Jedermanns Journal

Carole Barmettler schnupperte schon in jungen Jahren Theaterluft. Im Kindergarten stand sie als Traum-Dompteurin auf der Bühne und blieb fortan mit der Theaterwelt verbunden. Mittlerweile dressiert die studierte Germanistin Buchstaben. Nun wagt Carole Barmettler fürs Luzerner Theater einen Blick hinter die Kulissen, begleitet unseren «Jedermann» während seines Entstehungsprozesses und berichtet hier – bis der «reiche Mann» im Mai in die Manege auf dem Jesuitenplatz tritt – über das Entdeckte.

Carole Barmettler, Luzerner Theater

«Ein Luzerner Jedermann», das Freilichtspektakel nach Hugo von Hofmannsthal, wird von Thomas Schulte-Michels inszeniert und von über 80 Darstellerinnen und Darsteller unterstützt: Sänger, Akrobatinnen, Musiker sowie diverse Darstellerinnen und Darsteller. Die Premiere ist am 25. Mai auf dem Jesuitenplatz, im Herzen von Luzern, mit Blick auf die Jesuitenkirche. Und: Die Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen auf einem Podest, das teilweise über der Reuss schwebt.

Das Freilichtspiel ist die erstmalige Koproduktion mit dem Freilichtexperten Freilichtspiele Luzern und dem Luzerner Theater. Dieses einmalige Open air findet nur diesen Sommer statt.

 

#1: Was war, kommt und bleibt (12.3.18)

Wir schreiben den 10. März, der «Luzerner Jedermann» erhält heute entscheidenden und insbesondere vielzähligen Zuwachs. Die erste Probe mit den Amateurinnen und Amateuren – 40 an der Zahl – steht an. Sie bespielen ab Mai gemeinsam mit professionellen Schauspielern an 21 Abenden den städtischen Jesuitenplatz. Petrus, sei uns wohlgesinnt! 

Intendant Benedikt von Peter eröffnet die Probe, stellt sich, Christoph Risi (Freilichtspiele Luzern) und natürlich Regisseur Thomas Schulte-Michels – «unser Haudegen mit grossem Herz» – vor. Von Peter hüpft sogleich weiter. Ein Stockwerk höher finden Proben zu seinen «Faust-Szenen» statt (übrigens ebenfalls eine Produktion, bei der Laien mitwirken). Schulte-Michels übernimmt und hat die Gruppe nur wenige Sätze später in der Tasche. Nicht nur ein grosses Herz, auch eine grosse Portion Humor bringt der 74-Jährige mit.

Ein Luzerner Jedermann, Luzerner Theater

(Regisseur Thomas Schulte-Michels erläutert seine Pläne für den «Luzerner Jedermann»)

Nach der Klärung der Spielregeln – Probenpläne, Verfügbarkeiten, Kommunikation – betont Schulte-Michels die Eigenständigkeit der Luzerner Inszenierung. Denn der «Jedermann» trägt gewissermassen einen historischen Rucksack mit sich. Das Stück von Hugo von Hofmannsthal wird seit 1920 mit wenigen Ausnahmen jährlich an den Salzburger Festspielen aufgeführt. Hört man also «Jedermann», ist «Salzburg» meist nur wenige Gedanken entfernt. Vielleicht wird sich das 2018 ändern? Schulte-Michels aka SchuMi verspricht jedenfalls eine dialogisierte Fassung mit überraschenden Wendungen. Und der Agnostiker stellt klar, dass es trotz religiösem Stoff nicht nach «einer katholischen Tauf- und Werbeveranstaltung» riechen werde.

Ein Luzerner Jedermann, Luzerner Theater

(Während der «Pinkelpause» (Schulte-Michels!) studieren die Amateurinnen und Amateure mit Neugier die Pläne, Modelle und Skizzen.)

Auf die Inhaltsangabe gespickt mit persönlich-philosophischen Exkursen folgen Ausführungen zum Bühnenbild und Kostüm. Die weitere Probe steht unter der Leitung von Christov Rolla, der den «Luzerner Jedermann» auch in musikalischer Hinsicht zu etwas Besonderem macht. An dieser Stelle sei nur so viel zur Instrumentenwahl verraten: Sakrales trifft auf Profanes. Und nun genug gelauscht, die Gruppe streckt und klopft sich, gähnt, stimmt an und singt.

