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Schauspiel

Ein Probenbesuch auf den Trümmern der Rütliwiese

Es ist ein düsterer und gleichzeitig spektakulärer Auftakt zu den heutigen Proben von «TELL – eine wahre Geschichte». Eine karge Gebirgslandschaft mit schroffen Felszacken, nur schummrig beleuchtet und eingefasst durch einen Rahmen von Neonröhren bildet das Gerüst der Szene. Dann betreten ein Mann und eine Frau von links die Bühne. Sie sind schwer beladen mit grossen Rucksäcken und dick eingepackt in schützende Kleidung. Heute ist ein Feiertag für die beiden: Sie haben ein Murmeltier gefangen, und das bedeutet Nahrung, und Nahrung ist rar in dieser postapokalyptischen Welt. Fremden begegnet man hier mit Misstrauen, und als zwei weitere Personen die Bühne betreten, nimmt die Handlung ihren Lauf.  

Wem Friedrich Schillers Klassiker Wilhelm Tell bekannt ist, wird in den Personen bald Protagonisten aus dem klassischen Tell erkennen und in der Szene den berühmten Rütlischwur. Statt «ein einzig Volk von Brüdern» will man im «TELL» im Luzerner Theater aber vor allem: Mensch sein. Und dies verweist bereits darauf, welche Fragen im Stück behandelt werden. Was macht uns überhaupt zum Menschen? Was bedeutet es, tapfer zu sein im Angesicht von Gefahr? Und wo liegt der Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Rache?

Denn zum legendären Wilhelm Tell, der sich mit Schillers Drama endgültig zum Schweizer Nationalhelden entwickelte, hat die Titelfigur dieser Inszenierung ein kompliziertes Verhältnis. Tell ist hier eine Figur mit Fehlern und Zweifeln, nachhaltig traumatisiert durch seine Ermordung Gesslers und immer wieder scheiternd, seinem Sohn die Welt zu erklären. Der Held Tell, so scheint es, wird auf den Boden der Realität zurückgeholt und wird darum umso aktueller für unsere Zeit.

Noch ist offen, wann «TELL» auf der Bühne gezeigt werden kann. Dennoch ist die Stimmung im Team gut, es wird gewitzelt, jedoch sind alle hochkonzentriert. Das müssen sie auch – schliesslich wird auf der Bühne buchstäblich mit dem Feuer gespielt. Auch Regen und Schnee kommen zum Einsatz und tragen zu den starken, äusserst stimmungsvollen Bildern bei, die teilweise an bewegte Gemälde oder Kunstinstallationen erinnern und sich visuell einprägen.

«TELL – eine wahre Geschichte» unter der Regie von Franz von Strolchen wird zur Zeit im Luzerner Theater zu Ende geprobt, so dass die Produktion bei Wiederöffnung schnellstmöglich vor Publikum gezeigt werden kann.