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Schauspiel

So klingt Antike heute

Am 18. Januar feiern mit «TROJA» drei Tragödien von Euripides Premiere. Die Autorin Melinda Nadj Abonji hat für das Luzerner Theater den Text sprachlich komplett neu bearbeitet. Journalistin Katharina Thalmann hat sowohl die Probe besucht als auch die Autorin getroffen.

Troja: Das waren Brad Pitt, Orlando Bloom, Diane Kruger. Die Fingernägel der Filmhelden zu sauber, die Haare zu frisiert. Troja: Das waren gelbe Reclam-Büchlein, unbeholfene Rezitationsversuche in der Deutschstunde. Kryptische Verse, holprige Reime.

Trotzdem – oder gerade deshalb? – inszeniert das Luzerner Theater drei Teile des grossen Mythos um die umkämpfte Stadt Troja. Der Dichter Euripides hat mit «Iphigenie in Aulis», «Die Troerinnen» und «Hekabe» vor 2500 Jahren drei Dramen geschrieben, die bis heute kaum an Gültigkeit verloren haben. Die bis heute durch ihre profunde Menschenkenntnis bestechen, ihre scharfsinnige Analyse von Gewalt- und Rachespiralen.

Die Autorin Melinda Nadj Abonji («Tauben fliegen auf», «Schildkrötensoldat») hat für das Luzerner Theater den Text noch einmal grundsätzlich sprachlich neu bearbeitet. Sie sagt, sie habe nie zu jenen Schülerinnen und Schülern gehört, die mit antiken Stoffen wenig bis nichts anfangen konnten: «Die ganze griechische Mythologie war für mich kein Muss, sondern ich habe diese Stoffe mit Begeisterung aufgenommen.» Ausserdem verbrachte Nadj Abonji während vieler Jahre ihre Sommer in Griechenland. Dort hatte sie eine Lehrerin für Literatur, Theater und Musik; diese wiederum hatte jahrelang mit dem Regisseur Peter Stein zusammengearbeitet und mit ihm an der Berliner Schaubühne inszeniert. «Über diese Schiene war ich auch wieder mit den antiken Stoffen verbunden und habe viel gelernt über die Inszenierungspraxis in der Antike – aber eben auch, wie wichtig es ist, die Texte genau zu lesen.»

Rache vor dem eisernen Vorhang

Und genau zu lesen bedeutet auch, genau zu spielen. Beim Probenbesuch eine Woche vor der Premiere wird die Schlussszene von «Hekabe» geprobt. Die Königsmutter kommt zu ihrer lang ersehnten Rache, doch ist sie deswegen erleichtert? Nicht wirklich. Ist die Gewalt vorbei? Nicht wirklich. Damit all das in den wenigen Worten deutlich wird, die Euripides beziehungsweise Nadj Abonji verwenden, soll jede Nuance, jede Geste, jedes Wort sitzen. Die enorme Präzision macht die Sprache fragil, jede Bewegung bekommt Gewicht. Dieser Effekt wird zusätzlich durch das Bühnenbild für «Hekabe» verstärkt: Die ganze Handlung spielt vor dem eisernen Vorhang. Ansonsten ist die Bühne leer. Der eiserne Vorhang ist eine Metallwand, die jedes Theater hat. Sie kann heruntergelassen werden und ist eigentlich für Notfälle konzipiert: Bricht auf der Bühne ein Feuer aus, sind Orchestergraben und Zuschauerraum geschützt.

Dennoch öffnet der eiserne Vorhang einen Assoziationsraum, er erinnert an Containersiedlungen, an Wellblechlawinen. Durch seine Kargheit verleiht er den Disputen, Argumenten und Rechtfertigungen von Hekabe, Polymestor und Agamemnon zusätzliches Gewicht.

Eigentlich sei für Nadj Abonji die Anfrage aus Luzern erstmal nicht wirklich passend gewesen. Die Autorin wollte sich gerade anderen Dingen zuwenden. Dennoch hat sie zugesagt. «Ich dachte: Das ist nochmal eine Möglichkeit, tiefer einzutauchen und eine Sprache zu finden, die auf der Bühne möglichst zum Klingen kommt.» Klang. Rhythmus. Musik. Das sind wichtige Konstanten in Nadj Abonijs literarischem Schaffen. Denn sie ist auch Musikerin und sagt, sie könne sich einen Text, der nicht musikalisch klingt, nicht vorstellen. «Ich höre das schon im Stummen, das hat mit Vokalabfolgen zu tun, mit Satzstrukturen und Rhythmus. Ich habe für «TROJA» Kommas, Semikolons, Gedankenstriche gebraucht. Das sind präzise Zeichen für die Umsetzung des Texts.» So wird der Text zur Partitur, die Stimme zum Instrument, die Sprache zum Klang. Und das Theater zu Musik.

