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Mai 2019
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Tanz

Der Chor tanzt – nicht

Die Tanzjournalistin Nina Scheu traf während der Proben Mitte Februar den spanischen Choreograph Marcos Morau. Drei Sängerinnen und der Chor des Luzerner Theaters stehen neben den Luzerner Tänzerinnen und Tänzern in «Tanz 30: Orfeo ed Euridice» seit dem 23. Februar auf der Bühne. Die Verschmelzung von Oper und Ballett verlief nicht ohne Schwierigkeiten. Aber genau das mache seine Arbeit so spannend, erzählt der Choreograph.

Es scheint zunächst paradox: Der Choreograph – Schöpfer und Meister der Bewegung – kämpft gegen die grosse Geste. Marcos Morau inszeniert Christoph Willibald Glucks «Orfeo ed Euridice» als Kunstwerk aus Oper und Tanz. Auf der Bühne stehen nicht nur die Tänzerinnen und Tänzer von «Tanz Luzerner Theater», sondern auch drei Sängerinnen und der Chor des Luzerner Theaters. Dazu kommt, im Orchestergraben, das Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Alexander Sinan Binder.

Der spanische Choreograph Marcos Morau ist darauf spezialisiert, interdisziplinär zu arbeiten. In seinen Stücken verbindet er Elemente aus Fotografie, Film und Theater mit dem Tanz. Auch in seiner eigenen Compagnie «La Veronal» sind Schauspieler, Tanz- und Filmschaffende vereint. Doch bei den Sängern, so lässt er in einem Gespräch während der Ballettproben Mitte Februar durchblicken, stösst er an seine Grenzen: «Die körperliche Entsprechung zu grosser Trauer und Einsamkeit beispielsweise, die der Tod Euridices in Orfeo, ja, in uns allen auslösen müsste, wäre ein In-Sich-Zusammensinken: Die Schultern fallen herab, der Kopf sinkt zur Brust, der Körper krümmt sich zusammen und wird ganz klein...». Während Morau sein Anliegen beschreibt, fallen seine Schultern herab, der Kopf sickt zur Brust – Ratlosigkeit lässt ihn in seinem Bewegungsfluss erstarren, denn: «...so bringen die Sänger keinen Ton heraus.»

Um die Töne zum Schwingen zu bringen, braucht es die Resonanz der weit geöffneten Rippen. Und Morau stellt fest: «Die emotionale Entsprechung zu so einer geschwellten Brust wäre am ehesten wohl Stolz – aber sicher nicht ein gebrochenes Herz.» Doch der Spanier nimmt die ihm unbekannte Körpersprache der Sängerinnen und Chormitglieder als Herausforderung an. Es sei enorm spannend, unter diesen Bedingungen nach Lösungen zu suchen, die für alle befriedigend seien. Die Sängerinnen und Sänger seien sich grosse, ausschweifende Gesten gewohnt, und er verwende viel Zeit, sie kleiner erscheinen zu lassen, ohne dabei ihren Stimmumfang zu beschneiden. Da ist keine Ungeduld spürbar, keine Verständnislosigkeit; eher kindliche Neugierde: Zwei Wochen vor der Premiere hat Marcos Morau die prinzipiellen Antworten längst gefunden. Doch er feilt weiter an den Details, akribisch, unermüdlich.

Kein Platz für Theatralik

Für die Opernfans wird es ungewohnt sein, ihre Stars weniger aktiv als sonst zu erleben, denn das Hauptaugenmerk in «Tanz 30: Orfeo ed Euridice» liegt doch klar auf dem Tanz. Wer erwartet hatte, dass die Sängerinnen und der Chor in dieser Inszenierung tanzen würden, sieht sich getäuscht: Sie müssen ihre Bewegungen im Gegenteil zurücknehmen, um den Raum zu schaffen, in dem die Tänzerinnen und Tänzer die Musik zum Leben erwecken. Die drei Sängerinnen Diana Schnürpel (Euridice), Abigail Levis (Orfeo) und Kathrin Hottiger (Amore) werden als Mittel- und Ausgangspunkt der oft an ihnen gespiegelten Bewegungen eingesetzt, oder sie bilden den Rahmen, in dem das tänzerische Geschehen sich entfaltet.

