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Dezember 2018
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28. November 2018 | Auszug aus dem Programmblock

Regisseurin Miet Warlop über «Grosse Bären weinen auch»

«Grosse Bären weinen auch» ist wie ein ganzes Universum, in dem andere Gesetze und Bestimmungen gelten. Hier werden Objekte lebendig und man sieht Dinge, die man sonst ganz anders sieht. Hier kann man im Spiel seinen Ängsten anders gegenübertreten als sonst. Denn hier kann man ganz alleine bestimmen, was was ist: Wie in einem grossen Bilderbuch kann man die Welt darin lesen und bestaunen und für sich immer wieder aufs Neue entdecken – ganz wie man will.

Warum wagt sich eine Künstlerin, die international für ihre frische Herangehensweise an Performances gefeiert wird, an ein Kinderstück?

Miet Warlop — In den letzten Jahren haben mich die Leute immer mal wieder darauf aufmerksam gemacht, dass die Visualität und Fantasie meiner Arbeit auch Kinder ansprechen kann. Kinder stellen die gleichen Fragen wie Erwachsene. Sie denken auch über die Unendlichkeit des Universums nach, über das schwarze Loch und seine Grösse, die man nicht erfassen kann. Sie haben auch Ängste, die sie fühlen, aber nicht verstehen. In «Grosse Bären weinen auch» geht es um die Sinnlosigkeit des Menschen in diesem grossen und unverständlichen Universum. Die Show begegnet uns quasi auf dem Balkon der Welt – «Bereit zum Abheben».
Eine Reihe von Objekten fliegen buchstäblich auf die Bühne. Jedes Objekt erzählt dabei etwas über die Individualität in der Welt. Da gibt es zum Beispiel ein grosses – ein viel zu grosses – Plastikherz, das nur dadurch in Zaum gehalten werden kann, indem man ein wenig Luft auslässt. Dann gibt es eine riesige Tablette, die eigentlich dazu bestimmt ist, uns glücklicher zu machen, doch das eigentliche Resultat ist, dass man sich am Ende selbst nicht mehr erkennt. Und dann ist da ein Mund, aus dem der Vorderzahn herausschiesst und in tausend Teile zerbricht. Man verändert ständig seine Form. Wenn man jetzt gerade ein Körper ist, dann wird man bald etwas ganz anderes sein. Auf der Bühne übersetzen wir das, indem wir bunte Farben als Regen benutzen, der auf eine 4 × 4 Meter grosse Fläche Milch tropft. Wenn in diese Mischung noch Reinigungsmittel dazustösst, dann trennt sich das Fett in der Milch und so erscheinen dann schöne Zeichnungen in verschiedenen Farben. Das ist eine Dynamik, die ewig so andauern kann, genau wie das Universum selbst. Es hat etwas Meditatives in sich, und es ist auch repräsentativ für das Leben: Ein Tropfen, der ganz kurz dem grossen Ganzen entkommt, aber dann unwiderruflich dorthin zurückkehrt.

Der Schauspieler ist die einzige Person auf der Bühne.

MW — Er betätigt und beeinflusst die Objekte auf der Bühne und hat die Aufgabe, alles in Bewegung zu halten. Er ist auch die Person, mit der ich mich als Zuschauer identifizieren kann. Zu einem bestimmten Zeitpunkt ist er ein Geist, der sich auf dem Laufsteg blitzschnell in eine Braut verwandelt, und ein bisschen später wird er dann 
eins mit dem «dritten Auge», einem besonderen Auge, das das Unsichtbare sehen kann. 

Und was ist mit dem Bären im Titel?

MW — Der Bär explodiert. Er sprengt sich selbst, weil er zu süss ist; eine Tatsache, von der er denkt, dass sie wahnsinnig komisch sei. Es dauert Minuten, bis er wie ein Ballon im Raum die Luft ausatmet. Und wenn er endlich zusammenbricht, wird er in seine Einzelteile zerlegt und seine Ohren, seine Schnauze und sein Rumpf werden herumgeworfen. Das ist gar nicht furchtbar; in der Tat ist es eine Überdosis an Niedlichkeit. Es ist wie ein Puffer gegenüber dem, was wir nicht zeigen wollen: die Verwundbarkeit unserer Seelen. Man kann sich selbst so sehr ängstigen wie man möchte. Man kreiert dabei meistens die Dinge im Kopf, vor denen man sich am meisten fürchtet. Unsere Angst kann genau so extrem sein, wie wir sie  sein lassen wollen. Und gleichzeitig leben wir in turbulenten Zeiten, es wird viel Angst erzeugt. Also was ist die Lösung? Sollte man Antidepressiva für das gesamte Universum verschreiben? Wir müssen Kindern beibringen, mit ihren Ängsten umzugehen, und ihnen helfen, sie zu rationalisieren. 

Miet Warlop