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Schauspiel

Reisetagebuch zu «TELL – eine wahre Geschichte»

Die Idee war für die Zeit vor Corona eine einfache: Das künstlerische Team der Produktion «TELL – eine wahre Geschichte» fährt eine Woche lang mit einem alten Postbus rund um den Vierwaldstättersee an die Schauplätze, die in Schillers «Tell» eine Rolle spielen, um vor Ort zu recherchieren. Im Gegenzug bringt es ein kleines Theaterstück mit, das auf dem Dorfplatz oder am See zur Aufführung kommt, quasi als Mitbringsel für die Zuschauerinnen und Zuschauer vor Ort.

Aus dem gesammelten Recherchematerial schreibt der Autor Christian Winkler eine neue Tell-Bearbeitung für die Bühne des LT.

Diese Pläne mussten, wie so viele andere, aufgrund der Corona-Situation auf Eis gelegt werden. Doch im Juni die gute Nachricht: Nach langer Ungewissheit kann die Reise Ende Juli doch noch stattfinden. Das Team: Regisseur Franz von Strolchen, die Schauspielerinnen und Schauspieler, die in «TELL – eine wahre Geschichte» spielen werden - Fritz Fenne, Christian Baus, Olivia Gräser und André Willmund -, sowie Luc Gross von «cartouche» mit seinem Projektbus. Sein altes Sauerer-Postauto wird mit herausnehmbaren Bühnenelementen, Lautsprechern und faltbaren Matratzen ausgestattet und bildet die «Wanderbühne» für die Reise, ist gleichzeitig Fahrzeug, Unterkunft, Bühnenbild und Basisstation für die Recherche.

TELL, Luzerner Theater

1. Tag: Mo 27. Juli 2020

  • Küssnacht am Rigi, Seeplatz
  • Höchsttemperatur 31°, Wasser 21°

Rossinis Tell-Ouvertüre schallt aus der multimedialen Installation durch die Hohle Gasse und übers Feld.

Rossini wird gleich eingebaut in Franz von Strolchens kleines Stück, das später am Seeplatz gespielt wird mit dem Titel «Wie Gessler starb in drei Minuten». Darin ein Vorgeschmack auf das Genre des Road Movies, das später auch in «TELL – eine wahre Geschichte» auf der Bühne des LT eine Rolle spielen wird. Hier im «Wanderbühnenstück» ist die Setzung folgende: Tell, verkörpert von Fritz Fenne, tourt die Welt mit seinem Bus, castet vor Ort jeweils einen Schauspieler oder Schauspielerin, der oder die mit ihm zusammen seine Revolution, wie er sie nennt, die Ermordung von Gessler, nachspielen soll. Rossinis Ouvertüre ist nur noch der heroische Auftakt: Tell ist bei Franz von Strolchen nicht der unfehlbare Held aus dem Mythos, sondern ein abgekämpfter, der seine Tat, zum x-ten Mal nachspielen und befragen und u.a. gegen die Revolte seiner gecasteten Mitspieler verteidigen muss. Nicht nur seine moralische Unbeflecktheit muss er begründen, sondern auch die seiner mitgebrachten Äpfel, die er grosszügig im Publikum verteilt. Denn wer garantiert, dass die aus der Schweiz sind, und nicht energieverschleudernd gekühlt und umweltverschmutzend eingeflogen aus einem entfernten Winkel der Welt?

Dass die Welt, und die Schweiz im Besonderen, trotzdem klein ist, zeigt André Willmunds Anekdote vom ersten Tag:

«Es ist elf Uhr, in der «Hohlen Gasse», ein Ort so fiktiv wie sein Hauptdarsteller, Wilhelm Tell. Franz von Strolchen (Regie), Fritz Fenne (Tell) und ich (Gessler) treffen uns für eine lockere Durchsprechprobe an diesem sagenumwobenen Ort, wo Tell, Volksheld und Freiheitskämpfer, durch den Tyrannenmord an Gessler, dem habsburgischen Landvogt, den Startschuss für den bewaffneten Aufstand der heimlich Verbündeten gegeben haben soll. Neben uns eine Schulklasse im vollpubertären «Teenage». Ein Hauch von Freizeitpark und Kultstätte umweht den geschichtsträchtigen Hinterhalt, der so irreal daherkommt, wie der Mythos selbst. 
Nach aufschlussreicher Probe, mit Gesprächen über Heldenepos und Schweizer Nationalstolz, trifft Fritz Fenne am Infostand seine Nachbarin aus Zürich, die mit zwei Freundinnen auf einer Velotour durch die Innerschweiz unterwegs ist. Er versucht die Damen zur abendlichen Vorstellung in Küssnacht einzuladen. Seine Bemühungen laufen ins Leere. Küssnacht liegt nicht auf der geplanten Route.»

