Familien

Frau Holle – Eine Lobhudelei

Massive Begeisterung. Das wäre nach dem Probenbesuch von Frau Holle eine angemessene Beschreibung. Und man soll ja nicht zu dick auftragen, aber wer schrägen Humor mag, sollte sich das hier definitiv anschauen. Egal ob mit Kind oder ohne

von Jana Avanzini
Bilder: Ingo Hoehn

Frau Holle, Luzerner Theater

Es ist zu warm auf der Erde. Die Gletscher sind weg, die Murmeltiere finden nicht mehr in den Winterschlaf und aus Frau Holles Bettdecke fällt kein Schnee mehr. Seit 60 Jahren schon ist es auf der Erde schneefrei – doch dank Frau Holles Labor soll sich das heute ändern.

Das ist die Geschichte, die den Kindern hier erzählt wird. Dazu kommt natürlich auch das originale Grimmsche Märchen, als Stück im Stück erzählt und damit endlich mal wieder witzig und zeitgemäss. Von der schönen Goldmarie und der hässlichen Pechmarie, vom sprechenden Brot und den geschüttelten Äpfeln – eigentlich ist Frau Holle eine Geschichte von Fleiss und Faulheit. Doch in der Inszenierung des Berliner Kollektivs hannsjana ist die Moral von der Geschicht so viel mehr. Es wird im Team gearbeitet, experimentiert und gemeinsam etwas gelernt.

Gerade beginnt die Probe auf der grossen Bühne mit Einsingen. «Schön, so verschlafen», lobt die musikalische Leiterin Laura Besch, Gelächter ist die Antwort, und schon beim zweiten Refrain beginnt die Melodie sich ganz fein in den Ohrmuscheln einzunisten. Technikerinnen und Bühnenarbeiter sind dabei, kübelweise Wasser anzuschleppen, Pechmarie Wiebke Kayser gönnt sich noch ein Sandwich aus der Lunchbox.

Frau Holle, Luzerner Theater

Das Labor auf der Bühne kommt genauso daher, wie man sich als Kind ein Labor vorstellt, und wie die Film-Labore in der Kindheit der heutigen Erwachsenen aussahen. Das Technik-Team des Luzerner Theater hat sich offensichtlich mit kindlicher Experimentier-Freude an die Arbeit gemacht. Es dampft, es blinkt, es sprudelt und strudelt. Das Labor von Frau Holles Angestellten produziert Nieselregen, Blitz und Donner, Sonnenschein und Tornados. Doch mit dem Schnee, mit dem Schnee da hapert’s. Durch das Fenster des Labors blicken wir auf gerupfte Tannen und felsige Wüstenlandschaften. Die Murmeltiere haben seit Jahren keinen Winterschlaf gehalten und sind deshalb etwas gar aufgedreht unterwegs.

Im Publikum ist bei diesem technischen Durchlauf einiges los, obwohl gleich beide Regisseurinnen des Kinderstücks auch selbst auf der Bühne stehen. Marie Weich und Katharina Siemann sind Teil des Theaterkollektiv hannsjana, wie auch die musikalische Leiterin Besch, die Theatermacherin Alice Escher. Das Berliner Künstlerinnenkollektiv, das performativ und auch als Band unterwegs ist, in musealen Räumen und Schulprojekten arbeitet, macht sich erstmals auf der grossen Bühne an ein Kinderstück.

Doch hier wird nicht deswegen versucht, künstlich mit einer grossen Kelle anzurühren. Diese Produktion kommt mit einer Leichtigkeit und fast übermütigen Spielfreude daher, die harte Arbeit dahinter, die Verflechtung aller Ebenen bleibt vollkommen unbemerkt. Das ist Kunst. Dieses Team nimmt die Kinder ernst, bezieht sie ein und lässt sie bei den grossen Themen nicht aussen vor. Mit Humor, Musik, und Poesie.

Alles fügt sich selbstverständlich ineinander. Die Arbeit im Labor, die absurd komischen Videoeinspieler mit Reporter*innen am Fusse des Pilatus und am Vierwaldstättersee, Frau Holles Stimme und der Erzähler (Walter Sigi Arnold), das Stück im Stück. Bereits die Rollenverteilung der Labor-Angestellten für das Märchenspiel wird zum Theater. Die alterslosen Figuren versuchen sich gegenseitig davon zu überzeugen, wer die Mutter authentischer spielen könnte (Eltern, erkennet euch).

Frau Holle, Luzerner Theater

In dieser Inszenierung spielt Julian die liebe Marie und auf das generische Maskulinum wird klar verzichtet. Und das alles ohne mit dem moralischen Zeigefinger zu wackeln. Die Erderwärmung wird mit Hilfe der Murmeltiere erklärt (geblättert im Stil von Ohne Rolf), den Kindern Experimente schmackhaft gemacht und dem Publikum neue Ohrwürmer eingepflanzt. Wenn Äpfel shaken und Murmeltiere bouncen, wenn der Hahn ohne R kräht – man wünschte sich, es gäbe sie für zuhause als «CD» zu erstehen.

Sowohl Humor, Ästhetik als auch Musik sind definitiv auch etwas für Erwachsene. Es reihen sich Perlen an Treffer. Wenn sich Strudel bilden und die Wolken auf die Bühne regnen, wenn der Wind die ganze Gruppe an die gegenüberliegende Wand bläst und das Publikum abstimmen darf, ob Pingpong-Bälle oder Quark auf Siemanns Kopf den besseren Schnee darstellen: Der Mund bleibt öfters offen stehen.

Dann, technischer Stopp, der Drucker hängt. Selbstverständlich, es ist ja erst die Probe. Und doch kann man bereits sagen: hannsjana dürfte gerne noch ein paar mehr von Grimms Klassikern auf diese Bühne bringen.