Ein Luzerner Jedermann, Luzerner Theater

(Christov Rolla bringt hörbare Bewegung in die Probe. SchuMi beobachtet und lauscht.)

Schulte-Michels verabschiedet sich indes: «Ich wünsche euch, obwohl wir ein Stück übers Sterben machen, ein unglaublich vitales Wochenende!»

Und ich wünsche bis zum nächsten Jedermanns Journal unglaublich vitale Tage!

Amateure und Schulte-Michels über «Jedermann – Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes»

Ich habe die Amateurspieler Lia, Dario, Philipp und Nadja sowie den Regisseur Thomas Schulte-Michels in der Mittagspause vor die Kamera gebeten und sie in ihren eigenen Worten erzählen lassen, worum’s im «Jedermann» geht:

#2: Wenn die Stadt zur Bühne wird (26.3.18)

Im aktuellen Jedermanns Journal geht’s für einmal nicht um die gegenwärtigen, inbrünstigen Gesangsproben der Amateurspielerinnen und -spieler im Südpol. Heute richte ich den Blick in die Vergangenheit. Denn der «Luzerner Jedermann» greift nebst der Tradition des Zentralschweizer Laientheaters noch ein weiteres wichtiges Element der regionalen Theaterkultur auf: das Freilichtspiel. Die Luzerner Theaterwissenschafterin Heidy Greco-Kaufmann hat sich mit mir in diesem Kontext über die weltberühmten Luzerner Osterspiele unterhalten.

Freilichtspektakel auf dem Weinmarkt

Bereits im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit nutzte man öffentliche Plätze der Stadt Luzern als Freilichtbühne. Im Rahmen volkssprachlicher Osterspiele wurde ab 1453 zunächst der Kapellplatz bespielt, ab ungefähr 1500 verlagerten sich die Aufführungen auf den Weinmarkt. Dort wuchsen die Osterspiele zum regelrechten Freilichtspektakel heran. Heidy Greco-Kaufmann spricht von einem «publikumswirksamen Propagandamittel der katholischen Glaubenslehre». Die Inszenierung des Stadtschreibers Renward Cysat aus dem Jahr 1583 erlangte gar Weltruhm. Der Bekanntheitsgrad ist gemäss Greco-Kaufmann in erster Linie der akribischen Dokumentation und insbesondere dem Erhalt der Quellen geschuldet: «Cysat hat jedes Schrittchen minutiös festgehalten. Man könnte das Stück heute beinahe nachspielen! Die Dokumentationslage ist absolut einmalig.»

Teurer Höllenfürst

Cysats Passionsspielinszenierung von 1583 erstreckte sich über zwei Tage. Die Aufführung begann an beiden Tagen morgens um 6 Uhr und dauerte jeweils zwölf Stunden. Sage und schreibe 300 Rollen haben über 12’000 Verse dargeboten. Die Rollenverteilung erfolgte jedoch nicht nach Textsicherheit, sondern nach Portemonnaie. Jeder Spieler musste für seine Rolle und alle damit verbundenen Aufwände wie Kostüm und Requisiten selber aufkommen. Zur teuersten Rollen-Kategorie zählte unter anderem der Höllenfürst Lucifer. Dass mit einer Teilnahme an den Osterspielen folglich einiges an Prestige einherging, liegt auf der Hand.

Ablass inklusive

«Den Bühnenbau verantwortete der Stadtbaumeister, bezahlt wurde aus dem Stadtseckel», führt Greco-Kaufmann aus. Auch für die Sicherheit während dieses gigantischen Ereignisses kam die Stadt auf. Da praktisch die gesamte Bevölkerung dem Weinmarkt-Happening beiwohnte, war Luzern entsprechend schutzlos und sämtliche Stadttore mussten bewacht werden. Die meisten finanziellen Ressourcen verschlangen aber die Gäste und deren Verköstigung sowie Unterbringung. «Die Luzerner Osterspiele waren die grosse Glaubensdemonstration der Katholiken und wurden gerade im 16. Jahrhundert – als im Zuge der Reformation das Theater unter Beschuss kam – sehr wichtig», erklärt Heidy Greco-Kaufmann, «auch ausländische Gäste waren geladen, etwa päpstliche Legate.»