2. Tag: Di 28. Juli 2020

  • Hauptplatz Schwyz und Platz der Auslandschweizer in Brunnen
  • Höchsttemperatur 30°, Wasser 21°

TELL, Luzerner Theater

Schiller hatte die Topographie seiner Schauplätze minutiös recherchiert, wie seine Beschreibungen zeigen, genauso die Witterung rund um den See. Die dramatischen Wechsel und unvorhersehbaren Umschwünge des Bergklimas erfährt das Team, wie sein Tell, an diesem zweiten Tag hautnah.   

Erst spielen die Schauspielerinnen an der prallen Sonne auf dem Hauptplatz von Schwyz. Danach tut ein Bad am Platz der Auslandschweizer in Brunnen im kühlen Seewasser not.

Doch bald ziehen Gewitterwolken auf. Aber genau zum Zeitpunkt der Vorstellung klärt sich der Himmel wieder auf, nur um den Schlussapplaus mit einem Sommergewitter zu übertrumpfen. Das Team zieht sich in den Bus zurück, es giesst in Strömen.

Franz von Strolchen ist für «TELL – eine wahre Geschichte» auf der Suche nach heutigen Helden. Er stellt die Frage, was heute einen Helden ausmacht, ob es sie überhaupt noch gibt, was sie auszeichnet. Hier eine Beobachtung dazu von der Schauspielerin Olivia Gräser an diesem zweiten Tag:

«Wie wir Wilhelm Tell und Gessler auf einem Campingplatz begegneten: Nach der Vorstellung auf dem Platz der Auslandschweizer zeigten uns die Berge, was ein Wetterumschwung bedeutet. Auf mich Berlinerin wirkte das Szenario erschlagend. Der Regen erbrach sich über dem rollenden Kunstlager. Die Berge verschwanden in der Umarmung der schwarzen Wetterwolken. Ziellos tuckerten wir von dannen, auf der Suche nach einem Nachtlager. Im Scheinwerferlicht stach die Glasfront eines Hotels aus der Dunkelheit hervor. An feinen Stühlen und gedeckten Tischen saßen Gäste und tranken wohltemperierten Wein.

Der Bus hielt auf einem Zeltplatz. Kein Pförtner, keine Schranke empfing uns. Wir parkten und fielen unter prasselndem Regen in einen tiefen Schlaf. Das Erste, was ich am Morgen sah, war Luc Gross, vertieft in die Diskussion mit einer Frau. Truckerin. Tochter des Campinglatzbesitzers. Ich verstand Wortfetzen: Regeln. Laut. Geht nicht.

Dann klopfte es an der Bustür. Ich war schon dabei, mir entschuldigende Worte einfallen zu lassen.  Doch es war ein Kind, das vor unserer Bustür stand. Neugierig, mutig fragte er, was wir hier machen würden. Während Franz von Strolchen von der Truckerin weiter die Campingplatzregeln erläutert bekam, begingen wir mit dem Jungen eine Reise durch unseren Bus.»

3. Tag: Mi 29. Juli 2020

  • Tell-Museum Bürglen und Lehnplatz Altdorf
  • Höchsttemperatur 27°, Wasser 21°

TELL, Luzerner Theater

Im Tell-Museum in Bürglen ist es denn auch ein Junge, der in einem Ausstellungsvideo derjenige ist, der Tell die diffizilen Fragen stellt: Ob es in der Gesellschaft gerechtfertigt ist zu morden, um die Freiheit zu erlangen. Was Selbstbestimmung und Freiheit in einer Demokratie bedeuten, und wer über Recht und Unrecht entscheiden darf.