Doch auch im Tanz arbeitet Marcos Morau gegen die Erwartungen des Publikums. Seine Bewegungssprache verhält sich gegenläufig zur romantischen Grundstimmung der Barock-Oper. Die Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich hektisch und kantig. Wie verschreckte Vögel ruckeln sie mit den Köpfen, ihre Arme und Beine scheinen sich fortlaufend ineinander zu verknoten und man staunt, wie sich die Tanzenden in diesem Wirrwarr aus Leibern und Gliedmassen zurechtfinden. Die Abläufe sind denn auch minutiös festgelegt.

Ein Bildermaler der Bewegung

Die klare Handschrift des Choreographen erstaunt, wenn man erfährt, dass Marcos Morau selbst nie Tänzer war: «Ich spielte früher Tennis und bin immer noch ein grosser Fan von Martina Hingis», erzählt er lächelnd, wenn man ihn nach seiner Beziehung zur Schweiz fragt. In der Ausbildung konzentrierte er sich zunächst mehr auf Fotografie und Film. Wie wichtig ihm die Bewegung als Ausdrucksmittel ist, wird allerdings schon im Gespräch spürbar. Der Spanier unterstreicht seine Sätze mit Gesten und Berührungen, ist selbst dauernd in Bewegung und scheint mit den Körpern der Tänzerinnen und Tänzer fortwährend Bilder zu malen. Schöpferisch weiss er sehr genau, was er will. Weil er aber selbst keine Erfahrung als Tänzer habe, sei er viel stärker auf die Rückmeldungen der Compagnien angewiesen, mit denen er arbeite. So könne er beispielsweise nicht einschätzen, wann die Tänzer eine Pause brauchten und wann er bei der Arbeit hart bleiben könne. Da verlasse er sich jeweils darauf, dass die Company ihre Bedürfnisse selbst formuliere. Dadurch ergebe sich zwischen dem Choreographen und den Tanzenden eine Kommunikation auf Augenhöhe, die im traditionellen Theaterbetrieb sonst unüblich sei, meint Morau. Dennoch gelingt es ihm augenscheinlich problemlos, seine Wünsche durchzusetzen.

Konsumhölle als vermeintliches Paradies

Mit den hektischen, nur scheinbar wirren Bewegungen will er zeigen, was ihm die Hölle bedeutet: Die völlige Gleichschaltung in sinnentleerter Arbeit und Konsum. Darum spielt der zweite Teil des Ballettabends in einer Unterwelt, die aussieht wie ein moderner Supermarkt. Ein Konsumtempel, in dem die Routine längst zur Antwort auf alle Fragen geworden ist. Die Tänzerinnen und Tänzer hantieren mit gleichförmigen Kisten, präzis, schnell und mechanisch. «Wer hier landet, hat keine Zweifel und keine Ziele mehr», sagt Morau. «Euridice ist aber nicht unglücklich in dieser repetitiven Existenz», gibt er zu bedenken: «Es gibt ja auch viele Menschen, die in ihrem immer gleichen Job völlig zufrieden sind». Paradies und Hölle lägen oft nahe beieinander, meint der Künstler, der sich nicht auf politische Aussagen reduzieren lassen will. Aber, zugegeben, so kurz vor der Premiere fühlt er sich der Hölle wahrscheinlich doch etwas näher? Nein, Marcos Morau lässt sich keine Unsicherheit anmerken. Und wenn sich am 23. Februar der Vorhang hebt, werden auch die Mitglieder des Chors ganz genau wissen, wie gross ihre Gesten sein dürfen. Dafür wird er schon sorgen.

(Nina Scheu)

Tanz 30: Orfeo ed Euridice, Luzerner Theater