Immerhin durfte die Stadt Luzern nicht nur mit Ausgaben rechnen, sondern auch mit Sündenerlass. Wer teilnahm – Spieler wie Zuschauer –, beging eine gottgefällige Tat und konnte Ablass empfangen.

 

Interviewpartnerin: Heidy Greco-Kaufmann, Privatdozentin an der Universität Bern, hat verschiedene Publikationen zur Thematik veröffentlicht, darunter «Die frühe Hochblüte des Luzerner Theaters: Oster- und Fastnachtspiele im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit.» in Bernd Iseles «Bühnenlandschaften. Theater in der Zentralschweiz.».

Christoph Risi über den Jesuitenplatz als Bühne

Es müssen zwar keine Stadttore mehr bewacht werden, dennoch gilt es einiges aufzugleisen, wenn man den Luzerner Jesuitenplatz bespielen will. Christoph Risi von den Freilichtspielen Luzern – Kooperationspartner der «Jedermann»-Produktion – erklärt, was beim Open-Air-Spektakel alles an Organisation anfällt:

Christoph Risi über die Reaktionen der Anwohnerinnen und Anwohner zum Projekt und die Zusammenarbeit mit der Stadt Luzern:

500 Zuschauerinnen und Zuschauer – zusätzlich Touristen, Flaneure, Gwundernasen, WM-Fans… Christoph Risi über das Team «Verkehr und Sicherheit»:

#3: Die Fäden laufen zusammen (9.4.18)

Der Luzerner Jedermann ist umgezogen. Nach den ersten Proben mit Südpol Luzern startete am 3. April die Probenphase in der Viscosistadt Emmenbrücke. Es geht also dort weiter, wo Intendant Benedikt von Peter seine erste Luzerner Spielzeit mit dem «Rigoletto» einläutete.

Jedermanns Journal, Luzerner Theater

(Viscosistadt ahoi! Hier laufen ab sofort nicht nur Fadenresten zusammen, sondern jegliche Jedermanns Fäden.)

Dass die Proberäumlichkeiten gewechselt wurden, liegt am Platzbedarf, insbesondere am Bedarf an Raumhöhe. Der Luzerner Jesuitenplatz, die Spielstätte des Jedermanns, ermöglicht neue Dimensionen, die ausgenutzt und bespielt werden wollen. In der leerstehenden Halle auf dem Viscosiareal stehen nun fünf Infanterie-Wagen, sie sind Dreh- und Angelpunkt der Luzerner Jedermann-Inszenierung (im nächsten Jedermanns Journal erfahren Sie mehr darüber).

Jedermanns Journal, Luzerner Theater

(Bald rollen sie auf den Jesuitenplatz: die fünf Infanterie-Wagen.)

Dem Teufel vom Karren gefallen und auf einem neuen Wagen Heimat gefunden? Schaut so aus. Die anwesenden Schauspielerinnen und Schauspieler beschnuppern ihren künftigen Spielplatz, während der technische Begleiter Manuel Brandstätter die letzten morschen Bretter wechselt und die finalen Justierungen vornimmt. Ein Elektriker kümmert sich um Anschlüsse für Licht. Es entsteht, es entsteht...

Jedermanns Journal, Luzerner Theater

(Die Schauspieler machen sich mit dem Jedermanns Bühnenbild vertraut.)

Bewegung tut gut, in der Halle weht ein kühler Wind. «Die Proben finden hier sozusagen in der Antarktis statt», witzelt Regisseur Thomas Schulte-Michels, «zieht euch künftig warm an.» Nachdem die Wagen getestet sind, erläutert SchuMi den Schauspielerinnen und Schauspielern – heute beginnen die Ensemblemitglieder und Gäste zu proben, Amateurinnen und Amateure sind nur eine Handvoll dabei – seine Vision, beschreibt Figuren, erklärt das Bühnenbild, das Licht- und Musikkonzept. Danach übernimmt Tanja Liebermann, welche die Jedermann-Kostüme verantwortet (auch hier verweise ich gerne zum nächsten Jedermanns Journal).

