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Kaegi-Ticker: Interview mit Heather Engebretson

Trotz Endproben-Stress hatte sich die Salome-Darstellerin, Heather Engebretson, am Wochenende vor der Premiere noch Zeit genommen und ein paar Fragen per Mail für den Ticker beantwortet. Lovely, thank you, Heather!

Salome, Luzerner Theater

(Fotos: Ingo Hoehn)

Und wer sie nicht kennt – sie singt ja zum ersten Mal in Luzern – ein paar Quotes aus der deutschen Presse, wo Heather die letzten Jahre gesungen hat – übrigens nicht selten komplexe Frauen-Partien wie Donna Elvira oder Alcina oder die Königin der Nacht. Ihre Stimme wird als wunderbar und strahlend bezeichnet, glockenhell und kraftvoll in der Höhe, mit Süsse, aber auch mit Energie.

Darüber hinaus hat sie aber auch eine «mitreissende Körpersprache, eine enorme Bühnenpräsenz, Anmut und erotische Ausstrahlung».

Kein Wunder sagt sie von sich selber, sie sei eher eine Schauspielerin, die singen kann und arbeitet am liebsten mit Regisseuren, die ihr auch etwas abfordern.

Als sie die Rolle der Salome angeboten bekam, dachte sie spontan:

«Um ehrlich zu sein, war ich gar nicht so überrascht, denn Salome ist schon lange eine Wunschrolle von mir. Sie musste einfach kommen. Und so wie ich sie in Luzern singen kann, passt alles sehr gut.»

Richard Strauss hatte eine Ideal-Vorstellung seiner Salome: Sie sollte aussehen wie eine 16-Jährige und eine Stimme haben wie Isolde. Nun ja, das nennt man auch die Quadratur des Kreises oder schlicht und einfach ein Ding der Unmöglichkeit.

Aber um dieses Zitat kommt wohl keine Salome-Sängerin herum, auch Heather nicht. Also: Wie passt sie da rein?

«Ich sehe zwar ungefähr aus wie 16, aber stimmlich entspreche ich nicht so ganz dem Ideal von Strauss, stimmlich bin eher ich eine Violetta (aus Verdis La traviata) oder eine Mimi (aus Puccinis La Bohème) – eigentlich zu leicht für Salome. Aber da wir ein reduziertes Orchester haben (Anm. kaegi-ticker: es gingen gar nicht alle 109 in den Graben rein), ist es möglich!»

Familie Herodes ist eine ziemlich krasse Familie. Herodias eifersüchtig, Herodes notgeil (?) – und Salome...? Was ist Salome für eine Figur?

«Salome ist instinktiv, ein junges Mädchen, das genau weiss, was sie will. Aber sie weiss nicht warum. Sie ist liebevoll, einfühlsam, aber – leider – gedankenlos, überlegt nicht, was ihre Entscheidungen für Auswirkungen haben könnten. Aber mit 16 ist man halt auch noch ein Kind, und ich finde, dass sie weniger schuldig ist als ihre Eltern (Stief- und echt).»

Trotzdem kriegt man schon ein bisschen das kalte Grauen, wenn man sich in die Psyche einer Figur hineinversetzt, die nichts lieber tut, als kalte Lippen eines abgeschlagenen Kopfes zu küssen. Muss man, um sie gut singen und spielen zu können, Salome lieben?

«Ich liebe jede Rolle, die ich je gesungen habe! Und Salome liebe ich sowieso. Was ich über sie wissen muss, finde ich in der Partitur, denn das Orchester lügt nicht. Ihre Musik ist üppig, romantisch, voll von Leidenschaft und Sehnsucht... Drum würde ich sagen, sie ist keine bösartige Frau, einfach etwas kompliziert, verwirrt... Sie steht an der Grenze zum Erwachsenwerden, und das ist ein Moment, in dem wir alle etwas verwirrt waren! So gesehen ist es einfach, Salome zu lieben.»

Was passiert beim Schleiertanz, wie verdreht Salome ihrem Stiefvater den Kopf? Tanzt sie?

«Ja, ich tanze! Aber es ist kein Tanz, wie man ihn sonst oft sieht. Ich bin ja keine Tänzerin! Aber wir verwenden eine physische Sprache, um dem Publikum mehr über Salomes Beziehung zu Herodes, aber auch über ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu erzählen.»

«In wilder Wollust küsst und saugt sie das Blut von seinen toten Lippen» heisst es in der Partitur, als Salome dann den Kopf Jochanaans auf dem Silbertablett überreicht bekommt. Wie tönt dieser doch etwas morbide Kuss?

«Es ist komisch, genau dort, wo wir die Küsse in der Inszenierung platziert haben, passiert grad nicht sehr viel im Orchester.  Aber dafür dann ein paar Minuten später, nachdem ich meine letzte Worte gesungen habe, da gibt es einen Akkord, der ist  laut und schrill und polytonal und deswegen sehr bekannt. Man nennt ihn auch sickening, shocking und degrading (frei übersetzt: grausam, ekelerregend, verstörend): ein Dominant Septakkord auf A-Dur, darüber ein Fis-Dur-Akkord. Und genau so klingt dieser Kuss für mich.»

Ganz unterschiedlich, wie Sängerinnen die Tage vor grossen Partien verbringen: schweigend, joggend oder nur mümümü-singend. Und Heather? Was tut sie die letzten Tage vor der Premiere?

«Eigentlich mache ich vor ein Premiere nichts Besonderes. Ich bin leise und ich gehe abends nicht aus. Aber das mache ich sowieso nicht oft, nicht einmal dann, wenn ich nicht singen muss!»

So viel zu Heathers Antworten. Und dann steht da am Ende der Mail noch dies:

«Hope this helps, and that my German isn't too horrible!!!
Hugs,
Heather»

Und ich füge hinzu: Hugs, Gabriela

Salome, Luzerner Theater

Salome, Luzerner Theater

(Fotos: Ingo Hoehn)