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Oper

Kaegi-Ticker: Salome

Die Musikjournalistin Gabriela Kaegi war bei einer Orchesterprobe zu «Salome»: Sie sprach mit dem musikalischen Leiter Clemens Heil und erzählt über die Musik und den Schleiertanz.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Mein Ticker begann richtig zu rattern, als ich letzte Woche draussen im Südpol an einer Salome-Orchesterprobe war. Was für eine reizende Familie die Herodes' doch sind!  Krass kaputte Typen, die sich gegenseitig fertig machen! 3 Tote in 90 Minuten, alle Achtung! Aber was für eine Musik! Darüber wollt ich heute schreiben - und reden. Zu hören gibts auch ein bisschen was.

Nun ist es aber nicht so, dass man in ein gewaltiges Klangbad eintaucht. Der Dirigent Clemens Heil wählt eine neue, moderne Lesart. Doch, es ist bisweilen immer noch mächtig kakophonisch, aber richtig interessant wirds dort, wo er das Gewühl und Gewimmel so strukturiert, dass die Klangwand plötzlich durchhörbar wird.

Ein paar Gedanken von Clemens Heil dazu. «Wir suchen in Luzern nach einem leichten und transparenten Orchesterklang. Denn neben dem opulenten sinfonischen Sog weist diese Musik eine Farbigkeit und Vielschichtigkeit auf, die für die feinnervige Zeichnung der Figuren in dieser Familientragödie sehr entscheidend ist, weil sie die Archetypen menschlich macht.»

Ansonsten freu ich mich auf die Premiere. Und auf die Gänsehaut!

Herzlich Ihre Gabriela Kaegi

Strauss' Salome - Ein Succès de scandale

Salome gehört zu Richard Strauss' wichtigen Werken, bekommt er doch damit, 1905, zum ersten Mal international Aufmerksamkeit: Anerkennung aber auch viel Schimpf und Tadel. Zu den Begeisterten gehört Gustav Mahler, der vom grössten Meisterwerk aller Zeiten spricht. Auf der andern Seite sind zahlreiche Empörte, Schockierte, Düpierte und Verwirrte - darunter auch der Oberzensor von Wien, der eine Aufführung verbietet, weil er dermassen angewidert ist von der Handlung, «die die Sittlichkeit beleidigt». Auch Thomas Mann stimmt mit ein in diesen Protestchor und wirft Strauss Sensationsmache und Berechnung vor. Und schliesslich protestieren auch noch die Sängerinnen und Sänger in Dresden bereits vor der Uraufführung, die sich in eine Reihe stellen und dem Dirigenten Ernst von Schuch in einer etwas melodramatischen Geste die Klavierauszüge zurückgeben. «Ich bin eine anständige Frau», sagt die Salome Darstellerin Marie Wittich dazu.

Salome einst und heute
(Salome einst und heute)

Clemens Heil zur Luzerner Besetzung der Salome: «Die junge Amerikanerin Heather Engebretson gibt bei uns ihr Debüt als Salome. Ihre jugendliche und bewegliche Stimme verfügt zugleich über eine grosse Strahlkraft. Und damit entspricht sie Strauss' Vorstellungen einer idealen Besetzung. Ursprünglich für eine Stimme wie für Wagners Isolde komponiert, wünschte sich Strauss in den späteren Jahren eine stimmlich leichtere und lyrischere Salome.»

Und was war es denn, was die Gemüter so erhitzte, Gabriela Kaegi?

Mit einem kurzen schwirrenden Lauf beginnt die Oper. Keine Ouvertüre? Gleich mitten hinein in die schwüle Atmosphäre dieser ziemlich perversen Gesellschaft?

An 109 MusikerInnen dachte Strauss ursprünglich, ein Riesenorchester! Clemens Heil dazu und wie es in Luzern gelöst wird: «Ganz so gross ist es bei uns nicht. Wir spielen die sogenannte reduzierte Fassung und haben darüberhinaus eine stark reduzierte Streicherbesetzung nach dem Vorbild von Strauss' eigenen Besetzungen bei seinen Dirigaten in kleineren Theatern.»