Auch in Franz von Strolchens «TELL» wird ein Junge, Tells Sohn Walther, eine Hauptrolle spielen. Die Opfer, die das Held-Sein seinem Vater und seiner Familie abverlangen, die Hinterfragung seiner Taten, werden im Stück aus Sicht des Sohnes verhandelt werden.

Das Team entdeckt im Museum ausserdem: Sie sind nicht die ersten, die an den Schauplätzen nach Inspiration für ihre Tell-Geschichte gesucht haben. Der Maler Ernst Stückelberg machte Studien mit Menschen aus Bürglen, die er für seine Figuren der Tellskapelle verwendete.

4. Tag: Do 30. Juli 2020

  • Zur Treib, Seelisberg
  • Höchsttemperatur 31°, Wasser 21°

Auf der Suche nach heutigen Heldenfiguren führen Autor und Regisseur Interviews mit Menschen aus den besuchten Orten. Ihre (Helden-)Geschichten werden für das Bühnenstück mit Schillers Stoff zu einer heutigen Überschreibung des «Tell» verwoben werden.

In Seelisberg gibt es nicht nur tatkräftige Mithilfe bei der Suche nach Interviewpartnern, sondern auch für den Ablauf des Abends. Die Kultur- und Tourismusbeauftragten verhelfen zu einem stimmigen Gesamtprogramm rund um die LT «Wandertruppe»: Die Seilbahn bringt die Zuschauerinnen und Zuschauer zum Restaurant «Zur Treib», wo sie bewirtet werden bevor sie im Anschluss die Vorstellung schauen können.

In der Idylle von Seelisberg verschwimmen Fiktion und Wirklichkeit zu später Stunde unter dem Nachthimmel wie Christian Baus aka Gessler erzählt:

«Landvogt Gessler hat nach Jahren zum ersten Mal wieder unter freiem Himmel schlafen dürfen. Über sich die Milchstrasse, zwei Dutzend Sternschnuppen in einer Nacht und eine Fledermaus. Neben sich das Gasthaus «Zur Treib», dessen Betreiber alle Österreicher sind wie er selbst. Bis vier Uhr morgens sind sie wach geblieben, haben Schlager aus der alten Heimat gehört und beratschlagt, wie sie das schöne Fleckchen Erde nach über 600 Jahren wieder legal ins Mutterland eingliedern könnten.

Ob`s was gebracht hat? Das weiss vielleicht das Geisslein, das auf der Weide oberhalb andächtig dazu im Takt gebimmelt hat.»

5. Tag: Fr 31. Juli 2020

  • Dorfplatz Stans
  • Höchsttemperatur 34°, Wasser 22°

TELL, Luzerner Theater

Die Temperatur steigt, die Truppe erklimmt Höhenmeter. Von ganz unten am See geht es hoch hinaus auf die Rütliwiese. Sonne, Hitze und Schlaflosigkeit bestimmen die Gemüter und lassen Konturen verschwimmen.

Wo überall rege Vorbereitungen zu 1. August-Feiern stattfinden sollten, herrscht Stille und Leere. Von der Bedrohung des Corona-Virus leergefegte Bahnen, Plätze und Festorte erinnern immer wieder an die weltweite Lage, die man in der Idylle leicht vergessen könnte. Eine beklemmende Stimmung wird auch bei Franz von Strolchens «TELL» vorkommen. Eine postapokalyptische Landschaft, die Figuren darin, Suchende.

Franz von Strolchen am letzten Tag der Reise:

«31. Juli 2020, eine Wanderung von Treib auf die Rütliwiese. Wir haben die Kamera dabei. Fritz Fenne als Tell vorne weg, er soll einfach mal darauf los improvisieren, basierend auf ersten Szenen der «Tell»-Bearbeitung. Plötzlich trifft Tell auf eine Gruppe von Touristen, die den umgekehrten Weg wandern. Es ist heiss, mindestens 30 Grad. Tell mit nacktem Oberkörper, kurzer Hose und zerschlissener Baseballkappe. Er hält die Touristengruppe an und fragt (mitten auf einem engen Waldweg): «Entschuldigung, wissen Sie, wo die nächste Tankstelle ist? Wir brauchen Diesel.» «Die nächste Tankstelle ist eine Schifffahrt entfernt.» «Danke», sagt der Tell, «Danke».»