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Oper

«Ich ziehe meinen Hut vor allen Kindern!»

Am 1. März feierte mit «Oliver» ein Musical Premiere – in einer Neufassung von Julia Jordà Stoppelhaar und Eberhard Rex. Dabei spielen Kinder für Kinder: Mitglieder der Luzerner Kantorei stehen in den Hauptrollen auf der Bühne. Wie es dazu kam, darüber hat die Journalistin Jenny Berg mit dem Chorleiter und Komponisten Eberhard Rex gesprochen.

Jenny Berg – Eberhard Rex, was fasziniert Sie an dem Roman «Oliver» von Charles Dickens von 1839?

Eberhard Rex – Dass er zeitlos ist. Charles Dickens kam selbst aus einfachen Verhältnissen; er kannte die Armut und die damit verbundene Scham aus eigenem Erleben. Und auch heute gibt es Armut inmitten unserer Gesellschaft – auch hier mitten in Luzern.

JB – Ist «Oliver» deshalb so spannend – und glaubwürdig?

ER – Ja. Dieser starke Wunsch, da rauszukommen, sich nicht dem Kastensystem unterzuordnen – einmal arm, immer arm – sondern dafür zu kämpfen, dass es ein besseres Leben gibt – das hat Charles Dickens sehr glaubwürdig in seine Hauptfigur «Oliver» hineingeschrieben. Und darauf bauen wir in unserem Musical auf.

JB – Nun gibt es vom britischen Komponisten Lionel Bart ein «Oliver!»-Musical von 1960. Weshalb haben Sie Ihre eigene Version komponiert?

ER – Das hat mit den Rechten zu tun. Für das originale Musical hätten wir auch die komplette Länge spielen müssen, mit dem originalen Bühnenbild und allem Drum und Dran – wir hätten das Stück nicht für die Verhältnisse an unserem Haus und für unsere Besetzung anpassen dürfen. Deshalb haben wir nun unsere eigene Version erstellt.

JB – Das klingt nach ziemlich viel Arbeit…

ER – Das war es auch! (lacht) Die Dramaturgin Julia Jordà Stoppelhaar hat sich den Roman vorgenommen und daraus ein Libretto erstellt. Und ich habe dazu die Musik komponiert. Wir haben mit den ersten Proben angefangen, da war der Schluss des Stückes noch nicht fertig!

JB – Wie haben Sie musikalisch etwas Neues geschaffen – Lionel Barts Melodien waren Ihnen sicher noch im Ohr?

ER – Da das Libretto auch neu ist, ging es zum Glück gut. Und ich habe schon oft Stücke für Chor und Orchester arrangiert, kann also auf diese Erfahrung aufbauen. Der Ton ist aber ähnlich geblieben – unsere Musik ist ganz klar Musical-Musik, keine hochkomplexe zeitgenössische Musik.

JB – Wie funktioniert nun Ihre Version der Oliver-Geschichte?

ER – Wir haben die verzweigte Geschichte auf einen Erzählstrang reduziert. Es gibt insgesamt vier Szenen. Die erste spielt im Armenhaus. Dort bringt Oliver alles ins Rollen: weil er Hunger hat, fragt er nach einem zweiten Stück Brot. Damit bricht er ein Tabu – denn das ist im Armenhaus absolut verboten!

JB – Wie geht es weiter?

ER – Oliver soll verkauft werden – aber er reisst aus. Er wird in London in der Diebesbande des gemeinen Bill aufgenommen – ohne zu wissen, um was es eigentlich geht. Aufgrund der Diebstähle steht Oliver vor Gericht – doch das Verfahren endet in einem Freispruch.

JB – Warum?

ER – Weil Olivers Bandenkollegin Nancy ein Plädoyer für ihn einlegt – zum ersten Mal in seinem Leben erlebt Oliver, dass sich jemand für ihn einsetzt. Und es geht gut weiter für Oliver: Mr. Brownlow, das vermeintliche Opfer von Olivers Diebstahl, nimmt ihn zu sich und pflegt ihn gesund. Oliver lernt ein ganz neues Leben kennen.

