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Tanz

Tanz 34: Wie es euch gefällt. Oder: Was im Ardenner Wald passiert, bleibt im Ardenner Wald

Am 3. September wird die Spielzeit 20/21 mit einem neuen Tanzabend von Caroline Finn eröffnet. Das Luzerner Theater wird wieder zum «Globe» – denn auf dem Programm steht William Shakespeares «Wie es euch gefällt», ein Beziehungspanorama im fiktiven Ardenner Wald. Die Musik dazu kreierten der Schlagzeuger Fredy Studer und die Sängerin Joana Aderi. Ein Probenbesuch.

von Katharina Thalmann

 

«Es beginnt abstrakt mit den Woodblocks, und dann, wenn sie reinkommt, beginne ich mit dem Groove. Okay.» Joana Aderi nickt, und Fredy Studer beginnt zu spielen.

Tanz 34: Wie es euch gefällt, Luzerner Theater

(Foto: Gregory Batardon)

Was sich für Nicht-Musikerinnen wie ein merkwürdiges Kochrezept anhören mag, ist für Fredy Studer und Joana Aderi normale Alltagssprache: Woodblocks sind hohle Holzblöcke, denen Fredy scheinbar abstrakte Töne entlockt. Doch zufällig sind sie nicht. Mal zart suchend, mal lauter fordernd, folgt er mit seiner Melodie den Schritten der Tänzerinnen und Tänzer. Bis der Groove einsetzt, ein klar erkennbares rhythmisches Gebilde – das wiederum von Joanas Synthesizer-Klängen und gesungenen Textfragmenten schattiert wird.

Dann packt Fredy eine meterlange Partitur aus. Eine komplizierte Tabelle voller Farben, Zeichen und Worten, zusammengehalten mit Tesafilm. Die Szenen sind durchnummeriert; die rund zwei Dutzend Teile bilden zusammen die getanzte Adaption von William Shakespeares Theaterstück «Wie es euch gefällt». Die wohl berühmteste Zeile der «pastoralen Komödie» ist der zeitlose Satz:

Die ganze Welt ist eine Bühne
Und alle Frauen und Männer blosse Spieler

Zeitlos ist auch der Kern der Handlung: Es geht um Beziehungen. Sich zu ver- und wieder zu ent-lieben. (Sich) zu beobachten, sich in Angelegenheiten einzumischen, die einen, wenn man ehrlich ist, nichts angehen – und darum, dass sich am Ende (fast) alles in heitere Feierlust aufzulösen scheint.

Genau diese gefühlsmässigen Irrungen und Wirrungen stellt die Choreographin Caroline Finn ins Zentrum ihres neuen Tanzabends. Doch nicht nur die Choreographie ist neu. «Wie es euch gefällt» ist eine Neukreation auf ganzer Linie. Choreographie und Musik wurden parallel zueinander entwickelt. Das Duo aus Fredy und Joana schickte Caroline im Vorfeld regelmässig musikalische Versatzstücke, Caroline wiederum gab Joana gewisse Textpassagen aus dem englischen Originaltext, die in die Musik integriert wurden.

Tanz 34: Wie es euch gefällt, Luzerner Theater

(Foto: Gregory Batardon)

«How about I add a little bit of Orlando here?» – «Wie wär’s, wenn ich hier etwas Orlando dazumische?», fragt Joana. «Oh ja, warum nicht!», antwortet Caroline.

Wieder ein Satz, der aus einem Kochrezept stammen könnte. Joana spricht damit aber eines der Grundprinzipien ihrer und Fredys Musik an: Die beiden haben musikalische Motive für jede der zehn Figuren des Stücks entwickelt. Das können gesungene Melodien, Keyboard- oder Basssounds von Joana sein, oder rhythmische Figuren und perkussive Farben von Fredys Drumset. Diese Motive erscheinen im Verlauf des Abends immer wieder; mal eindeutig, mal versteckt. Denn in Carolines Choreographie passieren nicht selten verschiedene Dinge gleichzeitig. Die Musik übernimmt die Aufgabe, die Aufmerksamkeit des Publikums mit zu lenken.

Oder auf dramaturgische Kontraste zu reagieren: So hat Caroline im poetischen Waldgeschehen eine grell-metallische Ecke, den Diary Room, eingerichtet. Dort treffen sich die Figuren immer mal wieder, um den neusten Klatsch und Tratsch aus dem Ardenner Wald auszutauschen oder sich alleine ihrem Herzschmerz hinzugeben. Diese gleichzeitig introspektive und exaltierte Zone spielt sich losgelöst von der Chronologie der Handlung ab. Wie GIF’s in Zeichensprache mutet die Choreographie an, eine zackige Momentaufnahme der aktuellen Gefühlslagen.

Tanz 34: Wie es euch gefällt, Luzerner Theater

Deshalb haben sich Joana und Fredy entschieden, dort nur vorproduzierte elektronische Musik zu verwenden und setzen so einen musikalischen Gegenpol zum ansonsten akustischen Klang von Fredys Schlagzeug.

Fredy Studer und Joana Aderi sind ein eingespieltes Duo: Über zehn Jahre spielten sie in der gemeinsamen Band Phall Fatale.

Mit Caroline funktionierte die Zusammenarbeit von Anfang an. «Ihr Stil ist unserem Musikstil sehr nah», erzählt Fredy. «Er hat etwas Ungeschliffenes. Ehrlichkeit ist ihr wichtiger als Form. Das passt zu uns.» Und auch das Zusammenspiel mit der Tanzcompagnie funktioniert. Fredy und Joana haben gleich zu Beginn der Proben klargestellt: «Das Ensemble und wir, wir sind eine Band!»

Zuletzt die Gretchenfrage: Haben Fredy und Joana das ganze Shakespeare-Stück gelesen? Joana nickt, sie habe mit einer Fassung gearbeitet, in welcher der englische Originaltext der deutschen Übersetzung direkt gegenübergestellt ist. Ja, schmunzelt Fredy. Er habe das Gesamtwerk von Shakespeare zuhause. «Aber ehrlich gesagt habe ich schon etwas Staub vom Buchrücken pusten müssen.»