Nach Datum

Mo Di Mi Do Fr Sa So
    1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30      
Ticketshop
Schauspiel

Eine Übersetzung der Überforderung

Vom 26. Februar bis zum 4. April wird in der Theaterserie «Taylor AG» mit insgesamt 30 Folgen die Geschichte der Arbeit in der Zukunft erzählt. Jana Avanzini, freie Journalistin, Texterin und Theatermacherin, war bei den Proben zu Besuch und berichtet über dieses abenteuerliche Theaterexperiment.

Im Probesaal 3 im Südpol gehen die Lichter an. Er ist für die Proben zwar spartanisch eingerichtet, gleichzeitig mit Requisiten und Technik vollgestellt, Kleiderstangen mit Kostümen, ein alter Überseekoffer mit dem Zettel «weisse Rosen».

Etwas liegt in der Luft. Das ist mein erster Gedanke auf der Probe von «Taylor AG». Es wird Kritik kritisiert, an organisatorischen Missverständnissen rumdiskutiert. Soll man sowas besser nicht schreiben? Eigentlich nicht. Und doch zeigt es gleich zu Beginn: Dass es hier um etwas geht. Dass hier Relevantes verhandelt und neue Prozesse entwickelt werden. Vieles muss neu erfunden werden. Für diese Theaterserie über die Zukunft der Arbeit.

Und lange dauert das Kriseln nicht. Bald schon kichert Franz von Strolchen hinter seinem Tonpult. Der Regisseur, der am LT bereits das Stör-Theater Biedermann und die Brandstifter inszenierte, hat das übermütige Konzept auch für die «Taylor AG» entwickelt. Und dieses Projekt ist pure Überforderung, erklärt Dramaturg Gabor Thury. Inhaltlich, aber auch in seiner Form. Eine Produktion aus 30 unterschiedlichen Folgen, die so viel will, dass die Drei auf der Bühne gar keine Chance haben, alles zu proben. Geschweige denn, den Text zu lernen. 500 Seiten. Im Schnitt 16 Seiten pro Abend. Aber das müssen sie auch nicht. Von den Spielenden selbst eingesprochen landet dieser per Kopfhörer in ihren Ohren. Immer am Vormittag der Aufführung wird der Text eingesprochen und dann geprobt. So läuft es auch jetzt bei den Proben – ein paar Seiten, dann geht’s auf die Bühne. Eine neue Form des Entwicklungsprozesses, der erst erarbeitet werden musste. Das proben der Proben.

Im ersten Moment schlichen sich Bilder von Improtheater in meine Gehirnwindungen. Doch während des Besuchs im Südpol wird klar: Mit dem Text von Christian Winkler im Ohr wirkt selbst die erste Probe alles andere als improvisiert. Antonia Meier im diskutablen KarateKid-Outfit, Lukas Darnstädt mit Schnäuzer und André Willmund in Cowboystiefeln nehmen sich nun der Folge an, in der eine Münze aus einem Hosenbein fällt. «Eine klassische Situation, wie wir sie alle nur zu gut kennen», witzelt Darnstädt im recht gut imitierten Schweizerdialekt.

Bei «Taylor AG» geht es um Arbeit. Um Überproduktion, Überarbeitung, und darum, welche Rolle Arbeit oder Kreativität in unseren Leben spielt. Oder spielen wird. Von Strolchens These für das Stück: In der Zukunft arbeiten die Menschen nicht mehr, weil ihnen eine Firma alle Arbeit abnimmt: die Taylor AG, die nur noch aus künstlicher Intelligenz besteht. Einmal im Jahr jedoch müssen die Menschen ihre Kreativität zur Verfügung stellen, um das System am Laufen zu halten: Sie werden nach Zufallsprinzip in Kleingruppen zusammengesteckt und sollen jeden Tag eine neue Idee produzieren. Soweit die Geschichte.

An jedem Theaterabend tritt dabei ein Experte oder eine Expertin aus Luzern und Umgebung der Arbeitsgemeinschaft bei, um neue Impulse unterschiedlichsten Bereichen wie Medizin, Kunst, Militär, Journalismus oder Philosophie einzubringen. Was dabei herauskommt, ist ungewiss – doch Versuchskaninchen wurden bereits eingeladen. Es funktioniert. Franz von Strolchen wirkt fast etwas erleichtert, wie er davon erzählt. Es entsteht ein spielerischer, kreativer Wissensaustausch zwischen Expertentum und Kunst. Unvorhergesehenes soll passieren, Ideen sollen mit den Experten weiterentwickelt, und Ideen überprüft werden. Um hoffentlich herauszufinden, dass einige davon gar nicht so doof sind, wie sie sich im ersten Moment anhören.

Die abgeschlossene und unüberwindbare Laborsituation erinnert an die dystopische Erfolgsserie Black Mirror. Wer könnte dazu musikalisch besser passen als Blind Butcher? Die Luzerner Band verkörpert in der Inszenierung die Taylor AG, die künstliche Intelligenz. Mit ihrer eigenen Sprache in Ästhetik und in ihrem starken Mix von Rock ‘n’ Roll, Disco und Punk spielen sie mit Zitaten unserer Geschichte. Genauso wie Christian Winkler dieses Spiel in seinen Texten wie selbstverständlich spielt, in seiner Inszenierung als Franz von Strolchen ebenfalls.

Wer das bisher noch nicht verstanden hatte – so wie es mir am Anfang ging – sie sind ein und derselbe Mann, Christian und Franz. Bloss in verschiedenen Rollen. Das ist Überforderung, die Spass macht.

Taylor AG, Luzerner Theater

(Foto: Ingo Hoehn)