JB – Das klingt bereits nach einem Happy End…

ER – …noch nicht ganz: Bill kidnapt Oliver und bringt ihn wieder zur Diebesbande. Und dann unternimmt Oliver den zweiten Tabubruch: Er verhält sich nicht Banden-konform. Er zeigt den anderen Bandenmitgliedern, dass sie nicht tun müssen, was Bill sagt. Sie können selbst entscheiden, wie sie ihr Leben verbringen wollen. Denn eigentlich weiss jeder von ihnen, was richtig und was falsch ist.

JB – Was ist mit Bill?

ER – Er wird von den anderen überwältigt. Das ist das grosse Finale unserer Oliver-Version.

JB – Werden alle Rollen von den Kindern der Luzerner Kantorei gespielt und gesungen?

ER – Fast alle. Es gibt einen Erzähler, der aus Sicht des erwachsenen Oliver durch das Stück führt und der immer wieder in die verschiedenen Männerrollen schlüpft – in den Leiter des Armenhauses, in den Richter, in Bill – das ist eine sehr anspruchsvolle Rolle. Der Tenor Robert Maszl übernimmt sie. Alle anderen Rollen werden von Kindern gespielt.

JB – Die Geschichte von Oliver spielt an vielen unterschiedlichen Schauplätzen. Wie zeigen Sie das auf der Bühne?

ER – Mit Licht. Das Stück beginnt mit einer leeren Bühne! Später gibt es neben ein paar schwarzen Hockern noch einen Tisch – er ist Esstisch, Richtertisch, Schlafplatz und Unterschlupf zugleich. Sonst gibt es nichts auf unserer Bühne.

JB – Können denn Kinder mit einer leeren Bühne umgehen? Fällt es ihnen nicht leichter, ihre Rollen auszufüllen, wenn sie dazu auch Requisiten haben?

ER – Die Kinder sind sehr fasziniert davon, was man alles mit Licht machen kann, welche Stimmungen es erzeugen kann. Zudem hat unsere Regisseurin, Caterina Cianfarini viele gute Ideen, wie die Kinder ihre Rollen am besten auf die Bühne bringen. Sie hat ein gutes Gespür fürs richtige Timing. Von ihrer Arbeit bin ich sehr beeindruckt.

JB – Wie anstrengend ist es für die Kinder, für eine einstündige Bühnenproduktion zu proben?

ER – Es ist schon anspruchsvoll. Ich ziehe meinen Hut vor allen Kindern – sie geben ihre Ferien dran für «Oliver». Aber die Kinder der Luzerner Kantorei sind zum Glück routiniert – sie lernen neue Stücke sehr schnell. Deshalb haben wir auch häufig Anfragen vom Fernsehen oder von grossen Orchestern, die hier in Luzern gastieren – weil sie wissen, dass die Luzerner Kantorei das schnell draufkriegt. Und die besonders schwierigen Songs werden von unseren Chorsolisten gesungen.

JB – Was nehmen die Chorkinder mit aus diesem Projekt?

ER – Dass es auf sie ankommt. Jedes Kind hat einen solistischen Auftritt, alle müssen sich irgendwo an einer Stelle zeigen – das ist unser pädagogisches Konzept. Jeder spürt: «Ich bin wichtig in diesem Stück.»

JB – Und Oliver – ist diese Figur ein Vorbild für Kinder?

ER – Unbedingt!

JB – Aber kommen denn Kinder aus armen Verhältnissen überhaupt ins Theater?

ER – Ich hoffe es! Natürlich ist es immer die Frage, wie wir diese Menschen erreichen können. Aber wenn nur schon die Kinder aus unserem Chor erleben, wie sich das Leben wandeln kann, wenn man so mutig handelt wie Oliver, dann haben wir schon einige Adressaten erreicht.

Oliver, Luzerner Theater

(Foto: Ingo Höhn)

Oliver, Luzerner Theater

(Foto: Arthur Häberli)