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Oper

Einander ganz Ohr – oder: Das fehlende Puzzleteil der Liebe

Mozarts «Così fan tutte» ist eine Oper mit kleinem Personal: Nur drei Sänger und drei Sängerinnen stehen in Luzern auf der Bühne. Operndramaturgin Rebekka Meyer hat sich mit Sydney Mancasola (Fiordiligi) und Josy Santos (Dorabella) über ihre Erfahrungen am Luzerner Theater, die Frauenrollen in «Così fan tutte» und Mozarts schelmische Seite unterhalten.

Rebekka Meyer: Ihr habt ganz unterschiedliche Verbindungen zu Luzern, gebt aber beide euer Debüt am Luzerner Theater. Sydney Mancasola, warst du vor dieser Probenphase schon einmal hier?

Sydney Mancasola: Ich war vor zwei Jahren das erste Mal in Luzern, allerdings nicht um zu singen, sondern um auf den Pilatus zu steigen. Neben der phantastischen Natur ist es im Moment einfach ein grosses Glück überhaupt arbeiten zu können, denn sehr viele Produktionen wurden abgesagt oder verschoben

RM: Und Josy Santos, du wohnst in der Nähe, in Zug. Hast du dich schon an den See und die Natur gewöhnt?

Josy Santos: (lacht) Mehr oder weniger. In Zug haben wir zwar auch viel Natur, aber Luzern ist wirklich anders, vor allem wegen der Altstadt, den bemalten Hauswänden, der wunderbaren Architektur. Ich geniesse es sehr, öfters hier zu sein.

Così fan tutte, Luzerner Theater

RM: Wie war es denn, am Luzerner Theater zu arbeiten?

JS: Was ich hier mag: Wir müssen uns als Sängerinnen keine Sorgen machen, dass die Stimme bis in die letzte Reihe kommt. Ausserdem waren alle so engagiert in dieser Produktion, vom KBB bis zur Technik. Es war wirklich ein Vergnügen, in dieser Zeit «Cosi fan tutte» proben zu können.

SM: Gerade in COVID-Zeiten fühlt man sich an einem kleineren Haus, wo weniger los ist, auch sicherer. Ein kleineres Team, das für ein kleineres Publikum arbeitet – das fühlt sich momentan einfach machbarer an.

RM: Das Stück ist nun zu Ende geprobt und wartet auf einen Premierentermin...

JS: Unsere Generalprobe war ein sehr besonderer Moment. Ich war so glücklich, dass wir die Chance hatten, dieses Stück zu Ende zu proben und bekam da schon fast Premierengefühle!

RM: «Così fan tutte» ist eine von Mozarts meistgespielten Opern. Sie wurde und wird aber auch immer wieder sehr kontrovers diskutiert: Oft geht es dabei um dieses schwierige «e» im «tutte» des Titels, das impliziert, dass die Untreue nur die Frauen beträfe...

JS: Ich liebe «Così fan tutte»! Vor allem wegen der Musik, denn es ist wirklich nicht einfach zu inszenieren.

SM: Ich habe gemischte Gefühle zu «Così fan tutte». Einige der besten Musikstücke Mozarts sind darin enthalten. Und die Geschichte kann lustig sein. Aber ich denke, dass es heutzutage als Stück problematisch ist. Man muss sich immer an die Zeit erinnern, in der es entstanden ist. Ich denke allerdings nicht, dass Mozart die Oper mit dem Hintergedanken schrieb: «Frauen sind einfach nur dumm, frivol und untreu.» Ich glaube, dass er sich über die menschliche Natur und über Beziehungen im Allgemeinen lustig machen wollte. Vielleicht sollte man das Stück auf diese wehmütigere Art und Weise und mit Mozarts etwas teuflischem und schelmischem Blick auf die Menschen betrachten.

Così fan tutte, Luzerner Theater

RM: Max Hopps Inszenierungsansatz geht vom Untertitel der Oper aus, «La scuola degli amanti» – «Die Schule der Liebenden»: ein Seminar, veranstaltet von Don Alfonso, welches die beiden Paare besuchen und in dem sie spielerisch ihre Liebe testen sollen.

JS: Ich finde an Max’ Idee der «La Scuola degli amanti» interessant, dass alle Bescheid wissen. Eine zentrale Erkenntnis könnte lauten, dass niemand die Gefühle seines Körpers vollständig kontrollieren kann.

RM: Was genau meinst du damit?

JS: Dorabella zum Beispiel denkt ganz mit ihrem Körper. Sie weiss genau, was sie getan hat und dass sie es wollte. Sie hat am Ende auch keine Schuldgefühle, dass sie etwas falsch gemacht hätte. Die Paare haben vielleicht nicht das gelernt, was Don Alfonso wollte, aber sie haben etwas gelernt: Nämlich, dass man niemanden und auch niemandes Gefühle besitzt. Die Frage bleibt am Ende offen: Fällt es den Liebenden schwer, darüber hinweg zu sehen, was passiert ist, oder haben sie gelernt, damit zu leben?

SM: Ich habe das Gefühl, dass Fiordiligi zu Beginn ihrer Beziehung mit Guglielmo sehr verbunden ist, dass es aber etwas gibt, das sich für sie unerfüllt anfühlt. Don Alfonsos Experiment rückt dieses Ungleichgewicht in den Fokus: Denn sie sieht in Ferrando dieses fehlende Puzzle-Teil. Das Duett zwischen Fiordiligi und Ferrando ist so ehrlich – obwohl beide Bescheid wissen, mit wem sie es singen – dass ich glauben muss, dass hier etwas Echtes entsteht. Gleichzeitig erfährt Fiordiligi im Seminar, dass es auch in Ordnung ist, danach in ihre die ursprüngliche Beziehung zurückzukehren und sie so zu schätzen, wie sie ist.

RM: Jenseits der szenischen Herausforderung, was verlangt Mozarts Musik von euch als Interpretinnen?

JS: Die Transparenz seiner Musik und die Emotionen, die im Libretto ausgedrückt werden, auf einen gemeinsamen Punkt zu bringen, ist eine echte Herausforderung. Und: In «Così fan tutte» singen wir viel in Duetten und Ensembles. Deshalb ist man nicht nur als Solistin gefragt, sondern muss sehr darauf bedacht sein, die Stimme auf die der Kollegen abzustimmen. Ich habe das, gerade mit Sydney, wirklich sehr genossen und immer besser verstanden, wie ihre Stimme zu meiner passt. 

SM: Ja, in «Così fan tutte» sind unsere melodischen Linien tatsächlich sehr ineinander verwoben. Es ist so, als wären Josy und ich – oder besser gesagt: Fiordiligi und Dorabella – der Schatten der jeweils anderen. Wir haben uns gegenseitig im Ohr und man beginnt, sich als eine Einheit zu hören. Das ist einzigartig, ich habe das selten so erlebt wie in dieser Oper.