezeichnet, das es für die Zukunft zu gewinnen gilt. Das ist sicher auch wünschenswert. Aber, wie der dänische Autor Jesper Juul in einer seiner Publikationen kurz und knapp formuliert: «Das Kind ist. Punkt.» Kinder und Jugendliche sind vor allem Teil unseres heutigen Publikums. Deshalb bieten wir mit den Künstler*innen aus Oper, Schauspiel und Tanz in dieser neuen Sparte Theater für junges und jüngstes Publikum an. Punkt. Dabei leitet uns ein forschender Blick, mit dem wir beispielsweise im Musiktheater auf die Reise gehen und nach Klängen und Ausdrucksmöglichkeiten der Musik suchen. Die Leiterinnen des Figurentheaters, Sibylle Grüter und Jacqueline Surer, laden in der kommenden Spielzeit mit «Flow» auch ein sinnliches Objekttheater für das ganz junge Publikum ab zwei Jahren ein. Und mit «Emil und die Detektive» möchten wir zusammen mit der Band Silberbüx in einem grossen Abenteuer den Themen Selbstermächtigung und Freundschaft nachgehen.

Zurück zum Beginn, zur Eröffnung: Erzählen und Spielen sind einfache und doch grundlegende Elemente des Theaters. Ein Meister des Spiels war Mauricio Kagel. Der argentinische Komponist hielt mit seinem Werk «Staatstheater» vor fünfzig Jahren mit opulenter Geste dem Theater als Institution den Spiegel vor und stellte damit die Frage nach seiner Aufgabe in der Gesellschaft. Mit allen Sparten wird Regisseurin und Operndirektorin Lydia Steier zu Beginn unserer ersten Spielzeit mit dieser Frage in einer grossen Collage auch die Stadt zur Bühne machen.

Wir freuen uns auf Sie, liebes Publikum, darauf, Spielen und Erzählen in Ihren und unseren Alltag zurückzubringen und gemeinsam «Bis zum Innersten» zu reisen. Seien Sie herzlich eingeladen!

Ihre Ina Karr

Ina Karr, Luzerner Theater