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Schauspiel

Spurensicherung am «Tatort Frankenstein»

Von Katharina Thalmann

Zum letzten Mal entert das Luzerner Theater die Viscosistadt in Emmenbrücke. Nach «Rigoletto» und «Cybercity» geschieht in den ehemaligen SRF-Tatort-Studios jetzt das, wofür sie gebaut wurden: Zeugen und Verdächtige werden verhört, Kommissarinnen mit wehendem Trenchcoat rauschen um die Ecke. Und ein Mordfall wird gelöst.

«Tatort Frankenstein» nimmt seinen Anfang in Buenos Aires. Der Regisseur Gerardo Naumann tat, was er in solchen Situationen immer tut: Google Maps öffnen. Akribisch nimmt er über das Areal zwischen der Viscosistadt und dem Bahnhof Emmenbrücke unter die Lupe. Entdeckt auf seinem Bildschirm einen alten SBB-Güterschuppen, ein Grillhaus, eine Kochschule, erkennt die kürzesten Verbindungswege. Als er einige Zeit später in Emmenbrücke ankommt, hat er keinerlei Orientierungsschwierigkeiten – die fünf Stationen für «Tatort Frankenstein» sind gesetzt.

Tatort Frankenstein, Luzerner Theater

Doch was macht eine Theaterinszenierung ausserhalb des Theaters, inszeniert als Parcours, für das Publikum reizvoll? Beim Probenbesuch erleben wir es: Indem Naumann das vertraute Gebäude verlässt, verlässt er auch das vertraute Theaterprotokoll. Die Garderobe, das Foyer, den Zuschauerraum, die beleuchtete Bühne, das bequem sitzende Publikum. Weil gewohnte Muster wegfallen, wächst der Assoziationsraum. Die Wahrnehmung wird geschärft.

Tatort Frankenstein, Luzerner Theater

Ohnehin gilt es bei «Tatort Frankenstein», Augen und Ohren stets offen zu halten. Denn wie kommt der Eiffelturm ins Polizeipräsidium? Woran erinnert uns die nonchalant gespielte Szenenmusik? Auch die spazierenden Füsse nehmen wahr: brüchigen Betonboden, rutschige Rampen, dämpfenden Teppich.

Tatort Frankenstein, Luzerner Theater

So wird «Tatort Frankenstein» zum Spiel mit der Wahrnehmung, verschiedene Ebenen kontrastieren sich oder verschwimmen. Während das Stück im realen Umfeld beginnt (schliesslich ist Norbert Teglas’ «Buon Gusto» eine echte, voll ausgestattete Kochschule), werden die Schauplätze zunehmend artifiziell. Je weiter man ins Tatort-Studio vordringt, desto weniger Schränke und Lichtschalter sind echt, und desto mehr ist das, was aussieht wie Beton, in Wirklichkeit Holz.

Tatort Frankenstein, Luzerner Theater

Gleichzeitig besteht das Schauspielensemble aus Profis und Laien – wobei alle Rollen ihre eigenen Namen tragen. Wem das noch nicht vielschichtig genug ist, kann sich auf ausgeklügelte Videoinstallationen und eine nicht unwichtige «TROJA»-Referenz freuen.

Tatort Frankenstein, Luzerner Theater

Aufmerksame Leserinnen und Leser dürften sich langsam, aber sicher fragen, was das alles mit Mary Shelleys «Frankenstein» zu tun hat. Ohne zu viel zu verraten: Der Schauerroman ist nicht nur die Lieblingslektüre von Kommissar Franki. Frankensteins Monster erscheint auch einer Zeugin im Traum...

Tatort Frankenstein, Luzerner Theater

Das Ganze dauert ziemlich genau so lange, wie ein TV-Tatort. Mit dem grossen Vorteil, dass die Gefahr des Wegdösens auf dem Sofa verschwindend gering ist. Und weil es trotzdem «Tatort» ist, folgt hier eine Übersicht:

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Zum Zeitpunkt des Probenbesuchs befand sich Christian Baus in einer Synthesizer-Probe und Wiebke Kayser führte dasselbe Verhör gleich mehrfach hintereinander mit zunehmender Intensität. Fritz Fenne hatte vermutlich frei. Insofern überzeugen alle drei auf der ganzen Linie.

Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Weil die Hauptrolle gleich dreifach besetzt ist, bleiben in dieser Hinsicht keine Wünsche offen.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Definitiv das Finale, wenn XX* und XX* plötzlich XX*, dass XX* im XX*.

(*Spoiler alert)

Was ist der peinlichste Moment?

Wenn Julian-Nico Tzschenke ganz selbstverständlich davon erzählt, wie man ein zweites Gepäckstück in einen easyJet-Flug schmuggelt. Denn, Hand aufs Herz: Haben wir’s nicht alle schon gemacht?

An welches Zitat werden wir uns erinnern?

«Ich würde mich gerne den ganzen Abend über Ihre Träume unterhalten, aber ich habe hier einen Mordfall aufzuklären.»

Worüber werden nach der Premiere alle reden?

Vergleiche des Schauspielensembles mit dem Duo Ritschard/Flückiger braucht niemand. Über alles andere sollte so viel und intensiv wie möglich debattiert werden.

Was haben wir aus diesem Tatort gelernt?

Dass nichts ist, wie es scheint und alles scheint, wie es nicht ist. Oder seit wann lässt sich mit einer Fernbedienung so charmant zu einem argentinischen Tango rasseln?

Welche Frage bleibt offen?

Wo ist Frankenstein?

Für Fans von?

Tatort im Fernsehen, Philipp Maloney, Sherlock Holmes, Better Call Saul, Frankenstein, Hercule Poirot, Dexter, Bandersnatch (Black Mirror), Cluedo (das Brettspiel).

Gesamtwertung für diesen Tatort?

Action: 💥 💥 💥 💥 💥

Aktivität: 🔎 🔎 🔎 🔎 🔎

Spass: 😅 😅 😅 😅 😅

Überraschung: 😵 😵 😵 😵 😵

Spannung: x x x x x 

Lerneffekt: x x x x x

Unterhaltung: x x x x x