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Mai 2019
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Schauspiel

Mit Rauchmaschine und Rolls Royce: Eine Gangsterperformance

Die Journalistin Katharina Thalmann war bei den Proben von «Die Unscheinbaren» mit dabei und interviewte den Musiker Amadeus Fries.

Die «Box». Unscheinbar steht sie da, zwischen Luzerner Theater und Jesuitenkirche. Die ersten paar Monate mag sie für ein bisschen Aufregung gesorgt haben, jetzt, nach ihrer dritten Spielzeit, hat man sich daran gewöhnt. Irgendwie ist sie sogar cool geworden. Sie ist ein hölzerner Kubus, modular, vielseitig bespielbar.

Doch plötzlich, vor wenigen Wochen: ein Garagentor an der Box! Und das auf ihrer Schokoladenseite in Richtung Reuss. Die Seite, die man sieht, wenn man in pittoresker Umgebung über den Rathaussteg spaziert. Rechts das Château Gütsch, vorne die Zwiebeltürme, links die Holzbrücke. Besagtes Garagentor habe einiges an Bewilligungen gefordert, doch jetzt ist es da. Und auch daran gewöhnt man sich. Selbst ein Metalltor kann unscheinbar wirken, je nach Wahrnehmung.

Und dann das: Vandalismus am Garagentor! Eine unbeholfene Sprayerei, ein missratener Tag, «Die Unscheinbaren». Moment mal... Genau, das ist kein Vandalismus, das ist eine Ankündigung. Denn für das Stück «Die Unscheinbaren» von Franz von Strolchen (Inszenierung) und Christian Winkler (Text) liess man den Titel direkt auf’s Tor sprayen.

Und tapezierte die unscheinbaren Seitenwände mit kleinen A3-Postern. Auf diesen ist einer dieser pinken Dufttannenbäume zu sehen, die man sich im Auto (oder im Van) an den Rückspiegel hängen kann. Sie verströmen penetrant künstliche Gerüche, um zu überdecken, was sich olfaktorisch vielleicht sonst noch so im Gefährt abspielt.

So. Und was passiert eigentlich in der Box selbst? Wir finden uns wieder in einer Materialschlacht, einer Mischung aus heruntergekommener Garage und chaotischer Lagerhalle. Überall Kartonschachteln, Versandmaterial, aber auch Kleidung, Vodkaflaschen, eine kleine Wohnecke. In dieser Kulisse tummeln sich zwei Schauspielerinnen, zwei Schauspieler und ein Musiker. Sie spielen alle sich selbst. Also heissen im Stück auch, wie sie sonst heissen.

Christian Baus: Christian
Ivica Dimitrijevic: Ivica
Wiebke Kayser: Wiebke
Natasa Stork: Natasa
Amadeus Fries: Amadeus (Live-Musik)

«Die Unscheinbaren» ist als Workshop angelegt. Aber, keine Angst: Es ist kein Mitmachtheater im eigentlichen Sinn. Die kleinkriminelle Clique will uns bloss beibringen, wie wir leichtgläubige Leute abzocken können. Die Crew macht das nicht mittels Internet-Hacks, Magnetstreifen-Kopien und Passwort-Raub. Nein, der Betrug vollzieht sich komplett analog. Das Manöver heisst «White Van Speaker Scam», der Weisse-Lieferwagen-Lautsprecher-Betrug. Nie davon gehört? Das Internet ist voll davon!

In besagtem Workshop geht es nicht nur darum, dass wir als Publikum ein neues Geschäftsmodell erlernen. Es geht auch darum, die Darstellenden kennenzulernen. Wer sind sie? Woher kommen sie? Warum tun sie, was sie tun? Eigentlich sind sie Paketzulieferer. Von Amazon, DHL, UPS. «Seit ich Pakete liefere, bestelle ich nichts mehr online», sagt Christian einmal. Das ist eine Überlegung wert.

Und Ivica sagt: «Fünf Tonnen Pakete pro Tag – die meisten für Rassisten.» Ivica Dimitrijevic ist Schauspieler und stammt aus Mazedonien. Beziehungsweise: Nord-Mazedonien. «Vierkant-Grind» würden sie ihn nennen, sagt der Paketzulieferer Ivica. Der Schauspieler Ivica kann eigentlich gar kein Deutsch. Ebenso wenig wie die ungarische Schauspielerin Natasa Stork. Sie haben Zeile für Zeile von «Die Unscheinbaren» auswendig gelernt, zunächst auf Englisch, damit sie wissen, was sie sagen, dann auf Deutsch. Das ist beeindruckend – und die Akzente sind perfekt.

