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Oper

Glamouröser Bling-Bling und trashige Lederfräcke

Die Kostümbildnerin Zoé Brandenberg im Gespräch mit der Produktionsdramaturgin Julia Jordà Stoppelhaar über die Musiktheaterproduktion «Blaubarts Frauen», den Reiz des Einzelstücks und die Macht der Verhältnisse.

 

Julia Jordà Stoppelhaar – Bei «Blaubarts Frauen» kommen die Kostüme, ganz im Sinne nachhaltigen Arbeitens, aus dem Fundus des Luzerner Theater – du nutzt das, was da ist. Wie gehst du bei einem Besuch im Fundus vor?

Zoé Brandenberg – Es kommt darauf an, ob man den Fundus schon kennt oder nicht. Denn es gibt verschiedene Methoden, einen Fundus zu ordnen: Nach Epochen, nach Farben, nach Produktionen... Das ist in jedem Theater anders.  Als festangestellte Kostümassistentin am Luzerner Theater habe gleich zwei Fundi gut kennengelernt. Im Theater selbst ist der kleine mit den Alltagskleidern. Im grossen Fundus im Südpol findet man unter anderem Fantasiekleider und historische Kostüme. Dort habe ich zuallererst Einzelstücke gefunden, die mich angesprochen haben. Darauf konnte ich aufbauen und sie miteinander kombinieren.

 

Blaubarts Frauen, Luzerner Theater

 

Blaubarts Frauen, Luzerner Theater

 

JJS – Die Chordamen werden in Christian Graeffs und Christov Rollas Konzept ebenfalls aus dem «Fundus» geholt, denn die Protagonisten Béla und Jacques wollen endlich ihr Stück mit ihnen zu Ende führen. Welcher Stil interessierte dich bei der Auswahl der ersten Einzelteile für ihre Kostüme?

ZB – Am Anfang waren die Kostüme der Chordamen noch eher aus einem Topf, sie waren einander ähnlich. Die Idee dahinter war die Sexualisierung der Frau, gerade auch in der Konsumgesellschaft und dazu eine trashige Ästhetik. Es sollte überladen sein, mit viel «Bling-Bling», und eine überspitzte Situation darstellen. In Gesprächen mit Christian und Christov stellte sich heraus, dass die Damen im Stück als «Arbeitsmaterial» gedeutet werden. Durch das Kostüm werden sie in stereotype Rollen gedrängt und somit zu Charakteren.

 

Blaubarts Frauen, Luzerner Theater

 

Blaubarts Frauen, Luzerner Theater

 

JJS – Sie werden zu Stiltypen.

ZB – Dabei habe ich auch mit Farben gearbeitet, die den Unterschied zwischen ihnen stärken. Auch Tiermuster habe ich in die Kostümentwürfe mit einbezogen – bei Schlangenleder beispielsweise schwingt der erotische Aspekt mit, das «Tussihafte», aber auch die Stärke des Tieres. Darin findet sich die Zwiespältigkeit der Damen wieder – sie sind zwar «Arbeitsmaterial» für die «höhere Kunst», aber sie erheben sich auch, sind nicht nur passiv. Ausserdem wollte ich die Ressourcen des Fundus nutzen und auch klassische Fundusstücke verwenden, z.B. den Deux-Pièce aus den sechziger Jahren.

 

Blaubarts Frauen, Luzerner Theater

 

Blaubarts Frauen, Luzerner Theater

 

JJS – Wie unterscheiden sich die Kostüme der Chordamen von denen der drei Männer?

ZB – Jacques (ein Offenbach) interpretiere ich als den Unterhalter, deshalb fliesst bei ihm auch das Trashige in das Kostümbild mit ein: Vom rosa Rüschenhemd über den Lederfrack bis hin zu einem Berg von goldenen Broschen. Béla (ein Bartók) ist da eher zurückgenommen, er ist für den Inhalt und die grossen Reden verantwortlich. Beide tragen ihre Namen auf dem Rücken. Einerseits ist das inspiriert von Sportlertrikots, andererseits natürlich ein zusätzliches identifikationsstiftendes Merkmal in dieser überladenen Welt.

JJS – Und Igor, das Faktotum der schönen Welt?

ZB – Als Assistent der beiden Komponisten trägt er einen Blaumann. Er ist der Ausführende der beiden «Blaubärte» und somit selbst auch einer.

JJS – Was bedeutet es für dich ein Blaubart zu sein?

ZB – Der Begriff ist nicht auf eine Person bezogen, sondern beschreibt ungleiche Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft. Nicht nur Männer können Blaubärte sein, sondern auch Frauen. Es sind die Menschen, die den ungleichen und übergriffigen Status quo weiter unterstützen.