Schauspiel

Ein Ritt auf dem Feuerball

von Jana Avanzini
Foto: Ingo Hoehn

Auf dem Einband klebt der adelnde rote Punkt: «Nr. 1 Beststeller» steht darauf. Er klebt auf allen vier Bänden der neapoletanischen Saga von Elena Ferrante. Der erste Teil, «Meine geniale Freundin», beginnt mit dem Verschwinden einer Freundin. Und damit beginnt auch die Inszenierung auf der Bühne im Luzerner Theater.

Natürlich ist es eine sehr gute Idee, einen international gefeierten Bestseller auf die Bühne zu bringen. Doch über 60 Jahre zweier Leben, 1800 Seiten auf die Bühne zu bringen – es ist gelinde gesagt auch eine ambitionierte Idee. Regisseurin Lily Sykes jedoch hat keine Angst vor der Länge. Die Britin inszeniert zum ersten Mal in Luzern und sie beweist dabei ihr Gespür für die feinen Nuancen der Figuren, ihre Auseinandersetzung mit Fragen über Freundschaften, Chancengleichheit, Neid und Liebe.

Gerade testet sie mit den Darstellerinnen die Mikrofone. «Was ist bloss aus Italien geworden?!» schallt es durch das Theater, während sich das maskierte, hausinterne Publikum für die offene Probe seine Plätze sichert. Das Orchester komme später, informiert die Regisseurin. Fotos werden gemacht und hinter der Bühne wird noch lautstark umgebaut. Die Stimmung ist freudig aufgeregt. «Es ist eine Produktion, die mehr als 50 Plätze verdient hätte», sagt Schauspielchefin Sandra Küpper. Man merkt ihr ein leichtes Bedauern an, dass diese Riesen-Kiste nicht vor vollem Haus gespielt werden kann. Und tatsächlich wird hier ganz schön aufgefahren – inhaltlich sowie in der Umsetzung. Mit der Solistin Lara Liechti, Kinderdarstellerinnen, dem Luzerner Sinfonieorchester auf der Bühne und den Gästen: Claudius Körber und Milian Zerzawy als eine ganze Reihe männlicher Figuren und Martina Spitzer aus Wien als Erzählerin. Sie erzählt uns die Geschichte einer Freundschaft von zwei Frauen und ihren Leben, die sich immer wieder verbinden. In Freundschaft, Nähe und Vertrauen, in Konkurrenz und Neid. Eine Geschichte von der Selbstbehauptung zweier intelligenter Frauen in einer patriarchalen Welt.

Sophie Hottinger und Olivia Gräser wachsen in diesem Theaterabend zu ganz unterschiedlichen Frauen heran deren Lebenswege sich immer wieder trennen und kreuzen. Durch die gemeinsame Kindheit, durch Schule und Ehe, durch Studium und Beruf. Sie bleiben einander verbunden. Und doch ist es nicht nur die Geschichte einer Freundschaft, sondern einer ganzen Generation. Sie zeigt die Nachkriegsjahre in Neapel und die Armut aus weiblicher Perspektive.

Es braucht einen Moment, um bei der Lektüre in die Welt des Riones einzutauchen, die Elena Ferrante beschreibt. Doch derselbe Sog, den Ferrantes Sprache und die Leben ihrer Figuren dann umso stärker entwickelt, überträgt sich in der Inszenierung von Sykes.

Der Vorhang hebt sich, wir beginnen in einem Restaurant ganz in grün. Mit einer kleinen Bar und fünf weiss eingedeckten Tischchen. Bald schon hat sich das Restaurant dekonstruiert, wird zur Strasse, zum Strand. Verzweiflung wird zur Komik und Nähe zu Schmerz. Bei der Hochzeit von Lila nimmt die Geschichte richtig an Fahrt auf, denn die Kinder sind nicht besser als ihre Eltern und der Alltag besteht nur noch aus Gefahren. Sie sitzen auf einem Feuerball, und das Leben an sich ist nicht mehr als eine Aneinanderreihung unsinniger Abenteuer. Martina Spitzer erzählt und taucht ein, kommuniziert mit der Vergangenheit und kommentiert sie. Für die Bilder, die daraus erwachsen braucht es nicht mehr. Denn mit Sophie Hottinger und Olivia Gräser stehen aus dem Ensemble zwei Frauen auf der Bühne, die perfekt auf die von Ferrante erdachten Figuren passen. Sie ergänzen sich als Freundinnen in ihrer Intimität und Konkurrenz – als Jugendliche und als erwachsene Frauen.

Dazu Spitzer aus Wien zu holen hat sich auf jeden Fall gelohnt. Szenen voller wilder Feiern, bedrückender Nähe oder jugendlichem Übermut lässt sie durch ihre Präsenz als Erzählerin in den Hintergrund oder in den klaren Fokus treten. Alles fügt sich ineinander und es wirkt, als wäre eine Strandszene ohne Orchester gar nicht mehr denkbar. Dann ist Pause. «Und nach der Pause erst tut es richtig weh, wenn die beiden Frauen erwachsen sind und ihre Erfahrungen machen müssen, was es heisst Beruf, Familie, Ehefrau- und Freundin-Sein unter einen Hut zu bekommen.», sagt Sandra Küpper.