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April 2019
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Schauspiel

Schuld & Sühne

Schauspielchefin Sandra Küpper stellt das estnische Regie-Duo vor, welches mit Schuld & Sühne nach Dostojewski an einem zweiteiligen Abend erstmals in der Schweiz arbeitet. Premieren: 30. Januar 2019

Die Regisseure Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper im Porträt

Das Oeuvre des Regie-Duos Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo ist beeindruckend vielfältig und nicht in wenige Worte zu fassen: Sie kreieren grosse visuelle Statements, die nahe an der bildenden Kunst liegen, oder ein auffallend körperliches Schauspiel, das sich immer aus der Präsenz der physischen Gegenwart der Spieler speist. Sie haben nicht nur die grossen Dramatiker wie Shakespeares, Koltès oder Edward Albee auf die Bühne gebracht,  sondern vor allem auch eigene Stoffe erfunden, in denen sie sich direkt und intensiv mit unserer Zeit auseinandersetzen und mit aller Energie an der Beschreibung unserer Gegenwart arbeiten. Ihre Inszenierungen sind spielerisch, sinnlich, kraftvoll, opulent und klug.

Geleitet von ihrem Anspruch, jedes Mal etwas Neues auf die Bühne zu bringen, sich in der eigenen Form und im Inhalt nicht zu wiederholen, haben sie ihrem Theater in Tallinn, das sie von 2005 bis 2018 geleitet haben, den Namen «NO 99» gegeben. NO 99 steht für die Anzahl der Premieren, die das Kunstprojekt insgesamt umfassen sollte. So bekam jede Premiere neben ihrem Titel auch eine Nummer und die Zahl der Arbeiten wurde von 99 heruntergezählt. Es ging ihnen dabei um die Endlichkeit eines Projektes, die dem ganzen Unterfangen zusätzliche Dringlichkeit gab.

Ihre bekanntesten Arbeiten sind u.a.: «Unified Estonia», die theatrale Gründung einer Partei, mit der sie so viele potentielle Wähler und Wählerinnen erreichten, dass sie auch tatsächlich in die Politik hätten wechseln können. «The Rise and Fall of Estonia», ein im Theaterraum live gespielt und live gedrehter Film, mit dem sie die estnische Vergangenheit unter russischen Einflüssen und die Befreiung davon aufgegriffen haben. Oder «Savisaar», eine im Versmass gedichtete grosse Tragödie, die im Titel auf den Namen des umstrittenen Tallinner Bürgermeisters verwies.

Ihre gleichzeitig genre-sprengenden und politisch-feinsinnigen Inszenierungen setzen seit Jahren immer wieder überraschende künstlerische Akzente, die weit über Estland hinaus wahrgenommen und zu zahlreichen internationalen Theaterfestivals eingeladen werden. Obwohl ihre Arbeiten oft lokal angebunden sind, handeln sie immer von grösseren gesellschaftlichen Zusammenhängen. Im Dezember 2017 ist ihr Werk mit dem Europäischen Theaterpreis ausgezeichnet worden, dem «Oscar» für europäische Theaterschaffende, der ausschliesslich an Künstlerinnen und Künstler geht, deren Arbeiten neue ästhetische und inhaltliche Statements im gegenwärtigen Theater gesetzt haben. 

In den letzten Jahren haben sie angefangen, auch regelmässig im Ausland zu arbeiten, um abseits des estnischen Kontextes mit grossen Inszenierungen zu überraschen. Mit ihrer Inszenierung von Peter Handkes «Die Stunde, da wir nichts voneinander wußten» am Thalia Theater in Hamburg haben sie mit über 70 Beteiligten, einem archaischen Bühnenbild und mehr als 150 Kostümen eine starke Metapher für unser heutiges Europas geschaffen.

Zuletzt entstand mit «Hänsel und Gretel» in Hamburg ein musikalischer Abend gemeinsam mit dem Musiker Till Lindemann («Rammstein»).

Seit Dezember arbeiten sie nun zum ersten Mal mit dem Luzerner Ensemble und Gästen aus Zürich und Budapest. Ihre Bearbeitung von Dostojewskis Roman «Schuld und Sühne» wird am 30. Januar auf der Bühne und in der kleinen Spielstätte des Luzerner Theater, der «Box»  Premiere haben. Aus zwei Perspektiven erzählen sie den berühmten Stoff und beschäftigen sich mit den Kategorien Schuld und Sühne und der Frage nach einer individuellen Auslegung von Gerechtigkeit und Moral, wie sie auch heute immer wieder zu beobachten ist. Im Zentrum auf der Bühne:  der junge Raskolnikow, der aus Selbstjustiz einen Mord begangen hat. In der «Box»: Marmeladowa, die auf der Beerdigung ihres Mannes beginnt über ihr Leben zu sprechen. Es ist die erste Arbeit der beiden Regisseure in der Schweiz – und wieder einmal eine umfangreiche Auseinandersetzung mit drängenden Fragen unserer Zeit.  

(Sandra Küpper, Leiterin Schauspiel LT)

 

Zu «Schuld» und «Sühne»

Die beiden Produktionen können sowohl unabhängig voneinander als auch als Gesamtkunstwerk betrachtet werden und sind insgesamt achtmal in der Box und auf der Bühne am gleichen Tag nacheinander zu sehen. Beide Produktionen hintereinander dauern inklusive Pausen rund 5 Stunden und sind eine Dostojewski-Nacht für Freunde der Literatur und des Ensembletheaters.
Wer beide Produktionen nacheinander besucht, bezahlt für die Vorstellung von «Sühne» nur die Hälfte!

Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo