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Oper

Was es braucht

Nur noch bis Sonntag zeigen wir in Koproduktion mit dem Lucerne Festival Ruedi Häusermanns «Tonhalle» vor dem KKL. Die Produktion ist zwei- bis dreimal pro Tag und bei nur 16 Plätzen zu erleben.  Auf der Suche nach der besten aller möglichen Spielstätten notiert sich Operndirektorin Johanna Wall Gedanken über das Theater als Spiegel der Gesellschaft.

Theater spiegelt Gesellschaft nicht nur auf der Bühne, sondern auch in seiner Architektur

Richard Wagner meinte es nicht gut mit seinen Festspielbesuchern – im Zweifel liess er sie im Regen stehen. Wer schon einmal den Grünen Hügel besucht hat, mag sich wundern, wie geradezu beengt die Foyersituation gestaltet ist. Und das zu einer Zeit, in der Oper – auch jenseits des Grünen Hügels – mindestens so sehr gesellschaftliches Event war, wie Kunstgenuss. Wer hier einen «Kunstfehler» vermutet, ist schief gewickelt. Wagner suchte mit dem Festspielhaus die Idee eines Theaterbaus umzusetzen, der gänzlich dem Werk – zunächst seinem Opus Magnum «Der Ring des Nibelungen» – verpflichtet war. Ursprünglich sollte die Spielstätte temporären Charakter haben, Freiluftcharakter. Die Zuschauenden sollten geradezu dazu gezwungen werden, unmittelbar nach dem Vorstellungsgenuss auf den legendär unbequemen Holzklappsitzen, hinauszutreten in die Natur und hier dem gerade Erlebten nachzuspüren. Die Architektur als ästhetisches Erziehungswerkzeug und Teil der bahnbrechend neuen Vision des «Gesamtkunstwerks».
Inspiriert hatten Wagner zu seiner Festspielidee die antiken griechischen Dionysien, die am Ursprung der europäischen Theatergeschichte stehen. Schon die Architektur der antiken Amphitheater, die mit Blick in die Natur angelegt wurden, spiegelte das Selbstbild einer demokratischen Polis, in der alle eine (fast) gleich gute Sicht auf die Dinge haben, ohne Ansehen von Rang und Namen. Frauen mussten zwar ganz hinten sitzen, durften aber immerhin zuschauen, wenn auch nicht auf der Bühne stehen. Die demokratische Sitzordnung des Amphitheaters wurde von Richard Wagner in seinem Theaterbau wieder aufgenommen, und das war mit einem Mal wieder etwas ganz Neues!

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, blieben die Theater in ihrer Zuschauersituation nämlich einem Modell verpflichtet, das wir bis heute als «klassisch» empfinden mögen, das man aber getrost als «vordemokratisch» bezeichnen darf – dem höfischen Theater der Barockzeit. Dessen Innenraumgestaltung spiegelte in seiner «Rang-Ordnung» die absolutistische Gesellschaftsordnung des Ancien Régime. In vielen Theatern war der beste Platz der, von dem aus man die wichtigste Person des Abends besonders gut sehen konnte: den Herrscher in der sogenannten Fürstenloge. Prekäre Zuschauersituationen gerade in den besonders pittoresken Theaterchen sind bis heute die schmerzlich spürbare Folge.

Richard Wagner verabschiedete sich in seinem Traum von Festspielhaus zwar vom Rangsystem und jagte seine Gäste vor die Tür, doch ging es ihm wohl mehr noch als um den demokratischen Gedanken um die Feier der Kunst als Religion(sersatz). Der Zuschauerraum wurde erstmals abgedunkelt, die Bühne mit modernen Gaslampen magisch illuminiert und die Aufmerksamkeit der Zuschauerschaft mit allen Mitteln der Kunst dahin gerichtet, wo die Musik spielte. Das tut sie bis heute unsichtbar unter einer Holzabdeckung über dem Orchestergraben. Das Publikum sollte voll in die Illusion und das Pathos einer mythisch-archaischen Welt hineingezogen werden. Wagner löste zwar nicht die Schranke zwischen Zuschauer und Bühne auf, doch ging es ihm bereits um die Verschmelzung von Bühne und Zuschauerraum im gemeinsamen Eintauchen in eine dem Alltag entrückten Mythenwelt.

Wenige Jahrzehnte später machte der Brite Arthur Gordon Craig auf der Bühne das Licht an. Er hängte die Beleuchtung in den Schnürboden und entwarf variable Bühnenelement, die die Vorstellungskraft des Publikums ganz anders mit einbezog, als die nun als muffig empfundenen, historisierenden Ausstattungsschlachten der Wagner-Ära. Die klare Trennung zwischen Zuschauerraum und Bühne wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in der Idee des Raumtheaters radikal in Frage gestellt, das Publikum zunehmend ins Bühnengeschehen miteinbezogen. In Dresden Hellerau stellte der Schweizer Adolphe Appia 1913 ein Festspielhaus auf die grüne Wiese, das dem Bühnenillusionismus eine klare Absage erteilte. In dieser von jeglichem Beiwerk befreiten, klaren Architektur spiegelt sich der Geist einer aufkommenden Moderne, die etwas atmosphärisch spürbar machen wollte, dabei aber versuchte, einen kühlen Kopf zu bewahren.

All diese Ideen existieren häufig gleichzeitig nebeneinander. All ihnen ist gemein, dass sich in ihnen ein Bild spiegelt, das nicht allein das Theater, sondern auch die von ihm repräsentierte Gesellschaft von sich selbst hat oder haben will. Man könnte frei nach vielen aktuellen Erziehungsberatern sagen: Wir bekommen das Theater, das wir brauchen.

Zum Auftakt der Spielzeit 19/20 macht sich das Luzerner Theater auf Erkundungsreise in die Stadt und die Natur mit der Frage: Wie sieht es aus, das Theater einer Gesellschaft, die so vielfältig ist, wie noch nie? Mit künstlerischen, aber auch sozialen Anforderungen, die in ihrer Weitgefächertheit umfänglicher sind denn je? Wie sieht es aus, das Theater, das dieser kulturellen und ästhetischen Vielfalt Raum gibt, sie abbildet, reflektiert, visioniert und feiert? Das Theater der «Zeit der Zukunft»? Ruedi Häusermanns «Tonhalle» (16 Plätze!) hat sich mit dieser Frage im Schatten des KKL auf dem Europaplatz positioniert. Mit der «Ouverture dans la nuit» des Zürcher Theaterduos mercimax wandeln wir auf Wagners Spuren hinaus aus den Zentren der Kultur, hinaus in den Wald und lauschen auf den Gesamtklang alle dessen, was kommen mag ...

- Johanna Wall, Operndirektorin 

Tonhalle, Luzerner Theater

Foto: Priska Ketterer/LUCERNE FESTIVAL