Schliesslich geht’s ans Eingemachte. Textbuch in die Hände, Stimmbänder ölen und los. Die ersten Seiten warten aufs Ausprobieren und Beleben. «Scham und Hemmungen sind hier fehl am Platz», wirft Thomas Schulte-Michels ein. Die meisten Lacher – besonders SchuMi ist sichtlich amüsiert – streicht heute unsere Mundart ein. Sie ist gleichzeitig Hauptdiskussionspunkt. Was wird auf Hochdeutsch gesprochen, was auf Schweizerdeutsch? Dialekt als Stilmittel? An welcher Textstelle? Das Team diskutiert über Vor- und Nachteile, versucht Sätze ad hoc zu übersetzen, ohne das Versmass zu vernachlässigen. Nicht ganz einfach, aber äusserst unterhaltsam. Eben, ein Ausprobieren. Es entsteht, es entsteht...

Jedermanns Journal, Luzerner Theater

(«Wie die Pinguine sitzt ihr zusammen», kommentierte Schulte-Michels. Der Regisseur schickte übrigens an die Sonne, wer gerade nicht gefragt war.)

Der rote Sprach-Faden

«Ich bin peinlich in Schweizerdeutsch», stellt Regisseur Schulte-Michels klar. Das Team probiert also selbständig aus, Text wird gestrichen, neue Sätze hinzugefügt. SchuMi hat das Textbuch in digitaler Form vor sich und fügt die Änderungen gleich ein.

Hält alle Fäden zusammen: Andreas Rosar

Andreas Rosar ist die rechte Hand von Regisseur Thomas Schulte-Michels, hält alle Jedermanns Fäden zusammen und hat aus dem Nähkästchen geplaudert.

Andreas, du koordinierst alle Jedermann-Spielerinnen und -Spieler, 40 Amateure neben den Profis, und bist erste Anlaufstelle bei Fragen. Wie kriegst du das hin?

Da ich aus dem Opernbereich komme, ist mir eine grössere Anzahl an Mitwirkenden nicht unvertraut. Während es auf der Opernbühne um ein Zusammenspiel von Chor, Solisten, Ballett und Statisterie geht, verzahnen sich beim Luzerner Jedermann nun Amateurschauspielerinnen mit Profidarstellern, Profischauspielerinnen mit Amateurdarstellern zu einem Ensemble. Sehr hilfreich ist dabei, dass ich Hand in Hand mit Melanie Durrer, meiner Kollegin vom Luzerner Theater, arbeiten kann.

Welche Herausforderungen bestehen auf der Seite des Ensembles?

Die grösste Herausforderung für die Amateurcrew ist sicherlich, den immensen Probenaufwand, den ein solch grosses Projekt erfordert, mit dem «zivilen» Leben in Einklang zu bringen. Während die Gäste und Ensemblemitglieder das Schauspielen zum Beruf haben, absolvieren unsere Amateurakteure das Probenpensum neben einem weiteren Beruf.

Ihr seid für die weiteren Proben in die Viscosistadt gezogen. Wie geht es jetzt bis zur Premiere Ende Mai weiter?

In der Viscosistadt haben wir eine Halle, die gross genug ist, um die Dimensionen des Jesuitenplatzes erfahrbar zu machen. Hier proben wir den gesamten April über. Ab Anfang Mai wird es dann langsam immer ernster – da kommen die Bühnenproben hinzu, was in unserem Falle nicht nur ganz klassisch die Proben auf der LT-Bühne (für die Regenvariante) bedeutet, sondern auch die Freilichtproben zwischen Reuss und Jesuitenkirche.

Du hättest einen «guten Draht nach oben», meinte Thomas Schulte-Michels in einer der Proben. Was meint er damit?

Vor meiner Theaterlaufbahn habe ich Philosophie und Theologie studiert und neben meiner Theaterlaufbahn arbeite ich im Team der Luzerner Citypastoral mit – ob das «einen guten Draht nach oben» garantiert, ist die Frage. Aber eine Sensibilität für «einen Draht» über das rein Materielle, Physische, Mess- und Verwertbare hinaus bedingt dieser Rahmen in der Tat.

Der Hofmannsthal'sche Jedermann ist auf gottfernen Pfaden unterwegs und soll dafür Rechenschaft ablegen. Als studierter Theologe und Teil der Luzerner Citypastoral: Wie vermittelt man heutzutage religiöse Inhalte? Sind solche Geschichten überhaupt noch zeitgemäss?

