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Schauspiel

Schilten – Chronologie einer Theaterproduktion in Zeiten der Pandemie

Text: Nikolai Ulbricht
Bilder: Ingo Hoehn

November 2019: Das Luzerner Theater befindet sich mitten in der Planung der Spielzeit 20/21. In diesem Zuge fragt die Schauspielsparte Regisseurin Christiane Pohle für eine Inszenierung in der «Box» an. Der Stoff ist schnell gefunden: der Schweizer Klassiker «Schilten» von Kultschriftsteller Hermann Burger.

März 2020: Schon seit Längerem ist ein Besuch der Regisseurin Ende März in Luzern geplant. Ein Wochenende zum Kennenlernen, zur Begehung der «Box», zum Austausch erster Gedanken zum Roman etc. Nachdem der erste Corona-Fall in der Schweiz am 25. Februar im Tessin bestätigt wird, geht es schnell. Am 16. März wird die «ausserordentliche Lage» erklärt – es folgt der erste Lockdown. Damit fällt auch der Besuch der Regisseurin in Luzern flach.

März–Juni 2020: Aufgrund der Pandemie finden alle Gespräche per Telefon, WhatsApp oder E-Mail statt. Fleissig widmen Regie und Dramaturgie sich Burgers Roman noch einmal eingänglich; und stehen in engem Austausch über erste konzeptionelle Überlegungen, erste Gedanken zur – Bühnenfassung, zur Ensemble-Zusammensetzung, zur Wichtigkeit von Live-Musik.
Die Geschichte über einen isolierten Lehrer im Kanton Aargau, der versucht, über das Schreiben die Kontrolle über sein Leben zu erhalten, bekommt vor dem Hintergrund der global grassierenden Pandemie, die die Menschen in die grössmögliche Vermeidung sozialer Kontakte zwingt, eine erschreckende Aktualität.

Schilten, Luzerner Theater

April 2020: Es ist klar – auch wenn die Corona-Fälle zurückgehen, wird das Theater seinen normalen Spielbetrieb vor der Sommerpause nicht mehr aufnehmen können. Der Betrieb konzentriert sich auf die Vorbereitung der kommenden Spielzeit.

Mitte Juni: Nachdem die Inzidenzzahlen auch in der Schweiz mit dem warmen Frühling und dem strengen Lockdown wieder stark zurückgegangen sind, ist ein Besuch in Luzern inklusive Begehung der «Box» endlich möglich: Regisseurin Christiane Pohle reist dafür aus München an, und auch Charlotte Pistorius, die inzwischen als Bühnen- und Kostümbildnerin mit im Boot ist, kommt mit dem Zug aus Zürich, um die Gewerke des Theaters – Werkstätten, Kostümabteilung, das Technik-Team der «Box» – kennenzulernen und erste Ideen zum Bühnenbild direkt vor Ort zu entwickeln. Das Wetter ist warm, die Stimmung ausgelassen.

Ende Juni: Während der Sommerpause formiert sich das Schilten-Ensemble weiter. Mit der Bestätigung der Gastschauspieler*innen Jara Bihler und Philippe Graber sowie dem Züricher Musiker Dominik Blum neben den Ensemblemitgliedern Wiebke Kayser und Julian-Nico Tzschentke, ist das Ensemble komplett.

Anfang August 2020: Bühnenbildbesprechung in der «Box». Während das Theater sich in der wohlverdienten Sommerpause befindet, waren Regie und Bühnenbildnerin fleissig und haben ein Modell für die Schilten-Bühne entwickelt: eine Mischung aus Turnhalle, Friedhof und Kirche.
Es ist Sommer, die Corona-Fallzahlen sind niedrig. Die Pandemie scheint schon fast vergessen.

Ende September 2020: Nach der ersten Schauspiel-Premiere «Der Kirschgarten», findet sich das gesamte Produktionsteam zusammen, um in einer Vorprobenwoche gemeinsam an den Roman heranzutasten. Dem Ensemble wird das Bühnenbild vorgestellt, Kostüme werden ausprobiert – und vor allem wird eine erste Auswahl an Textstellen gemeinsam gelesen – und diskutiert.
Die Pandemie zeigt sich vor allem an einer kleinen Installation am Eingang der Probenbühne: Dort steht ein Tisch mit Masken, Desinfektionsmittel und Personalliste. Es wird streng darauf geachtet, den erforderlichen Abstand von 1,5 Metern beizubehalten, bis zum Sitzplatz am gemeinsamen Tisch die Maske aufzubehalten, sich bei Probenbeginn und -ende die Hände zu desinfizieren und sich in die Personalliste mit Angabe der Präsenzzeiten einzutragen – um Kontaktnachverfolgung besser gewährleisten zu können.

Schilten, Luzerner Theater

Oktober 2020: Um aus dem 400seitigen Roman eine vorerst finale Probenfassung zu erarbeiten, reist Dramaturg Nikolai Ulbricht nach München, wo die Regisseurin wohnt. Die Formulare bei der Einreise nach Deutschland ist man schon gewohnt. Man trifft sich im öffentlichen Raum mit genügend Abstand und Maske. Abends Theaterbesuch. 100 Menschen in einem Raum, der normalerweise 600 Zuschauer*innen fasst. Es wirkt dennoch voll. Trotz der Anonymität der Masken und des Abstands scheint das Publikum das kollektive Erlebnis des Theaterbesuchs zu geniessen. Das Ensemble spielt mit Abstand. Kommen sie sich näher als 2 Meter, ziehen sie ein ins Kostüm-Oberteil integriertes Stofftuch über Mund und Nase. Am Ende ist der Applaus lang und intensiv. Neben einer gelungenen Inszenierung scheinen die Menschen aber auch denjenigen zuzuklatschen, die trotz Pandemie auf der Bühne stehen. Was noch nicht klar ist: Es wird eine der vorerst letzten Vorstellungen sein, wenige Tage nach der Rückkehr nach Luzern werden die Theater deutschlandweit geschlossen – bis heute.

