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Schauspiel

Wie erklärt man einem jungen Menschen eine Welt, die man selbst nicht wirklich versteht?

Dramaturg Gábor Thury im Gespräch mit dem Regisseur Franz von Strolchen über seine neue Inszenierung «TELL - eine wahre Geschichte» am LT
Bilder: Ingo Hoehn
 

Tell - eine wahre Geschichte, Luzerner Theater

Du machst in der Regel Autorentheater, das heisst du schreibst deine eigenen Stücke und inszenierst sie auch für die Bühne. Diesmal aber hast du einen Klassiker, Schillers Tell, als Vorlage für dein neues Stück genommen. Was hat dich an der Geschichte von Tell interessiert, und dieses Stück zu deinem künstlerischen Ausgangspunkt werden lassen?

Ich beschäftige mich immer mit Themen, die mir zufliegen, Dinge, die mir auffallen, im Alltag, im Leben Anderer und in meinem. Ich war viel mit meinem kleinen Sohn am Vierwaldstättersee unterwegs und dabei kommt man um die Geschichte von Tell nicht herum. Mein Sohn hat mich einmal in Altdorf vor dem Telldenkmal stehend gefragt, wer denn der Mann mit der Armbrust sei – ich konnte es ihm nicht genau erklären. Wahrscheinlich, weil es grundsätzlich nicht einfach ist, einem kleinen Kind die Welt zu erklären: Das Bild von einem Jungen, der zu seinem Vater aufschaut und von ihm Antworten erwartet. Wie erklärt man einem jungen Menschen eine Welt, die man selbst nicht wirklich versteht?

 Die Beziehung zwischen Vater und Sohn steht im Fokus deiner Neubearbeitung des Mythos, und die Geschichte gewinnt dadurch eine sehr persönliche Ebene. In Schillers Text ist die Figur von Walter eher ein Nebendarsteller, auch wenn sie mit einem Schlüsselmoment verbunden ist. Wie wurde aus ihm ein Hauptdarsteller in deiner Adaption?

Ich hatte hier in der Gegend um Luzern bisher schon den Eindruck, dass die Figur von Walter sehr wichtig ist. Jeder kennt das „Walterli“. Mehr vielleicht als andere wichtige Figuren im Stück. Das hat natürlich mit der berühmten Apfelschuss-Szene zu tun, aber wahrscheinlich auch damit, dass die meisten von uns einen Vater haben. Das klingt jetzt vielleicht banal, aber jeder von uns war als Kind wahrscheinlich schon mal in der Situation, in der die Eltern vor unseren Augen in eine stressige, herausfordernde Situation geworfen wurden. Wir alle sind/waren deshalb Walter. Für mich ist er die stärkste Identifikationsfigur in diesem Mythos. Deswegen ist er auch die eigentliche Hauptfigur – emotional gesehen ist er das auf jeden Fall.

Welche Motive, Handlungen, Figuren der literarischen Vorlage haben deine Tell-Adaption am stärksten geprägt?

Ich habe mir beim Schreiben eine Aufgabe gestellt: Ich wollte jeden der fünf Aufzüge aus Schillers Vorlage verarbeiten, ausschliesslich mit dem Personal aus dem Text umgehen und gleichzeitig so frei wie nur möglich dabei sein – nur das zu erzählen, was mich interessiert. Ich würde sagen, dass ich sehr viele Motive aus Schillers Vorlage umgesetzt habe – eine unterjochte Welt, eine grosse Ungerechtigkeit, die den Menschen widerfährt, ein Held, der eigentlich keiner sein will, das Ausüben von Gewalt im Austausch für ein Versprechen auf eine neue Ordnung. Nur, dass es bei mir, im Gegensatz zu Schiller, keine einzelne Person gibt, die die Unterjochung symbolisiert (wie Schillers Gessler), sondern die Zusammenhänge viel komplexer, und nicht auf eine Person oder auf eine einzelne Sache herunter zu brechen sind. Denn gesellschaftliche Ungleichheit ist, auch wenn wir das oft gerne so beschreiben möchten, nicht immer nur das eine oder das andere. Viele kleine Dinge führen zu Missständen – man muss mittlerweile schon an sehr vielen Schräubchen und Rädern drehen, um die Welt-Maschine neu zu kalibrieren.