Der Schleiertanz

«Als aber der Geburtstag des Herodes gefeiert wurde, tanzte die Tochter der Herodias vor den Gästen. Und sie gefiel Herodes so sehr, dass er schwor, ihr alles zu geben, was sie sich wünschte.» So steht es bei Matthäus. Kein Wort davon, dass Salome sieben Schleier hatte und einer nach dem andern beim Tanzen fällt. Auch bei Richard Strauss kein Wort von einem Strip. Lediglich, dass man ihr die Sandalen auszieht, bevor sie die sieben Schleier nimmt und zu tanzen beginnt. Und dass sie sich am Ende vor Herodes Füsse wirft. Alles andere ist Fantasie, Einbildung, Wunschdenken und hat Strauss in die Musik hineinkomponiert. Die allererste Salome, die stattliche Marie Wittich, weigerte sich denn auch, während dieses instrumentalen Stückes auch nur einen Finger zu rühren. Und so wird sie bei der Uraufführung von einer leicht bekleideten Tänzerin gedoubelt, eine Tradition, die sich viele Jahre hält.

Doch irgendwann - in den 80er Jahren - ändert sich das Bild der Sängerin - oder andersrum: ändern die Sängerinnen ihr dickes Image. Eine ganze Reihe von ihnen betritt nun die Bühne rank und schlank, sie singen nicht nur gut, sie schauen auch gut aus, haben schöne und durchtrainierte Körper und keine Scheu, sie auch zu zeigen.

Maria Ewing, US-amerikanische Sopranistin, bekannt für exzentrisch und schwierig, aber auch bekannt als kompromisslose Sängerin-Darstellerin, ist wohl die erste, die Salomes Schleiertanz selber tanzt. Richtig tanzt. Sieben Kleider trägt sie zu Beginn, eins ums andere zieht sie aus. Und am Ende steht sie splitterfasernackt da. Und das Licht geht auch nicht möglichst schnell weg, im Gegenteil. Das Publikum im Royal Opera House hält den Atem an.

Das lässt sich heute nicht einfach mehr wiederholen, zumal ja Nacktheit auf der Bühne auch kein Schocker mehr ist. Nach welchen Lösungen suchen also Regisseure heute?

Martin Kusej zum Beispiel liess seine Salome in Zürich mit Puppen spielen, die sie am Ende alle zerstört.

Peter Konwitschny setzt den Tanz Salomes mit ihrem Befreiungsakt gleich. Sie steigt auf einen Tisch und schüttelt sich wild und hemmungslos ihre Sehnsucht nach Freiheit aus dem Körper.

Katharina Thalbach, deren Salome in einem Designer-Kochstudio spielt, setzt - typisch die bodenständige Thalbach - Esswaren als Sinnbild für Erotik und Verführung ein. Ihre Salome vollführt ein wahres Happening mit exotischen Früchten. Und mit Teig!

Schön, die Idee jenes Regisseurs, bei dem es in jenem Moment gar keine Salome auf der Bühne gibt. Alles, was passiert, sieht man an der lüsternen Reaktion Herodes.

Als Nina Stemme ihre Salome in Barcelona sang, war die schwedische Sopranistin weit über vierzig, und ihr Körper fernab eines sechzehnjährigen Teenagers. Regisseur Guy Joosten benutzt den Schleiertanz für eine filmische Rückschau in Salomes Kindheit, die mit einer machthungrigen Mutter und einem unberechenbaren Stiefvater so schön nicht gewesen sein kann. Das Salome-Kind auf der Leinwand war übrigens Nina Stemmes Tochter.

Und in Luzern? Was werden wir zu sehen kriegen oder eben nicht? Und wie erzählt uns Herbert Fritsch die Geschichte dieses Schleiertanzes?

Mehr darüber im nächsten Kaegi-Ticker!

Clemens Heil zur Musik des Schleiertanzes: «Der Schleiertanz ist ein orgiastisches Orchesterstück. Strauss beschreibt darin mit orientalischem Kolorit, wie Salome für Herodes tanzt. Zugleich ist dieser Tanz auch für die Figuren im Stück als Musik hörbar und wird damit auch zum Ausdruck des lüsternen Blicks von Herodes auf Salome, seiner Phantasien und Projektionen. Vor allem aber ist der Tanz ein musikalisches Psychogramm Salomes. Er leuchtet aus, wie sich ihr Wunsch nach Rache an Joachanaan manifestiert und sich immer unerbittlicher Raum verschafft.»