Perfekt, um auch die Vorurteile, mit denen Ausländer konfrontiert sind, zu illustrieren. So wird der Mazedonier zum Jugo, die Ungarin zur Pornodarstellerin. Mit solchen Klischees spielen «Die Unscheinbaren» – und halten uns, dem kulturinteressierten Workshop-Publikum, den Spiegel vor. Nach und nach erfahren wir, was die vier Gangster in die Box geführt hat. Ihre Geschichten werden als Rückblenden inszeniert, für die sie sich gegenseitig filmen. Dabei umweht die Box ein Hauch Retro, ein Hauch 90er-Jahre. Das liegt zu einem grossen Teil an Amadeus Fries geschickter Theatermusik.

Amadeus hat an den Jazzschulen in Basel und Luzern Schlagzeug studiert. Seine Bands heissen Schööf, iety, Little Fellow oder East Sister. Ausserdem betreibt er mit weiteren Luzerner Musikern einen Musikraum, der wahlweise «Hobbyraum» oder «Club Dänemark» heisst. Für «Die Unscheinbaren» begibt er sich erstmals auf die Theaterbühne. Grund genug, Amadeus, dem scheinbar unscheinbaren Musiker in der Ecke, ein paar Fragen zu stellen.

Katharina Thalmann - Amadeus, Du bist eigentlich Schlagzeuger. Wie fühlt es sich an, in «Die Unscheinbaren» vor Publikum zu singen?

Amadeus Fries - Gute Frage! Das «Singen» fühlt sich überraschend unbeschwert an (also so richtig singe ich ja nicht und nur einmal kurz und mit viel Hall)! Der Theaterkontext lässt allgemein viele meiner Ängste, Hemmungen, Automatismen und Egoprobleme (viel so Psychounterbewusstseinszeugs), die mein Spiel und Benehmen auf normalen Bühnen sonst beeinflussen, ziemlich aussen vor. Dies hängt sicherlich auch mit dem Fehlen von Bandmitgliedern zusammen. Ich bin sonst eigentlich überhaupt nicht der Solo-Typ, aber das hat schon was, vor allem für sich selbst. So im Proberaum zu sitzen und sich zu fragen: «Hmm, was könnte ich jetzt wie und warum machen?»

KT - Im Stück sitzt Du relativ unscheinbar in der Ecke. Wie hältst Du Kontakt zu den Schauspielern, die sich ja sehr viel im Raum bewegen?

AF - Allgemein passiert sehr viel auf sprachlicher Ebene. Ich kenne die Stimmen der Spielerinnen und Schauspieler ziemlich gut, kenne ihren Sound, ihren Rhythmus und natürlich ihren Text. Wenn ich beispielsweise finde, dass es in einer Szene gerade rhythmische Probleme gibt, verändere ich das Tempo des Sequenzers mal um 1 bpm und höre wieder hin. Ab und an schaue ich aber auch hin.

KT - Während der Proben hast Du viele verschiedene Sachen ausprobiert. Welche Zutaten verwendest Du jetzt und wird sich die Musik von Aufführung zu Aufführung verändert?

AF - Ja genau, ich habe mir verschiedene Konzepte ausgedacht und in den Proben jeweils ausprobiert. Meine Zutaten sind: Akustisches Schlagzeug, mit Piezos bestückt, Piezos triggern Sampler. Synth, Bass Synth, Drummachine, Sequenzer, Mikrofon, Mischpult, Hall. Die verschiedenen Ebenen des Stücks versuche ich musikalisch klar hervorzuheben. Dabei arbeite ich mit vielen Klischees. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich meine Musik von Vorstellung zu Vorstellung verändern wird...

So dürfen wir auf die Unscheinbaren gespannt sein. Hingehen lohnt sich, und mitmachen erst recht – man kann was lernen. Und sollten sich in den nächsten Wochen die «White Van Speaker Scams» in der Zentralschweiz häufen: Wir wissen, weshalb!

P.S.: «Die Unscheinbaren», das ist auch Theater für alle Sinne. Einmal – Spoiler alert! – fährt ein echter Rolls Royce in die Box. Das Garagentor öffnet sich, der Wagen rollt die Rampe hoch. Im Gegenlicht, mit Rauchmaschine und Trommelwirbel. Benzingeruch füllt die Box. Ein Highlight.

(Katharina Thalmann)

Die Unscheinbaren, Luzerner Theater

Die Unscheinbaren, Luzerner Theater

Die Unscheinbaren, Luzerner Theater

Die Unscheinbaren, Luzerner Theater