Ende November 2020: Probenstart. Die Fassung ist fertig, die Proben können beginnen.
Das Theater in Luzern hat wenige Tage zuvor noch vor 50 Kindern die Premiere von «Frau Holle» gespielt. Mit Elan steigt das Ensemble in die Auseinandersetzung mit «Schilten» ein.

Anfang Dezember 2020: Sicherheitsbeauftragter Peter Klemm zu Besuch auf der Probenbühne, um Corona-Sicherheit der Inszenierung zu überprüfen: Wo darf welche*r Schauspieler*in stehen, am Publikum vorbeilaufen, in welche Richtung sprechen? Wird geschrien? Gesprochen? Wo wird geschrien? In welche Richtung? Wie nah kommt man der Zuschauerin?
Mit den besprochenen Regeln bleibt der Theaterbesuch für das Publikum so sicher wie möglich.

12. Dezember 2020: Nun muss auch die Schweizer Regierung auf die stark ansteigenden Zahlen reagieren: erneuter Lockdown. Wie lange wird er dauern? Er ist vorerst bis genau auf das Premierendatum gesetzt: bis zum 22. Januar 2021. Der Premierentag liesse sich recht unkompliziert auf den folgenden Tag, Samstag, den 23. Januar, verschieben. Aber was wenn der Lockdown länger dauert?

Ende Dezember 2020/Anfang Januar 2021: Nach einem aussergewöhnlich stillen Weihnachtsfest starten ab Januar 2021 die sogenannten «Endproben» in der originalen Bühne in der «Box». Parallel wird es immer wahrscheinlicher, dass der Lockdown über den 22. Januar hinaus verlängert wird.
Die Spieltermine von «Schilten» sind jedoch lediglich bis Ende Februar determiniert.
Was, wenn der Lockdown über den Februar hinaus andauern wird?
Die «Box» ist nach Februar bis Ende der Spielzeit durchgeplant.
Und: Hätten die Gastschauspieler*innen und der Musiker in der Produktion nach dem Februar überhaupt Zeit?
Sollten wir die Produktion abbrechen?
Wollen wir einfach zu Ende proben, auch wenn noch nicht sicher ist, ob wir «Schilten» jemals werden zeigen können?
Wie können wir eine gute Probenenergie beibehalten, wenn am Ende nicht die obligatorische Premiere steht, die in der letzten, anstrengenden Probenphase immer eine Extraportion Energie schenkt?
Diese und viele Fragen mehr machen die Entscheidung, wie wir weiter vorgehen, fast unlösbar.
Wir entscheiden uns nach vielen Überlegungen dafür, zwei Varianten von «Schilten» zur Generalprobe zu bringen, da die Gastschauspielerin Jara Bihler ab März in München einen Tatort dreht und anschliessend ihr Engagement am Jungen Schauspielhaus Hamburg beginnt: So entsteht eine Variante mit Jara Bihler – und eine, in der Jara vom Ensemble ersetzt wird.

Auch das ist noch nie dagewesen: Innerhalb weniger Tage haben wir zwei Generalproben. Das ermöglicht uns, «Schilten» auch zeigen zu können, falls Jara Bihler keine Zeit hat.
Dinge werden möglich, die vor knapp über einem Jahr nicht einmal denkbar gewesen wären.
Mit viel kollektiver Energie schaffen wir es, eine produktive Probenatmosphäre beizubehalten und kreative Lösungen auf die letzten Meter zu finden. Beide Versionen werden aufgezeichnet, um sie – sobald die Theater wieder öffnen und alle Beteiligten inklusive der Regisseurin zeitlich verfügbar sind und unkompliziert einreisen dürfen – dem Publikum in Luzern zeigen zu können.

Wir sind bereit.

Schilten, Luzerner Theater

14. April 2021: Der Bundesrat gibt – überraschenderweise – bekannt, dass die Theater ab 19. April wieder öffnen können – für maximal 50 Personen und somit 1/3 der Platzkapazitäten der «Box».

Nun muss alles sehr schnell gehen: Auch wenn eine Öffnung in den vergangenen Wochen eher unwahrscheinlich schien, haben wir uns für den Fall der Fälle vorbereitet und das Schilten-Team für eine Wiederaufnahme und Premiere am 23. April angefragt.

Das Bühnenbild wird vom technischen Team der «Box» wieder eingerichtet. Regisseurin Christiane Pohle reist mit Arbeitsbescheinigung, Test und kurzer Aufenthaltsdauer in die Schweiz ein. Musiker Dominik Blum und Gastschauspieler Philippe Graber kommen aus Zürich und sind parat. Und auch Jara Bihler wird kurzfristig vom Hamburger Schauspielhaus freigegeben und kommt nach Luzern, um der Inszenierung innerhalb von zwei Tagen den letzten Schliff zu verpassen.

Burgers «Schilten» handelt von einem Lehrer, der seit Jahren in einem leeren Schulhaus haust, dessen Schullektionen nur noch in seiner Fantasie bestehen.
Diese Zeiten sind vorerst für das Theater vorbei: Reale Schauspieler*innen spielen wieder vor realem Publikum. Alles ist echt. Natürlich mit einem adäquaten Schutzkonzept.

Das gesamte Team wartet darauf, ab Freitag, den 23. April, mit Publikum in die skurrile, aberwitzige, sprachgewaltige und musikalische Welt von «Schilten» einzutauchen.

Wir freuen uns auf Sie!