Nachdem Salome getanzt hat und ihr der Vater allerhand angeboten hat - ein Halsband mit vier Reihen Perlen, Topase, Türkise, Rubine, Opale, Chrysolithe, Berylle, Chrysoprase, Sardonyxe, Hyacinth- und Chalcedonsteine, hundert weisse Pfauen und schliesslich das halbe Königreich - muss Herodes aber klein beigeben: er hat ihr den Kopf Jochanaans gegen einen Tanz versprochen, und der Henker steigt in die Zisterne hinab. Oben stehen alle und lauschen. Der Dirigent Clemens Heil über diesen Augenblick und ob man vom Schwert oder vom Schlag in der Musik etwas hört: «Wann der Kopf genau fällt, ist nicht eindeutig. Es gibt einen heftigen Akzent in den tiefen Streichern, den Salome allerdings als das Fallenlassen des Schwertes des Henkers deutet. Aber es geht Strauss in diesem Moment mehr um die Gefühlswelt Salomes. Ihre Spannung drückt sich in einem gruseligen hohen Stöhnen in den Kontrabässen aus. Strauss schreibt dazu in der Partitur, es müsse klingen, wie das unterdrückte Stöhnen und Ächzen eines Weibes. Salomes Warten auf den abgeschlagenen Kopf ist ein tonmalerischer Triller.»


Facts and Figures

  • Der Stoff ist aus der Bibel (Matthäus 14 und Markus 6), das Theaterstück schrieb Oscar Wilde und das Libretto hat Strauss selber verfasst.
  • Die Uraufführung findet am 9. Dezember 1905 in der Hofoper in Dresden statt.
  • Es ist die dritte Oper Strauss', aber die erste, die ihm einen richtig fetten Erfolg bringt.
  • Das Orchester ist gigantisch: insgesamt 106 Instrumente müssen in den Orchestergraben hinein. Darunter ein Heckelphon, 6 Hörner, eine Bassposaune, ein Kontrafagott, sechs bis sieben Perkussionisten, Celesta, Harmonium, Orgel (also die letzten beiden sind eigentlich hinter der Bühne).
  • Bei der österreichischen Erstaufführung, 1906 in Graz, war die gesamte Musikprominenz der Zeit anwesend: Alban Berg, Giacomo Puccini, Gustav Mahler, Alma Mahler, Arnold Schönberg, Alexander von Zemlinksy, Adele Strauss, die Witwe von Johann Strauss. Und auch ein 17jähriger Jüngling aus Linz soll angereist gekommen sein, der sich das Geld fürs Ticket bei seinen Verwandten ausborgen musste: Adolf Hitler.

Quotes zu und über Salome

  • Kaiser Wilhelm II: «Es tut mir leid, dass Strauss diese Salome komponiert hat, ich habe ihn sonst sehr gern, aber er wird sich damit furchtbar schaden.»
  • Richard Strauss darauf: «Von diesem Schaden konnte ich mir in Garmisch die Villa bauen.»
  • Marie Wittich: «So etwas schreibt man nicht Herr Strauss, ich bin eine anständige Frau!»
  • Richard Strauss: «Mein guter Vater, als ich ihm ... einiges (von meiner Salome) auf dem Klavier vortrommelte, stöhnte er verzweifelt: Mein Gott, diese nervöse Musik. Das ist ja gerade, als wenn einem lauter Maikäfer in der Hose herumkrabbelten.»                                                                                 

Der erste, der letzte, der stärkste, der kryptischste und der dümmste Satz

  • «Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht» (Narraboth zum Pagen)
  • «Man töte dieses Weib!» (Herodes zu den Soldaten)
  • «Warum sieht mich der Tetrarch fortwährend so an mit seinen Maulwurfsaugen unter den zuckenden Lidern?» (Salome über Herodes)
  • «Das Geheimnis der Liebe ist grösser als das Geheimnis des Todes» (Salome mit dem abgeschlagenen Kopf Jochanaans in Händen)
  • «Zurück, Tochter Babylons! Durch das Weib kam das Übel in die Welt. Sprich nicht zu mir. Ich will dich nicht anhör'n!» (Jochanaan zu Salome)