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Dezember 2018
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21. September | Katinka Deecke

Konstruktion und Selbstbefragung

«Les robots ne connaissent pas le blues oder Die Entführung aus dem Serail» ist eine gleichberechtigte Zusammenarbeit von Künstlern, deren Hintergründe und Ästhetiken divers bis widersprüchlich sind: Ted Gaier ist Gründungsmitglied der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen. Am Theater Bremen war er an verschiedenen Arbeiten von Gintersdorfer/Klaßen beteiligt. Die Regisseurin Monika Gintersdorfer und der bildende Künstler Knut Klaßen arbeiten seit 2005 als Gintersdorfer/Klaßen mit Showbizstars aus der Elfenbeinküste an einer eigenen theatralen Form zwischen Performance, Tanz und Musik. Von 2012 bis 2014 waren sie Artists in Residence am Theater Bremen. Benedikt von Peter war von 2012 bis 2015 leitender Regisseur des Musiktheaters Bremen und hat hier Abende wie Mahagonny und Mahler III inszeniert. Markus Poschner war von 2007 bis 2017 Generalmusikdirektor der Bremer Philharmoniker, zuletzt hat er am Theater Bremen als Musikalischer Leiter Carmen und Die Meistersinger von Nürnberg erarbeitet.

Katinka Deecke: Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit?

Benedikt von Peter: Wir haben uns im Laufe der drei Jahre, die wir alle hier am Theater Bremen arbeiteten, kennengelernt, sind ins Gespräch gekommen und haben Lust auf eine gemeinsame Arbeit bekommen. Die Verantwortung ruht bei diesem Projekt auf vielen verschiedenen Schultern, es gibt nicht den einen Regisseurskopf, dem alles entspringt, wir haben diesen Abend tatsächlich gemeinsam entwickelt.

Monika Gintersdorfer: Für so eine Kollaboration gibt es natürlich verschiedene Modelle. Aus unseren früheren Abenden sind wir gewohnt, uns mit unbekannten Systemen und anderen Arbeitsweisen zu beschäftigen, ich mag Systemtransformationen und suche immer die Auseinandersetzung mit uns bisher unbekannten Methoden und Diskursen.

BvP: Es ist eine befreiende Arbeit, weil sie keinen Absolutheitsanspruch hat, vielleicht ist sie auch gerade deswegen erkenntnisreich. In dem sehr stabilen Gebäude Oper wissen normalerweise alle immer alles und am Ende gibt es einen, der es am besten weiss. Hier ist das nicht so. Wir suchen nicht nur die Gemeinsamkeiten, sondern betonen auch die Differenzen. Es geht um heterogene Weltwahrnehmung und deren differenzierte Beschreibung.

Ted Gaier: An diesem Abend stellen opernfremde Leute Fragen an die Oper und ihren Apparat. Dabei kommen interessante Dinge heraus, auch die Opernsängerinnen und -sänger thematisieren die scheinbaren Selbstverständlichkeiten ihrer Kunst und machen sie explizit, wodurch die Voraussetzungen hochkultureller Kunstproduktion sichtbar werden.

Wie gehst du, Markus, damit um, dass es neben dem Orchester noch einen zweiten, elektronischen Musikapparat gibt?

Markus Poschner: Die Idee dieses Projektes reicht sehr tief, sie rüttelt an den Grundpfeilern unseres Musikmachens. Wir sind es gewohnt, Musik zunächst vom Text her zu ermöglichen, eben zu interpretieren, Musik zu denken. Die Künstler des Couper Decaler – so heisst der Musikstil der ivorischen Performer – gehen anders vor, sie verstehen das meiste aus dem Moment heraus, musizieren aus dem Jetzt. Sie sind frei. Das hat eine unglaubliche Qualität und Kraft. Wir hingegen müssen uns Freiheit immer erst erarbeiten, sie kommt erst am Ende eines Prozesses. Das sind völlig entgegengesetzte Strategien. Unsere klassische Musiksprache basiert auf Symbolen, die berühmte Martern-Arie aus der Entführung z. B. ist ein solches Symbol für Schmerz und zwar nahezu in jedem Parameter, bis hin zu gewissen Intervallen, die allesamt etwas bedeuten. Wir versuchen bei diesem Projekt auch, die Oper zu entmystifizieren, ihren Herstellungsmechanismus transparent zu machen.

Warum habt ihr die Entführung nicht einfach gemeinsam inszeniert?

BvP: Ich will das Stück nicht inszenieren. Es ist voller Klischees und Exotismen, es ist sehr überfrachtet und man riskiert Undifferenziertheit. Die Form, die wir jetzt entwickelt haben, ist durchlässig, komplex und widersprüchlich und das entspricht eher der Kompliziertheit der vielen Themen als eine geschlossene Inszenierung.

MP: Es geht um Selbstbefragung. Es tut gut, einmal auszuscheren.

Die Oper wird nicht als geschlossenes Werk musiziert und inszeniert. Wie sehen denn die Bezüge zu Mozart und zur Entführung aus?

TG: Die Funktionsweisen von Mozart und der elektronischen Musik sind grundverschiedene Welten, die eigentlich nicht kompatibel sind. Das ist allein schon eine Frage der Akustik. Es wäre eigentlich naheliegender, eine Rockband mit Mozart zusammenzuspannen als ausgerechnet Musiker, deren Hauptwerkzeuge synthetisch erzeugte Bässe und Beats sind, die aus Boxen kommen. Auch die Komposition und die Herstellung von Liedtexten erfolgen anders als in der klassischen Musik, sie entstehen impulshaft ohne den Umweg über einen Komponisten und einen Textdichter. Wir sind Urheber und Interpreten in einem. Eine wirkliche Versöhnung zwischen den beiden musikalischen Welten ist eigentlich nicht möglich und wollen wir auch nicht forcieren, wenngleich es dauernd Momente gibt, wo sich die eine Welt in die Welt der Anderen hineinbegibt. Im Arbeitsprozess ist natürlich der Dialog die konstruktivste Strategie, aber musikalisch bringt er nicht unbedingt das interessanteste Ergebnis hervor.

MG: Wir nehmen Mozarts Oper immer wieder zum Ausgangspunkt, laden sie mit Referenzen auf und transformieren sie. Bei dem ivorischen Sänger SKelly z. B. geht es um ein frisches Hören der uns Europäern so vertrauten Musik, auf die SKelly direkt und unvorbereitet mit Gesang reagiert. An dem Abend reagieren wir auf Mozart mit Gegenprinzipien zu Melodie und Narration. Zum Beispiel analysieren die DarstellerInnen die Musik im Moment der Produktion selbst, das ist eine vielleicht neue Form, Inhalte gleichzeitig mit Gesangstechnik zu verhandeln, um hervorzuheben, wie eng beides miteinander verknüpft ist.

BvP: Uns geht es nicht darum, Mozart kaputt zu machen, im Gegenteil. Die Art und Weise, wie man Mozart rezipiert und musiziert, ist Teil von ihm und seinen Stücken. Oft geht man in der Oper davon aus, dass Musik, Libretto und Handlung die primären Parameter sind, die ein Werk oder eine Werkhaftigkeit ausmachen. Es gibt aber Kontexte, ungenannte Voraussetzungen der Kunstform, philosophische Schichten hinter der Handlung, die mindestens genau so bestimmend sind und die wir versuchen, sichtbar zu machen.

Quelle: «Les robots ne conaissent pas le blues oder Die Entführung aus dem Serail» Programmflyer von Katinka Deecke für das Theater Bremen.