Tell - eine wahre Geschichte, Luzerner Theater

Nach der dystopischen Welt deiner letzten Luzerner Inszenierung «Taylor AG», beschäftigst du dich in «TELL» wieder mit einer zukünftigen Welt, die zugrunde geht. Dienen solche Szenarien besser als Modell, um etwas Bestimmtes auf der Bühne zu zeigen?

Bei beiden Arbeiten ist es so, dass das Bild, das ich entwerfe eigentlich nicht so weit von unserer Realität entfernt ist. War es bei der «TAYLOR AG» das Ende eines Arbeitsbegriffes - – so wie wir ihn in den letzten 150 Jahren kennengelernt haben –,  ist es bei «TELL» eine Welt, die aufgrund von unterschiedlichsten gesellschaftlichen Entwicklungen und Systemen erodiert ist. Alle Phänomene, die in meinem Text beschrieben werden (Umweltverschmutzung, Artensterben, Naturkatastrophen, die Missverständnisse zwischen Menschen und Klassen, bis hin zum Auflösen von gesellschaftlichen Normen wie Nähe und Geselligkeit) sind mittlerweile eine Realität, die wir vielleicht noch eine Zeit lang von uns wegschieben möchten, aber sie ist da. 
Und ich möchte hier nicht zynisch oder negativ klingen, im Gegenteil, in meinem Text werden neben der künstlerisch-überspitzten Analyse eines Ist-Zustands auch durchaus Änderungsvorschläge gemacht. Ich habe ja eigentlich immer noch die Hoffnung, dass wir uns im letzten Moment noch gemeinsam zusammenraffen werden. Als Menschen.

Die immer wechselnden Wetterphänomene und die Landschaft prägen die Bühnenwelt sehr stark...

Bei Schiller wird das Wetter sehr genau beschrieben – ich glaube, auch aus einer Faszination für diese bedrohlichen Atmosphären, die es in alpinen Gebieten gibt. Ich weiss auch selbst nur zu gut, wie schnell aus einem sonnigen Tag ein schwarzer Höllentag werden kann. Gleichzeitig interessiert mich die Archaik der Natur überhaupt – und wie wir Menschen in ihr gezwungenermassen überleben müssen. Ich habe vor kurzem gelesen, dass die Menschheit mittlerweile mehr als 70 % der Erdoberfläche für sich beansprucht – für mich ist es irgendwie naheliegend, dass die Natur ihren Raum irgendwann zurückfordert. Im Bühnenbild von Andrea Cozzi verschluckt die Natur oft alles Menschliche, das ist durchaus so gewollt.

Tell - eine wahre Geschichte, Luzerner Theater

Du begibst dich häufig auf Recherchereisen um Materialen, Inspirationen für deine Arbeiten zu sammeln. So war es in diesem Fall auch: Du bist mit dem Ensemble um den Vierwaldstättersee gereist. Wo lag der Fokus deiner Recherche?

Ich habe gehofft, die Figuren, wie sie bei Schiller beschrieben sind, hier am Vierwaldstättersee zu treffen. Wir haben gezielt nach Menschen gesucht, die für das Schillersche Personal einstehen können – so ist bei uns Arnold von Melchtal ein Rechtsanwalt und Atommüllgegner geworden, Gertrud Stauffacher eine liberale Feministin, Ruodi der Fischer ein Profisegler usw. Ich habe versucht, Porträts von Menschen zu machen und ihre Anliegen, ihre „Heldengeschichten“ abzubilden und sie in das Stück als Interviews, gespielt von Schauspielern und Schauspielerinnen, einfliessen zu lassen. Herausgekommen ist eine doku-fiktionale Form, etwas, was ich schon öfters gemacht habe, etwas, was wahrscheinlich jeder Autor auf eine gewisse Art und Weise macht – Geschichten von Menschen zu dokumentieren, sie zu gestalten und sie so darzustellen, als ob sie genauso passiert wären. Was an diesen Geschichten am Ende wahr ist, was nicht, ist nebensächlich – im Kontext der Figuren eines Theaterstückes ist alles immer wahr.

«TELL» ist nach «Biedermann und die Brandstifter» die zweite Inszenierung von dir am Luzerner Theater, bei der du dich mit einem klassischen Stoff auseinandersetzt. Diese zwei Inszenierungen sind damit Ausnahmen in deinen Arbeiten. Wieso müssen bestimmte Mythen, Geschichten immer wieder (neu) erzählt zu werden?