Altgriechisch als Bewegungssprache

Bei all der Poesie gab es bei der Bearbeitung aber auch relativ pragmatische Entscheidungen zu treffen. So fehlen in der Luzerner Fassung etwa die Chortexte. Diese Chorstellen sind meist sehr ausladend, vielleicht gar schwülstig, sie rollen Geschichte um Geschichte auf, vermitteln zwar Kontext, nehmen der Handlung aber auch das rasante Tempo. Deswegen hat sich Regisseur Ingo Berk mit dem Dramaturgen der Produktion, Nikolai Ulbricht, entschieden, den Chor zu streichen. Die einzelnen Figuren erscheinen so quasi unter dem Brennglas und werden zu fast universellen Archetypen.

Auch ohne Chor war die Bearbeitung für Nadj Abonji eine grosse Aufgabe. «Weil ich kein Altgriechisch kann, war meine Bedingung, einen Altphilologen zu Rate ziehen zu können.» Denn aus all den existierenden Übertragungen der Euripides-Texte ins Deutsche ergaben sich ganz viele Fragen – die sie dann mit Prof. Dr. Ulrich Eigler (Professor für Klassische Philologie an der Universität Zürich) versucht hat, zu beantworten.

Bei den Übersetzungen existieren sozusagen zwei Lager: Da ist zum einen eine altphilologische Bastion. Welche Zeile steht in welchem Versmass? Wie sind die Endreime angeordnet? Auf welche Bedeutung fixiert sich eine Übersetzung? Und da ist zum anderen Nadj Abonjis Zugang: Sie interessieren Bedeutungsfelder, Bedeutungsstreifen, Assoziationen. «Es gibt Substantive, die im Altgriechischen mehrdeutig sind. Etwa das Wort Wahnsinn. An einer Stelle sagt Agamemnon zu seinem Bruder: «Verstand will ich mit dir teilen, aber nicht den Wahnsinn.» Unser heutiges Verständnis von «Wahnsinn» – unvernünftiges, krankhaftes, gefährliches Denken – führt aber in die falsche Richtung. Denn es geht an dieser Stelle nicht um einen wahnhaften Sinn, sondern um die Sinne, die nicht gesund sind. Statt ein Substantiv habe ich deshalb zwei verwendet, die ein Bedeutungsfeld eröffnen: «Vernunft will ich mit dir teilen, aber nicht Dummheit und Blindheit.»»

Genau so sorgfältig ging sie auch mit Verben um: «Das Altgriechische ist für mich eine Bewegungssprache, die sehr vom Verb getragen wird.» Auch dafür hat die Autorin ein Beispiel: An einer Stelle sagt Agamemnon zu Iphigenie: «Dein Schicksal gleicht dem deines Vaters, liebes Kind». Auch «Schicksal» gehört zu jenen grossen Begriffen, die ich, wenn immer möglich, mit Herrn Eigler geprüft habe. Hier ist nun zum Beispiel nicht von «Schicksal» die Rede, sondern es heisst: «Auf dasselbe gehst du hin, meine Tochter, du mit deinem Vater.» Dieses konkrete Gehen fand ich viel Überzeugender, sah auch keinen Grund, warum dieser Schicksalsbegriff hier stehen soll und habe schliesslich den Satz so übersetzt: «Wir haben den gleichen Weg zu gehen, du und ich.»»

Man kann eine gewisse philologische Umständlichkeit natürlich mögen, das auf den ersten, zweiten und vielleicht auch dritten Blick schwer Verständliche an griechischen Tragödien. Nadj Abonjis Übertragung erfüllt derlei Erwartungen nicht. Ihr Text ist mal direkt und unmissverständlich, mal poetisch und mehrdeutig. Und wird damit aktuell. «Wer im Theater sitzt, hört den Text einmal. Beim Lesen kann man eine Stelle nochmal lesen. Im Theater kann man diese Sätze nicht zurückspulen. Deswegen lautete mein Anspruch: maximal aufs Ohr hinschreiben.»

TROJA, Luzerner Theater

(Foto: Ingo Hoehn)