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Schauspiel

«Das kleine Gespenst» als kunterbuntes Multimedia-Spektakel

Nur noch wenige Tage, und dann spukt ein Gespenst durch’s Luzerner Theater. Seit Otfried Preußler «Das kleine Gespenst» 1966 erfunden hat, begeistert die Geschichte Kinder wie Erwachsene. Das Luzerner Theater bringt das Gespenst, dessen grösster Wunsch es ist, die Welt bei Tageslicht zu sehen, auf die Bühne – als grosse multimediale Kollaboration verschiedenster Akteurinnen und Akteure.

Von Katharina Thalmann

Doch wie stellt man ein modernes kleines Gespenst überhaupt dar? Das ungarische Regieduo aus der Kostümbildnerin Fruzsina Nagy und der Komponistin Dóra Halas entschied sich für eine digitale Gespensteranimation. Eigentlich logisch, weil man so ein Geistlein ja ohnehin nicht anfassen kann.

Das kleine Gespenst, Luzerner Theater

So wird das Bühnenbild zu einer Art Grossleinwand, auf der das kleine Gespenst seine Abenteuer erlebt, während auf dem vorderen Teil der Bühne Schauspieler und Sängerinnen die Geschichte durch Lieder und aufwändige Kostüme miterzählen. Diese Kostüme sind veritable Haut-Couture-Kollektionen, wie im «Besuch in der Kostümabteilung» zu lesen ist. Fruzsina und Dóra adaptieren so ihre eigene Art von Theater für Kinder: Sie nennen ihre Inszenierungen «Catwalk Concerts», ein musikalisch-visuelles Theaterformat. In klar voneinander getrennten Szenen (sozusagen die Kollektionen) singt und spielt ein Chor in Fruzsinas spektakulären Entwürfen, Dóras Kompositionen und setzt sich mit gesellschaftlichen Themen unserer Zeit auseinander.

Insofern eignet sich «Das kleine Gespenst» perfekt für diese Art von Narration, weil die verschiedenen Episoden seiner Reise klar voneinander getrennt sind. So erleben die jungen und älteren Besucherinnen und Besucher ab dem 19. November nicht nur die Geister-Abenteuer, sondern auch eine Modeschau aus zehn Kollektionen, die von Luzerner Sehenswürdigkeiten über Verkehrsmittel bis hin zu antikem Mobiliar und Marktständen reichen. Sie alle repräsentieren die vielen, vielen Figuren und Situationen, mit denen das kleine Gespenst bei Tageslicht konfrontiert wird.

Nun aber zurück zur digitalen Hauptfigur, dem Gespenst. Das ist zuerst ganz begeistert, dass es die Welt endlich mal bei Tag sieht – doch dann realisiert es, dass die Leute sich eher vor ihm fürchten und bei seiner ersten Sichtung kurzerhand die Feuerwehr rufen. Als Zuschauerin oder Zuschauer verbündet man sich sofort mit dem Gespenst: Wie kann man sich vor etwas so Herzigem fürchten? Für diese Identifikation ist François Chalet verantwortlich. Der Animationskünstler hat das Gespenst entworfen und animiert.

Eine Woche vor der Premiere…

…ist François auf dem Weg von Zürich nach Luzern. Der gebürtige Genfer ist in Basel aufgewachsen, kam dann via Bern nach Zürich und unterrichtet seit 2012 an der Hochschule Luzern – Design und Kunst das Fach «expanded animation». Es ist immer auf der Suche nach Projekten, die er mit seinem Departement in Luzern durchführen kann. So hat er mit Sandra Küpper, der künstlerischen Leiterin des Luzerner Theaters, nach einem passenden Stück gesucht. Bald war klar: «Das kleine Gespenst» ist perfekt.

«Die erste Herausforderung war, dass wir an der Hochschule eine viel längeren Planungsvorlauf haben, als am Theater, wo alles sehr schnell geht. Deswegen haben Fruzsina und Dóra die Vorbereitungen so gestaltet, dass wir schon im Mai mit ihnen an der Hochschule arbeiten konnten. Die Studierenden haben Gespenster entworfen, szenografische Ideen entwickelt, und am Ende haben wir ein Gespenst ausgewählt», erzählt François. Leider musste die Studentin, deren Gespenst ausgewählt wurde, aber aus gesundheitlichen Gründen aussetzen – und das Projekt war zu gross, als dass der ganze Prozess nochmal von vorne hätte anfangen können. «So habe ich es übernommen», sagt François. Wie entstand also sein kleines Gespenst? «Mein Gespenst erinnert schon in den ersten Skizzen an ein Piktogramm. Fruzsina hat diese Idee gefallen und so habe ich es in diese Richtung weiterentwickelt.»