«Solche Geschichten» kommen immer im Gewand ihrer Zeit daher, sind aber heute genauso an der Zeit wie seit Menschengedenken, da sie an unsere existentiellen Fragen rühren, die immer virulent bleiben. Wo liegt der Sinn, wo das Ziel des Lebens? Weist mein Leben über meine eigene Existenz hinaus? Was bedeutet das für meine Beziehungen zu mir selbst und zu den Menschen, mit denen ich mein Leben teile? In der Beschäftigung mit diesen Fragen liegt für mich auch der zentrale Schnittpunkt zwischen Literatur und Glaube, zwischen Theater und Kirche. Die Herangehensweise von Thomas Schulte-Michels ist dabei eine, die diese gewichtigen Fragen in einer grossen Leichtigkeit mit unserer Lebenswirklichkeit in einen Dialog bringt.

Inwiefern passt der Jedermann deiner Meinung nach zu Luzern?

Da fallen mir spontan zwei Gründe ein: Einerseits ist Luzern ganz offensichtlich eine Stadt, in der Geld und Besitz, aber auch eine schöne Fassade spätestens seit der Barockzeit eine gewisse Rolle spielen. Wie Jedermann muss sich auch die Stadt immer wieder die Frage stellen, ob ihr Herz ausschliesslich an diesem blendend schönen Rahmen hängen soll oder ob darin Platz für mehr ist. Andererseits lebte bis in die frühe Neuzeit in den Gassen der Stadt das berühmte Luzerner Osterspiel (Anm. d. Red.: siehe letztes Jedermanns Journal) – in dieser Tradition der geistlichen Spiele sieht Hofmannsthal seinen Jedermann. Von daher ist der Jedermann der Stadt Luzern eigentlich fast schon auf den Leib geschrieben.

#4: Jedermanns Kleider (23.4.18)

Seit meinem letzten Probenbesuch sind fast drei Wochen ins Land gestrichen. Mittlerweile leuchten am Boden der Viscosi-Probehalle Lichtschienen, Proberequisiten kommen zum Einsatz und die Schauspieler tragen Kostüme. Allerdings nicht die originalen, sondern Teile aus dem LT-Fundus.

Die Originalkostüme befinden sich gerade in der Entstehung. Tanja Liebermann, sie verantwortet des Jedermanns Kleider, hat mir mehr darüber erzählt (siehe Videos unten). Unsere Unterhaltung erwies sich als nahrhaftes Futter für meine Ungeduld... Doch es sind nicht mehr viele Tage abzustreichen. Am 25. Mai heisst es bereits: Manege frei für den Jedermann!

PS: Im nächsten Jedermanns Journal erfahren Sie mehr über ebendiese Manege – Ich war bei Marco Brehme, Werkstättenleiter des LT, zu Besuch.

Tanja Liebermann über das Kostümkonzept

Praktisch, modular, gut – Tanja erläutert die Idee des Grundkostüms:

Es gibt einige Referenzen, von David Bowie über «A Clockwork Orange», und sogar der Salzburger Jedermann kriegt ein Zitat:

#5: Der Tross rollt los (7.5.18)

Es ist nicht mehr lange hin! Am 25. Mai betritt der Jedermann seine Manege auf dem Jesuitenplatz. Das Herzstück des Bühnenbilds – wir lassen die Jesuitenkirche mal aussen vor – besteht aus fünf Infanterie-Wagen. Sie befinden sich derzeit noch in der Viscosi-Halle, wo sich alle Einzelteile Schritt für Schritt zu einem amüsanten Ganzen zusammenfügen. Während meinen Probenbesuchen weiss ich mittlerweile gar nicht mehr, wohin mit meinen Augen, denn auf den und um die Wagen steppt der Zirkus-Bär.

In wenigen Tagen rollt der Tross los. Geprobt wird nämlich bald auch unter dem Himmelszelt und auf der Bühne des LT (sollte Petrus nicht mitspielen). Ich war bei Marco Brehme, Werkstättenleiter des LT, zu Besuch, um mehr über die besagten Infanterie-Wagen zu erfahren. Sie finden die Kurz-Videos nachstehend.

