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Oper

María – eine Frau rettet sich selbst

Die Argentinierin Marcela Arroyo lebt als freischaffende Sängerin in Zürich und ist tief im Tango, in der Folkore und im Jazz verwurzelt. Die Rolle der María in «María de Buenos Aires» ist ihr vertraut, die Luzerner Produktion der einzigen von Astor Piazzolla komponierten Oper ist bereits ihre vierte. Wie es ihr in einer Zeit ohne Kulturveranstaltungen ergangen ist und wie María letztendlich auferstanden ist, erzählt Marcela Arroyo im Gespräch mit der Dramaturgin Julia Jordà Stoppelhaar:

Julia Jordà Stoppelhaar – Wir haben eine Zeit der kulturellen Entbehrung hinter uns. Auch am Luzerner Theater mussten Produktionen abgesagt werden. Doch nun kehren die Theater zurück und feiern ihr Wiedersehen mit dem Publikum! Und auf dem Luzerner Theaterplatz erklingt: Die verlorengeglaubte «María de Buenos Aires» in einer konzertanten Version. Wie erging es dir als freie Künstlerin in den vergangenen turbulenten Monaten?

Marcela Arroyo – Von einem Tag auf den anderen hat man nicht mehr gespielt. Mir fehlten nicht nur die Konzerte, sondern auch der Gesangsunterricht und der Kontakt zu meinen Schülern. Und ich war traurig, dass «María de Buenos Aires» nicht mehr stattfinden konnte. Ich musste Abschied nehmen von María. Und so habe ich ihr einen Brief geschrieben.

JJ – Ein Abschiedsbrief an Maria, ein schöner Gedanke. Hatte die Zeit des Lockdown auch positive Seiten?

MA – Doch, ja, es war, als würde sich eine Tür öffnen und mir stand neu gewonnene Zeit zur Verfügung. Ich war mehr zuhause mit der Familie. Inmitten dieses Kulturdesasters fand ich auch wieder mehr Zeit für Kreativität. Ich sass viel an meinem Klavier und habe viele Lieder geschrieben. Viele Themen des Lockdowns, z.B. das Alleine sein konnte ich in diese Lieder hineinlegen und einige davon kommen auf meine neue CD, «Esencia».

JJS –Wie unterscheiden sich Astor Piazzollas Kompositionen von deinen eigenen Liedern und deinem Repertoire?

MA – Ich singe normalerweise Stücke der 'MPA', der 'música popular argentina' und ihrer aktuellen Komponisten. In diesem Genre schreibe ich auch selbst, meist im Rhythmus des afro-lateinamerikanischen Candombe, der typisch für den Tango ist. Für mich unterscheidet sich diese Musik nicht so sehr von der Astor Piazzollas. Es ist nicht mehr der klassische Tango, sondern tango nuevo. In der MPA kann man die wichtigen Elementen der Tango-Interpretation etwas extremer gestalten, beispielsweise die Phrasierung, das für den Tango wichtige rubato und die Dynamiken. Die Texte müssen klar zu verstehen sein, denn sie besitzen viele geheimnisvolle Bilder und Figuren. Astor Piazzolla und sein Librettist Horacio Ferrer trieben dies bis ins Surrealistische.

JJS – Du singst die Partie der María nicht zum ersten Mal und hast dich in der Vorbereitung neu in die Rolle hineinbegeben. Was zeichnet diese Figur aus?

MA – Horacio Ferrer und Astor Piazzolla haben, wie ich finde, eine sehr machistische Geschichte geschrieben. Ohne es zu merken haben sie aber darin eine Heldin geschaffen, die so stark ist, dass sie die von Männern dominierte Welt überwinden kann. Sie ist eine Frau, die anfänglich hoffnungsvoll, auch naiv ist, aber lernt an sich zu glauben und sich durchzukämpfen.

JJS – Eine Frau, die eine grosse Entwicklung durchlebt: Sie erfährt den Tod, und wird schliesslich wiedergeboren.

MA – Ich denke María stirbt nicht im eigentlichen Sinne. Am Anfang hat sie grosse Träume und zieht in die Stadt. Dort erlebt sie jedoch die Bitterkeit des Lebens. Daran stirbt ihre Seele. Ihr Herz ist verloren gegangen, ihr fehlt jede Hoffnung bis sie merkt: Die Welt ist da, man muss akzeptieren was das Leben einem bietet. Sie konzentriert sich nicht nur auf das was ist, sondern auf das, was sie sein will. Es ist eine universal gültige Geschichte: Wenn man etwas tun möchte, das einen wirklich erfüllt, dann muss man kämpfen!

Julia Jordà Stoppelhaar

Marcela Arroyo

(Foto: Anita Kalikies)