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Mai 2019
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Schauspiel

Griechische Antike trifft griechische Avantgarde

Wer die beiden Regisseure hinter «Alkestis!» sind, stellt uns Autor und Dramaturg Armin Kerber vor.

Es lohnt sich zurückzuschauen, um zu sehen, wie Angeliki Papoulia und Christos Passalis in Athen das erste Mal aufeinander getroffen sind. Man muss dafür gar nicht bis Adam und Eva zurück, bis Romeo und Julia reicht. Im Jahre 2004 spielten die beiden Schauspieler das klassische Liebespaar in einer viel beachteten Inszenierung von Michail Marmarinos, dem damals neuen Regie-Star am griechischen Theaterhimmel. Für die zwei jungen Schauspieler war es eine folgenreiche Begegnung. Beide betonen, wie toll es war, das Shakespeare-Paar zu spielen.

Allerdings waren und sind sich bis heute die beiden einig, wie sie die monatelange Probenzeit erlebt haben: «Boring» sagen sie unisono, heute, fünfzehn Jahre später. Angeliki Papoulia und Christos Passalis sitzen im Foyer des Luzerner Theater, leicht erschöpft und nicht unzufrieden mit der gerade zu Ende gegangenen Bühnenprobe des antiken Euripides-Stücks «Alkestis!», das sie seit vier Wochen in Luzern inszenieren. Die neue Schauspieldirektorin des Hauses, Sandra Küpper, hat die beiden hierher nach Luzern geholt.

Hier sind sie neue Gesichter, in Athen und in der europäischen Szene gehören sie seit Jahren zu den prägenden Figuren des zeitgenössischen Theaters. Damals bei Romeo und Julia trafen sie auf einen weiteren gleichgesinnten jungen Kollegen, Yorgos Valais, der den Mercutio spielte und ebenfalls auf der Suche nach weniger Langeweile und mehr Mitsprache in der Probenarbeit war. Zu dritt zogen sie noch im selben Jahr einen Schlussstrich unter ihre jungen Karrieren als Gastschauspieler bei anderen Regisseuren und entschieden sich, gemeinsam als Schauspieler und als Regisseure weiterzuarbeiten. Mit dem deutschen Namen ihrer neu gegründeten Gruppe «Blitz» setzten die drei dabei ein Ausrufezeichen. Denn «Blitz» ist in Griechenland als deutsches Wort bekannt, in Athen weckt «Blitz» freilich nicht nur meteorologische Assoziationen wie Blitzschlag, sondern ebenso militärische wie z.B. Blitzkrieg.

Wenn man die Webseite theblitz.gr öffnet, wird man mit von diesem Statement begrüsst:

«The group's basic principles are the following: Theatre is a field where people meet each other and exchange ideas in the most essential way, not a field for virtuosity and ready made truths. All members are equal throughout conception, writing, direction and dramaturgy process, everything is under doubt, there is nothing to be taken for granted, neither in theatre nor in life.» 
Mit dieser Philosophie grenzt sich das Trio unmissverständlich gegen patriarchale Strukturen ab, die sich auch in experimentellen Feldern der heutigen Theaterwelt nicht einfach aufgelöst haben. Die Erfahrung zeigt, dass sich auch in einem avantgardistischen Mastermind noch immer ein Regie-Dominator verstecken kann, der die Wahrheit auf den Proben für sich gepachtet hat.

Dreizehn Produktionen hat die Gruppe «Blitz» inzwischen unter ihrem Motto «equal throughout conception, writing, direction and dramaturgy process» in den vergangenen fünfzehn Jahren erarbeitet, und alle sind  sie sehr verschieden.  Angeliki Papoulia , Christos Passalis und Yorgos Valais sind gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen ins Museum gegangen und haben sich der Bildenden Kunst angenähert, dann haben sie wieder hautnah den griechischen Alltag in Provinzstädten und Ladenlokalen erforscht oder sich von deutschen Autoren wie Peter Handke, Friedrich Hölderlin oder Thomas Mann inspirieren lassen. Am erfolgreichsten ist ihr Abend «Late Night» aus dem Jahre 2012, in dem ihre «Blitz»-Ästhetik besonders spürbar ist, die jenseits von nacherzählbaren Handlungsbögen mit melancholischer Langsamkeit und surrealen Interventionen eine rätselhafte Intensität erschafft.

«Late Night» entwickelte sich zum Festivalrenner, mehr als achtzig Gastspiele hat die Produktion inzwischen erreicht. «In Frankreich gibt es kein Theater, in dem wir nicht gespielt haben», sagt Christos Passalis und lacht. Ihre letzte Arbeit «The Institute of Loneliness» war vor zwei Jahren in der Kaserne Basel zu sehen. Diese dreizehnte Arbeit, die «Blitz» gemeinsam projektiert, recherchiert, inszeniert und gespielt hat, ist auch die letzte Arbeit, die das Trio gemeinsam geschaffen hat. Die Gruppe hat sich letztes Jahr im Guten getrennt, wie alle drei betonen, sie spielen weiterhin ihr «Blitz»-Repertoire auf Festivals.

Angeliki Papoulia und Christos Passalis arbeiten neuerdings gemeinsam als Regie-Duo. Jetzt sind die beiden, die sich einst als Romeo und Julia kennengelernt haben, zum ersten Mal ausserhalb Griechenlands in Luzern engagiert. Sandra Küpper hat die Arbeit von «Blitz» über Jahre verfolgt, ihre Projekte nach Hamburg eingeladen, viele Gespräche mit ihnen geführt. Warum haben Angeliki Papoulia und Christos Passalis zum ersten Mal mit «Alkestis!» einen antiken Stoff ausgewählt? War das ihre eigene Idee oder kam sie vom Luzerner Theater? Angeliki Papoulias Antwort ist klar: «Ich habe noch nie einen antiken Stoff gespielt und vor drei Jahren alle diese Stücke hintereinander gelesen. Und mir war sofort klar, dass es «Alkestis!» von Euripides sein muss, weil es genau in der Mitte zwischen Tragödie und Komödie steht. Das interessiert uns.»

Dieses Aufeinandertreffen von Komödie und Tragödie, das Euripides so spannungsreich und mit pointierten Wendungen geschrieben hat, inszenieren die beiden Regisseure in der charakteristischen «Blitz»-Ästhetik teils berührend emotional und realistisch, teils märchenhaft surreal. Angeliki Papoulia spielt selbst die Titelrolle Alkestis.

Und was heisst es, zum ersten Mal mit der deutschen Sprache zu arbeiten? Die Proben finden auf Englisch statt, das läuft problemlos. Die Herausforderung besteht darin, genau den Ton zu spüren und zu hören, wie die Schauspieler den deutschen Text sprechen. Und beide unterstreichen, dass die Struktur der deutschen Sprache an das Altgriechische erinnert; das erleichtert es, die Brücken zwischen den beiden Sprachwelten zu bauen.

Und wie geht es ihnen mit Luzern? «I love the silence of  the lake» sagt Christos Passalis. Dann lächelt er und schweigt.

(Armin Kerber)

 

Armin Kerber ist ein Kenner der griechischen Theaterszene, er ist als freier Autor und Dramaturg seit einigen Jahren in Griechenland, Schweden, Deutschland und der Schweizer unterwegs. Zuvor leitete er das Theaterhaus Gessnerallee in Zürich und war fünf Jahre Redaktor des Du-Magazins. Zurzeit arbeitet er für ein Europa-Projekt in Zagreb mit dem griechischen Regisseur Anestis Azas.

Alkestis, Luzerner Theater