Piktogramm bedeutet: Abstraktion, grafische Reduktion, Klarheit. «Es ist zwar sehr schweizerisch, wenn ich sage: Ich will mit möglichst wenig möglichst viel sagen. Aber genau das habe ich versucht. Das Gespenst hat keine Augenbrauen, keinen Mund, seine ganze Mimik entsteht über seine Bewegungen und über seine Augen.» Ob es deswegen so herzig ist? François schmunzelt: «Vielleicht. Ich habe ein Gespenst gesucht, das perfekt ist und ausgeglichene Proportionen hat. Der Clou daran ist, dass es nicht symmetrisch ist. Ein Computer macht alles symmetrisch, aber kein Mensch hat ein perfekt symmetrisches Gesicht – und deswegen ist das eine Auge des Gespensts ein bisschen grösser als das andere.»

Die Herausforderung sei gewesen, wie man dem Gespenst Emotionen ansehen kann: «Wie kann es glücklich sein ohne lachenden Mund?» Und wie schafft es François, dass Kinder diese Emotionen verstehen? «Ich habe einen neunjährigen Sohn, mit ihm bin ich in diese Welt eingetaucht und habe ihm das Gespenst immer wieder gezeigt. Ich habe stundenlang daran gearbeitet, das Geistlein menschlich zu machen. Da gibt es keine Regeln, entweder, es funktioniert – oder es funktioniert nicht.»

Dazu kommt Lisa Brunners Stimme: Die Luzerner Sängerin und Komponistin hat alle Texte, die das kleine Gespenst spricht, im Voraus aufgenommen. «Lisa beseelt das Geistlein extrem», sagt François. Dank ihrer Voiceovers konnte er jede Gefühlsregung passend animieren. Lisa hat zudem alle Liedtexte geschrieben, die der Lucerne City Choir singt. Das Resultat sind aufregende Mischungen aus Kinderliedern, bekannten Popsongs, viel Dialekt und Sprachwitz. 

Das kleine Gespenst, Luzerner Theater

Doch François hat sich nicht nur um das Gespenst gekümmert. Er ist auch für die kunterbunte Szenografie verantwortlich, die vielen animierten Hintergrundbilder. Wie beim Gespenst gelingt ihm für die Szenenbilder eine abstrakte Ästhetik, die trotz ihrer Reduktion die Fantasie des ganzen Publikums anregt. «Meine Animationen basieren alle auf geometrischen Grundformen. Diese Vorliebe für Reduktion kommt wohl von meiner grafischen Ausbildung – und ich war auf dem Mathegymnasium», lacht er. «Durch die Abstraktion bekommt das Publikum Platz, sich selber ins Geschehen hineinzuprojizieren.» Und er interessiert sich für die Grenze «wo etwas nicht mehr und noch nicht ist.» Ein Beispiel: Bei einer Szene auf dem Markt wimmelt es im Hintergrund vor bunten Formen. Ist das noch ein Blumenstrauss oder schon ein bunter Farbklecks? Ist das noch ein Glacé oder schon ein Farbstrudel? Die Antwort bleibt den Zuschauerinnen und Zuschauern überlassen.

Und auch den spektakulären Kostümen lassen die Hintergründe ihren nötigen Platz: «Das Konzept für die Szenografie habe ich mit Rücksicht auf die Kostüme entwickelt. Ich habe mich gefragt: Wie kann eine Welt gegenüber diesen Kostümen funktionieren? Meine Antwort: Der Hintergrund muss das Gegenteil dieser extrem detailreichen, fein gearbeiteten Kostüme sein.» Übrigens tauchen in der Szenografie auch Elemente auf, die die Kinder von heute wahrscheinlich nicht (mehr) kennen – sehr wohl aber die Erwachsenen, die ja ebenfalls mal Kinder waren: Wenn sich das Gespenst in der Kanalisation verirrt, mäandert der berühmte gelbe Pac-Man über den Hintergrund. Und wer ganz genau aufpasst, sieht E.T. über die Bühne fliegen...