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Mai 2019
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Oper: Kaegi-Ticker

Kaegi-Ticker: Frank Zappa and his Ghost - Welcome in Lucerne!

Die Musikjournalistin Gabriela Kaegi begleitet die Proben zu «Zappa on the Hill» und sprach mit der Dramaturgin Julia Jordà Stoppelhaar über Frank Zappa und das Projekt auf dem Sonnenberg. Das Opern-Air-Festival ist vom 29. Mai bis 02. Juni zu sehen.

Ein performatives Konzert unter freiem Himmel

Ich bin zappa-frei aufgewachsen. Leider. Mein musikalisches Ameublement lag eher in den Händen von Männern mit weissen Perücken - was auch nicht nur schlecht war. Aber in der Tat fehlte da etwas wichtiges, wie ich bei meinen ersten WG-Besuchen feststellte. Denn der Mann auf dem Poster mit dem eigenwilligen Schnauz, der mit heruntergelassener Hose auf einer Kloschüssel sass, der irritierte mich: «Zappa?!» - so meine Nachhilfe - «Zappa, das ist ein Genie mit Taktstock und E-Gitarre!» Später dann kreuzten sich unsere Wege in der Musik-Redaktion des Radios, als er wegen seiner Projekte mit dem London Symphony Orchestra von sich reden machte oder weil seine witzig-bissigen Quotes über klassische Musik und Musiker, die immer mal wieder fielen, mich schon sehr beeindruckten, und schliesslich noch einmal, als er 1993 starb, und wir ihn auf dem Sender ordentlich beerdigten.

Jetzt also Zappa in Luzern, 26 Jahre nach seinem Tod! Taugt das heute überhaupt noch etwas, was er in den 60ties, den 70ties und den 80ties sagte, schrieb und komponierte? Und: wie kommt das heute an, wenn einer über «my penis dimension» einen Song schreibt? Wir sind ja heute etwas staksig geworden im Umgang mit Ironie und Gender.

Der Weg zu Zappa ist also eher etwas kurvig, und wenn er uns demnächst auf dem Sonnenberg heimsucht, dann ist vielleicht jetzt der richtige Zeitpunkt, sich schon mal schlau zu machen. Dafür gibts in house auch eine Kennerin: die Dramaturgin Julia Jordà Stoppelhaar, die anfänglich dem Guru noch etwas zurückhaltend gegenüberstand, aber im Verlauf der letzten Monate zu einer regelrechten «Zappatistin»* geworden ist.

(*Zappatistinnen sind keine Groupies sondern kritische Kennerinnen der Materie.)

Gabriela Kaegi – «Zappa on the Hill» - das klingt nach Outdoor-Festival, ein bisschen auch nach Summer of Love, Hippies und Woodstock. Ist es das, was hier gerade am Entstehen ist?

Julia Jordà Stoppelhaar – Für die Stimmung, würde ich sagen, stimmt das. Wir sind auf dem Sonnenberg, auf der Wiese, hoffen natürlich auf Sonne, es gibt einen Zeltplatz, es gibt eine Bar mit Zappa-Cocktails, wir haben einen Food-Truck, also alles was zur Festivalstimmung beiträgt. Das Stück selber aber könnte nicht weiter von Woodstock entfernt sein. Lustig, dass du dieses Stichwort einbringst, bei uns ist es am Anfang auch immer rumgegeistert.

JJS –  ... und eben: die Hippies hat er stark kritisiert.

GK –  Warum? Weil sie apolitisch waren? Oder weil sich so viele von ihnen zugedröhnt haben?

JJS –  Ja, eine seiner Theorien war, dass Drogen erfunden wurden, um die Massen dumm zu halten. Dumme Massen informieren sich nicht, sind nicht kritisch, trotten «mindlessmässig» einem Motto nach. Das konnte er nicht ausstehen.

GK – Julia, an dem Projekt wird ja schon länger herumgedacht und geplant. Du bist erst seit dieser Saison da. Und du gehörst nun nicht wirklich zur Generation der mit Zappa Grossgewordenen....

JJS –  Ich kannte den Namen, ich kannte einige seiner Songs - und das wars auch schon. Dann begann ich mich einzulesen und zu hören und fand ihn erst einmal einen Kotzbrocken. Ein Kerl, der die ganze Zeit nur so Weisheiten von sich gibt, die ich irgendeinmal auch gar nicht mehr hören will. Aber ich spüre trotzdem, dass in allem eine Erkenntnis ist, bei der ich nicht weghören kann. Es kam mir vor, als ob die Wahrheit aus seinen Sätzen regelrecht raustriefen würde. Auch seine Musik finde ich spannend. Als Mensch finde ich ihn kontrovers. Ich habe also ein bisschen die Kurve durchgemacht - auf meinem Weg zu Zappa.

GK –  Und was hast du vorgefunden was die Produktion betrifft?

JJS –  Als ich eingestiegen bin, war erst einmal nur fix, dass der Singer Songwriter Faber (Julian Pollina) mit Band dabei sein und Tillmann Ostendarp, Posaunist aus dem Toggenburg, die musikalische Leitung übernehmen würde. Er hat jetzt die Stücke geschrieben und entwickelt sie mit der Band und der Opernsängerin Sarah Hudarew weiter. Und natürlich standen Max (Maximilian Merker, Regisseur), Aaron Hitz und Ingo Ospelt fest. Das war der Rahmen, den ich vorgefunden habe und auf den ich mich direkt vorgefreut habe. Und die vergangenen Monate haben Max und ich die Stückfassung geschrieben, auch Dialoge, und wir haben die Dramaturgie festgelegt.