Ich verabschiede mich an dieser Stelle mit einem weiteren Zitat von Regisseur Thomas Schulte-Michels: «Dann geht der eine nach links und der andere nach rechts – wie das halt so ist im Leben.» – Ich hoffe allerdings, unsere Wege kreuzen sich in zwei Wochen nochmals. Fürs sechste und letzte Jedermanns Journal, wenn der «Luzerner Jedermann» zu Wort kommt...

Marco Brehme über die Infanterie-Wagen

Marco Brehme, Werkstättenleiter des LT, hat mir erklärt, wo man solche Gefährte herkriegt:

Alt = viel Arbeit? Nicht unbedingt, aber die Wagen wurden aufgemotzt:

Auf dem Jesuitenplatz stehen noch andere rollende Begleiter. Sie stammen aus dem Zirkus Chnopf:

PS: Für die Tonqualität entschuldige ich mich herzlich! Die Tage meines Smartphones sind wohl – wie jene des Jedermanns – gezählt...

Keine Manege ohne Publikum: Tribünenaufbau

Eine Manege verlangt natürlich nach einem Publikum. Letzte Woche fand der Tribünen-Aufbau auf dem Jesuitenplatz statt. Es ging emsig – und für manche sogar nass – zu und her. Doch schauen Sie selbst.

Und von der LT-Terrasse aus hat das Treiben so ausgesehen:

PS: Das sind übrigens beides je zehnminütige Aufnahmen. An einem Wochentag kurz vor Mittag, notabene. Bei dieser Frequenz wird klar, warum es ein Team «Verkehr und Sicherheit» benötigt. Christoph Risi hat mir im Rahmen des zweiten Jedermanns Journals mehr darüber erzählt.

#6: Es beginnt – und geht zu End’ (22.5.18)

Freitagabend, 18. Mai, Hauptprobe eins! Alle geschminkt, frisiert, kostümiert – und dann: Regen. Kurz vor dem offiziellen Beginn um 21 Uhr ruft Thomas Schulte-Michels – in Regenmontur mit samt Hut – in die Box zur Lagebesprechung. Die beginnt anders als erwartet, nämlich mit einem Geburtstagsständchen des gesamten Teams. Der «Tod» alias Christian Baus feiert Geburtstag. «Möget ihr lange leben!», bedankt sich dieser für die Trällerei. SchuMi eröffnet dem Ensemble, dass die erste Hauptprobe trotz kalt-nassen Umständen draussen stattfindet. Der Regisseur weist mehrfach – auch während der HP übers Mikrofon – darauf hin, man möge sich langsam bewegen und auf seine Knochen Acht geben.

Nachdem die Regenpfützen so gut als möglich vom Platz gewischt sind, geht’s los. In den Rängen sitzen – nebst dem Produktionsteam – mitunter Benedikt von Peter (Intendant LT) und Christoph Risi (Freilichtspiele Luzern). Ingo Höhn, der LT-Hausfotograf, begleitet den Durchlauf ebenfalls. Das Happening lockt wie zu Erwarten einige Gwundernasen an. Rechts und links von der Bühne bilden sich Menschentrauben und beobachten interessiert das – wortwörtlich ­– bunte Treiben auf dem Jesuitenplatz.

Auf die Hauptprobe folgt eine Nachbesprechung in der Box. Nächste Woche stehen die zweite Hauptprobe und die Generalprobe an, bevor am Freitagabend Premiere gefeiert und anschliessend in der Jedermanns Bar angestossen wird. Es bleibt zu hoffen, dass Petrus seine Post-Winter-Launen bis dahin überwunden hat.

TOI, TOI, TOI – liebes Jedermanns-Team! Es war mir eine Freud’, euch während der vergangenen zwölf Wochen zu begleiten.

Die letzten Worte - Der «Jedermann» meldet sich zu Wort

Matthias Schoch spielt den «Luzerner Jedermann». Der 32-Jährige gastierte bereits im Rahmen der Produktionen «Robin Hood» und «Ronja Räubertochter» am LT.

Matthias, welchen Bezug hast du zum Freilichtspiel?

Interessanterweise fand ich dank eines Freilichtspiels zum Theater und zur Schauspielerei. Ich habe 2002, im Alter von 16 Jahren, beim Winterthurer Freilichtspektakel «Fridebüüte» mitgespielt. 250 Laien auf einem Platz und einige Profi-Schauspieler vorne dran. Dort lief ich mit einem Besen über die Bühne. Mein gesamter Text: «Frische Milch!» 