Schiller hat den Tell nicht erfunden. Genauso wenig wie Shakespeare den Richard erfunden hat. Sogar Stücke von Ibsen beruhen sehr oft auf realen Vorlagen, die er in seinem Umfeld beobachtet oder in der Zeitung gelesen hat.
Die Tatsache, dass uns immer wieder dieselben Geschichten interessieren, hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass die Bandbreite von menschlichen Emotionen und Problemen im Endeffekt relativ beschränkt sind. Wir sind im Grunde recht einfach gestrickt, nur der mathematische Zufall bei einer so grossen Anzahl von Menschen ergibt immer wieder neue Zusammenhänge. Das ist ganz logisch. Ich mache eigentlich auch nichts Anderes als Schiller gemacht hat. (lächelt)

Tell - eine wahre Geschichte, Luzerner Theater

Du hast schon Anfang der Pandemie «Taylor AG» in den Online-Raum transportiert, und dabei das Format neu gedacht. Nun kommt «TELL» als Film zuerst zur Premiere. Was ist die künstlerische Herausforderung dabei und was könnte ein Mehrwert sein?

Da wir in der Inszenierung das Medium „Video“ ohnehin schon im Einsatz haben, war die Adaption des Theaterstückes für einen Film naheliegend. Ich überlege mir bei jeder neuen Inszenierung für die Bühne, wie man die Sehgewohnheiten der Zuschauer, die sich durch das Angebot der Serien verschiedener Streaming-Anbieter in den letzten Jahren stark verändert haben, auch fürs Theater nutzen kann. Wie kann man die Hemmschwellen abbauen, und gleichzeitig eine eigene Form, die den spezifischen Live-Charakter des Theaters ausmacht, kreieren? Beim Tell-Film versuchen wir denselben Weg zu gehen: Wir möchten einen Film machen, der weniger an ein abgefilmtes Theaterstück erinnert, sondern eher an eine eigene Form zwischen Film und Theater. Was jedoch beim Film anders als beim Theaterstück sein wird, ist die Möglichkeit, durch die Auswahl der Takes und durch den Schnitt, die Erzählung noch einmal anders zu lenken. Bei einem Theaterstück macht natürlich die Tagesverfassung aller Beteiligter das Endergebnis aus, was im Endeffekt der Grund ist, weswegen ich die Bühnenversion der Film-Version vorziehe – denn, der fertige Film ist fertig. Das fertige Theaterstück ist ständig in der Entwicklung. Und das Theaterstück ist in diesem Fall auch länger, also ausführlicher, als der Film.

Ob eine digitale Form zwischen Film und Theater oder ein Live-Erlebnis im Theatersaal – beide Werke werden von Theaterschaffenden im Theater produziert. Wie siehst du es als Regisseur: Gewinnt das Theater in der aktuellen Situation an Bedeutung oder im Gegenteil: muss das Theater – da alle Netflix (und Streaming Plattformen) entdeckt haben und sich an die Zeit ohne Theater gewöhnt haben – um seine Relevanz kämpfen?

Das Problem ist, dass das Theater immer um seine Relevanz kämpft. Dabei müsste es das gar nicht. Selbst, wenn es vielleicht irgendwann nur mehr absolute Nische wäre und nur noch ein paar Verrückte sich damit beschäftigten, bliebe es relevant. Weil es im besten Fall immer eine Kunstform ist, die sich schnell der Gegenwart anpassen kann. Filme und Serien sind, trotz allem Hype, weiterhin einer gewissen Tradition verhaftet. Ich bin fest davon überzeugt, dass die vielleicht „nischigere" Kunstform Theater im Endeffekt die kommerziellere Kunst wie eben Serien, Kino und Popmusik beeinflusst. Deswegen ist das Theater so wichtig, weil man etwas ausprobieren kann, etwas wagen. Am Ende ist das, was wir machen, vielleicht nicht für eine breite Masse sichtbar (wie das ein x-beliebiger Podcast oder YouTuber vielleicht ist), aber ohne das, was wir machen und das Bewusstsein, das wir schaffen, in einer Stadt, in einer Gesellschaft, gäbe es auch nicht das, was alle so selbstverständlich nehmen. Die Ideen müssen ja schliesslich irgendwo herkommen und sichtbar werden. Vielleicht nehme ich mich und meine Arbeit wichtiger als ich sollte, aber kulturpolitisch wäre es fatal, an Kunstformen wie Theater zu sparen, weil eben dann auch der Kommerz nicht mehr funktionieren würde - weil alles mit allem zusammenhängt. Das war schon immer so und ist heute mehr denn je der Fall.