GK –  Und was war Euer Ausgangsmaterial. Ich geh ja nicht davon aus, dass ihr einen Fantasy-Zappa kreieren werdet?

JJS –  Alles was wir finden konnten, haben wir eingebracht: Interviews, Artikel, Songtexte, Filme - letztlich wird aus dem ganzen Konglomerat etwas Eigenes.

GK – Frank Zappas Auftritt mit den beiden Fahrrädern (und inklusive dem ziemlich peinlichen Steve Allen) gibt es hier zu sehen.

JJS – Es wäre einfach gewesen, aus dem ganzen Material eine Art Live-Zappa-Verfilmung, ein Biopic, zu machen. Genau das wollten wir nicht. Was uns interessiert ist sein Humor, der sich durch sein ganzes Werk hindurchzieht. Wenn dieser Mann nicht ironisch, manchmal auch zynisch ist, was ist er dann?! Nehmen wir das Beispiel seines berühmtesten Songs: Bobby Brown. Da singt er: «I am Bobby Brown, the cutest boy in town», das klingt doch irgendwie harmlos und freundlich. Etwas später erzählt er im selben Song dann, wie dieser stinknormale, weisse Ami Bobby aus den USA der 60er Jahre eine Cheerleaderin vergewaltigt. Und mit diesem Song kam Zappa in die Charts. Das war unfassbar!

GK – Also keiner hat eigentlich richtig zugehört, war es das? Und eigentlich war es ja dann der Beweis, dass die Massen wirklich dumm sind?

JJS – Er wählt für diesen Song eben eine eingängige Melodie...

GK –  ...raffiniert!

JJS – Ansonsten aber sind viele seiner anderen Stücke sehr disparat, es gibt welche mit einem starken off-beat, dann in einen Dreivierteltakt wechseln oder in einen Reggae-Rhythmus, sich also ständig verändern. Auf Zappas Musik muss man sich einlassen, zuhören, man kann sie nicht einfach als Tapete herunterplätschern lassen.

GK– Zappa ist seit 25 Jahren tot. Wo und wann spielt denn eure Geschichte?

JJS –  Wir holen ihn ein bisschen aus seiner amerikanischen Welt weg, hierher, nach Centerville, was für Zentralschweiz steht. «Centerville ist ein schöner Ort um seine Kinder grosszuziehen», hier geht‘s allen gut, hier ist es schön, hier fühlen sich alle wohl. Auf diese Welt prallt Zappa, der Kritiker der Gesellschaft der Popkultur mit seinen messerscharfen Sätzen.

GK – Heisst das, Frank Zappa tritt auf dem Sonnenberg auf?

JJS – Genau! Frank tritt auf, und dafür haben wir drei Leute, zwei Schauspieler und eine Sängerin, die alle mal Zappa sind. In unterschiedlichen Lebenslagen, an unterschiedlichen Orten und zu verschiedenen Zeitpunkten seiner Biografie. Wir machen eine Reise durch seine Biografie, zeigen, wie er, eben, mit den Fahrrädern in der Steve Allen-Show Musik machte, wir sehen ihn mit seiner Band, uns interessieren seine Konzerte, die eigentlich eher performative Ereignisse waren, bei denen Zappa immer wieder aus dem Konzertrahmen herausgetreten ist und mit dem Publikum geredet hat, manchmal small-talk, manchmal über politische Themen. Es gibt heftige Geschichten zu erzählen, wie er mit seinen Musikern umgegangen ist, wie er sie gecastet hat - wo wir dann auch zeigen, dass Zappa vielleicht genial war, aber sicher anstrengend. Er konnte herrisch sein, war ein Controll-Freak und liess die Musiker auch wissen, dass es nie so perfekt klingen würde, wie er es sich eigentlich vorstellte.

Da kommen wir dann eben auch zu all den dunkleren Seiten Zappas. Er war nicht nur der Star und der glänzende Leuchtturm mit seinen gemeisselten Sätzen und Gedanken, wir wollen auch zeigen, was ihn getrieben hat, ja, dass er vielleicht einfach auch mehr wollte als ihm möglich war. Ich meine, der Mann hat gesagt: «Ich suche das fehlende Teil zwischen Strawinsky und Anton Webern.»

GK – Und? Hat er diesen «missing link» gefunden?

JJS – Das möchte ich am liebsten offen lassen! Hat er es geschafft? Oder blieb ihm dazu keine Zeit mehr?

GK – Was würdest du sagen, was wollte er mit seiner Musik?

JJS – Er wollte wachrütteln, er nannte sich “Entertainer” und suchte eine alternative Form der Unterhaltung, die nicht berieselt und dem Publikum Mist vorsetzt.

GK – Als was würdest du ihn denn eigentlich bezeichnen?

JJS – Das genau ist das Problem. Kategorien funktionieren bei ihm nur immer über einen bestimmten Lebensabschnitt. In seiner Konzert-Hoch-Zeit war er ein Rockmusiker, der allerdings neue Musik machte. Streng genommen, war es ein Konglomerat aus Zwölfton-Musik, aus Reggae, aus Rock, psychedelischem Jazz, Jazz-Jazz und allen möglichen Stil-Zitaten. Am Ende seines Lebens interessierte ihn vor allem die avantgardistische Klassische Musik.

Das ist Zappa. Die Kategorie für ihn muss also erst noch erfunden werden.

Zappa on the Hill, Luzerner Theater

Goran Koc, Janos Mjinsen, Nick Furrer, Aaron Hitz und Julian Pollina bei der musikalischen Probe

Zappa on the Hill, Luzerner Theater

Ingo Ospelt und Aaron Hitz bei der Probe