Familien

Eine Mütze, wie eine Bergesspitze!

Ein Gespräch der Puppenbauerin Kathrin Leuenberger mit Dramaturgin Julia Jordà Stoppelhaar über die Kunst den Bilderbuchhelden «Schellen-Ursli» in eine Puppe zu verwandeln.

Schellen-Ursli, Luzerner Theater
Foto: Yoshiko Kusano

Die Puppenbauerin und -spielerin Kathrin Leuenberger gründete 2000 das Figurentheater Lupine in Biel. Sie tritt im deutschsprachigen Raum und in der französischen Schweiz auf. Im Figurentheater des Luzerner Theater war in der Spielzeit 18/19 ihr Stück «1+1=Kopfsalat» zu erleben, in der aktuellen Spielzeit die Produktion «Kleiner Riese Stanislas».

Für das Kindermusiktheater «Schellen-Ursli» der Opernsparte des LT hat sie die Ursli-Puppe gebaut.

Julia Jordà Stoppelhaar – Kathrin, du feierst dieses Jahr das 20. Jubiläum des Figurentheaters Lupine. Wie verlief dein Weg zum Puppenbau und -spiel?

Kathrin Leuenberger – Zunächst habe ich eine Lehre zur Dekorationsgestalterin absolviert und war als Requisiteurin am Stadttheater Bern engagiert. Die Puppenspielerei habe ich mir autodidaktisch angeeignet. Meine Basis ist das Bildnerische. Bei der Requisite und auch bei der Schaufensterdekoration gibt es nicht einfach nur zwei oder drei Varianten zwischen denen man auswählt. Es geht darum, neue Kombinationen der Ideen zu finden und so etwas ganz Neues zu schaffen.

JJS – Wie zeigt sich dieser Aspekt in deiner Puppenspielkunst?

KL – Das Figurentheater ist eine bildstarke Form des Geschichtenerzählens, da kommen die bildende- und die darstellende Kunst zusammen. Die Stücke des Figurentheaters Lupine gehen oft von einem bestimmten Material oder Umsetzungsform aus, die sich mit der Thematik verbindet. Dabei arbeite ich mal mit Figuren als Kreidezeichnungen oder aus Papier und ein andermal entstehen sie vor den Augen der Zuschauer aus rohen Holzbrettern– ich mag es, wenn es ganz analog und archaisch ist. In «Kleiner Riese Stanislas» geht es um einen Menschen, der immer weiterwächst. Dabei bestehen Kopf und Körper aus zerknülltem Seidenpapier, das sich immer weiter entfalten und der Körper so grösser werden kann. Man meint, Stanislas sei ein starker und kräftiger Riese, den nichts umwehen kann, dabei ist er ein zarter Mensch, dessen Körper im Wind flattert. Das finde ich spannend und das macht das Figurentheater aus!

JJS – Du bist eine Erfinderin! Erzähl ein bisschen über deine Experimente...

KL – Explodierende Konservendosen, die auf einen Paukenschlag genau aus dem Soufflierkasten rausfliegen mussten, zum Beispiel. Es gab ein präpariertes Trampolin mit dem die Dosen hochkatapultiert wurden, dabei durften sie ja nicht in den Orchestergraben fallen!

Beim Stück «Ida hat einen Vogel, sonst nichts» habe ich Magnete für mich entdeckt. Mit einer Puppe und einem riesigen Haufen von Latten und Brettern, lasse ich immer neue Welten entstehen Die Bretter müssen in Windeseile zum Fliegen gebracht werden oder sich in einen hängenden Zauberwald verwandeln. Dabei ermöglichen Magnete vieles. Auch beim «Schellen-Ursli» kommen sie zum Einsatz. Im Ursli sind drei Magnete versteckt: einer im Po und zwei jeweils in den Händen.

JJS – Aus welchen Materialien baust du deine Puppen normalerweise?

KL – Der Kopf ist ein «Materialmix» – den Kern bildet eine Klammer, mit der der Ursli den Mund bewegen kann. Die groben Formen gestalte ich aus Draht und Schaumstoff. Mit einer Holzmasse beginne ich dem Unterbau Form zu geben und den Charakter zu modellieren. Dabei arbeite ich in zwei Schichten: zuerst kommt eine erste grobe Schicht, dann eine zweite, bei der ich an den Konturen arbeite. Durch das Papiermaché ganz zum Schluss erhält die Puppe eine feine Struktur. Es darf aber nicht ganz glatt sein!

JJS – Was war dir für die Ursli-Puppe besonders wichtig?

KL – Er sollte genau so aussehen wie in Selina Chönz’ und Alois Carigiets Buch, das fand ich inspirierend. Ich liebe Carigiets Zeichnungen, seinen Strich, die erdige Farbigkeit, ganz wie die Häuser im Engadin und das Zarte an seinen Zeichnungen. Die Kleider, die ihn klar charakterisieren: die Chüjerjacke und die orangefarbene Hose mit den schwarzen Flecken. Und der Kopf, das ist immer die Ausgangslage. Die Zeichnung dreidimensional zu gestalten war eine Herausforderung. Er sollte nicht lächeln, weil er ja in der Geschichte mal ganz traurig ist, aber der kindliche Schalk musste trotzdem durchblitzen.

JJS – Und wie hast du diese schwierige Aufgabe angepackt? Was war dein erster Schritt?

KL – Zu Beginn habe ich mir eigene Skizzen von der Figur gemacht, um dem Ursli im Buch auf die Spur zu kommen. Dann habe ich eine Version der Mütze angefertigt – ganz wie sie im Buch aussieht. Ich habe versucht den farblichen Verlauf vom Blau ins Creme nachzumalen. Wir haben und auf eine gestrickte Mütze geeinigt, ganz wie im Buch beschrieben. Und die kann man auch hochstellen - wie eine Bergspitze.

Schellen-Ursli, Luzerner Theater
Foto Schellen-Ursli: Ingo Hoehn