Hast du vor dem «Jedermann» schon mit Thomas Schulte-Michels gearbeitet? 

Nein. Ich kenne SchuMi aber vom Theater Biel-Solothurn, wo ich nach meinem Schauspiel-Studium festes Ensemblemitglied wurde. Seine Partnerin arbeitet dort als Schauspieldirektorin. Er besuchte die Premieren und sass danach irgendwo in einer Ecke. Man konnte nach der Aufführung vorbeigehen und sich seine Meinung anhören. Ich habe mich dem total verweigert. Irgendwann habe ich ihn dann doch kennengelernt und musste meine Meinung revidieren. SchuMi hat ein unglaublich grosses Herz. Ich fühlte mich sehr geehrt, als er mich für den «Luzerner Jedermann» angefragt hat.

Inwiefern prägte der Umstand, dass SchuMi dich so oft auf der Bühne gesehen hat, eure Zusammenarbeit?

SchuMi hat wahrscheinlich alles gesehen, was ich in Solothurn gespielt habe. Er weiss genau, wo meine Schwachpunkte liegen. Ich habe unglaublich viel gelernt, die Proben waren für mich so eine Art Master Class. SchuMi hat über 150 Inszenierungen gemacht, das ist gewaltig! So viel handwerkliches Wissen auf einem Haufen!

Welche Parallelen gibt’s zwischen dir und dem «Jedermann»?

(überlegt lange) Er ist ein Grosskotz. Darin liegt für mich auch der Schlüssel zur Figur: Diese Anspruchshaltung, dass die Welt etwas zu liefern und jeder, der in ihr rumsteht, gefälligst etwas zu bieten habe. Von mir kenne ich das auch als Überanspruch an mich selber, der Anspruch richtet sich also eher nach innen als nach aussen.

Was ist das Herausforderndste am «Jedermann»-Sein?

Die Komplexität und Vielfältigkeit. Die Szenen fordern ganz Unterschiedliches. Auch vor dem glaubwürdigen Wandel – von einem Jedermann, der an gar nichts glaubt, zu einem, der dann doch akzeptieren muss, dass er dem Tod gegenübersteht – habe ich Respekt. Der «Luzerner Jedermann» hat aber im Gegensatz zur Hofmannsthal’schen Version keine Erleuchtung. Er ist ein Geschäftsmann von A bis Z. Bis zum bitteren Ende.

Worauf freust du dich am meisten?

Aufs Publikum. Wenn da Leute sitzen und reagieren – darauf freue ich mich sehr! Die Zuschauer sitzen näher als ich erst gemeint hatte. Es wird kompakter, aber die Bühne ist sehr breit. Wie eine Kino-Leinwand sozusagen. 

Oder eine Manege. Du bist noch Zirkusdirektor, wie SchuMi mal erwähnt hat?

Offiziell heisst das nicht so. Es ist einfach SchuMis Lieblingswort. (lacht) Ich kam 2013 durch einen Zivildienst zum Zirkus Chnopf. Ab Ende 2014 habe ich die Künstlerische Leitung übernommen. Ich war bis dahin in einem Festensemble und habe am Fliessband produziert. Es war natürlich toll, direkt nach dem Abschluss der ZHdK festes Ensemblemitglied zu werden. Aber nach drei Jahren war ich ausgelaugt und habe mich gefragt, warum ich das überhaupt mache. Beim Chnopf gehst du wie eine Shakespeare- oder Commedia dell'arte-Truppe auf einen städtischen Platz und bespielst ihn. Du siehst alle Reaktionen – wenn einer davonläuft beispielsweise. Das hat mich enorm befeuert und neue Energien freigesetzt. Es war eine neue Art von Spiel und eine neue Freiheit. Auf der Strasse wird alles unmittelbarer. Es geht darum, gemeinsam etwas zu erleben. Wir sind weder im Theater, noch im Zirkus, noch im Musical – es ist einfach hier und jetzt. Plus: Wir haben fünf Laien und fünf Profis auf der Bühne. Ziemlich einmalig! Die Mischung aus der Energie der Jugendlichen und dem Handwerk der Profis ist unglaublich schön. Die spürst du beim «Luzerner Jedermann» ja auch. 

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