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Drei Sparten, drei Experimente: Im Gespräch mit den künstlerischen Teams der Box-Labore

Vor über anderthalb Jahren, noch vor der Corona-Pandemie, startete die Planung des spartenübergreifenden Projekts «Box-Labor». Seitdem hat sich das experimentelle Format entwickelt und – zum Teil aufgrund der pandemiebedingten Anpassungen – stark gewandelt. Eins ist jedoch geblieben: die jungen, künstlerischen Teams: Die Operndramaturginnen Rebekka Meyer und Julia Jordà haben für das «Opern-Labor» gemeinsam mit Musiker Janos Mijnssen das spielerisch-experimentelle Musiktheater-Format «Robinson» kreiert, im Schauspiel stecken die Regieassistentinnen Gilda Laneve und Myriel Meissner mitten in der Entwicklung einer interaktiven, theatralen Website zum Thema Sterben. In der Sparte Tanz ist Dramaturgin Sarah Brusis in Zusammenarbeit mit Linda Magnifico von der IGTZ (Interessgemeinschaft Tanz Zentralschweiz) für die organisatorische wie inhaltlich-künstlerische Betreuung der Kurz-Residenzen im Südpol verantwortlich

Projektbegleitender Dramaturg Nikolai Ulbricht hat die Gruppe zum Zoom-Gespräch geladen und spricht mit ihnen über die Idee und Entwicklung eines Theater-«Labors».

 

Nikolai Ulbricht: Das erste der drei «Box-Labore» ist nun, vergangene Woche, mit einem art space für freie Tanzschaffende, gestartet. Nicht wie geplant in der «Box», sondern Corona-bedingt ohne Publikum auf einer Probenbühne im Südpol. Sarah, womit warst du am Ende beschäftigt?

Sarah Brusis: In letzter Zeit war es vor allem Organisatorisches. Ich habe viele E-Mails geschrieben, damit alle Beteiligten wissen, wo sie hinmüssen und was die Schutzmassnahmen sind und so weiter. Auch E-Mails bezüglich technischen Wünschen/Möglichkeiten, Programm und Verfügbarkeiten der verschiedenen Beteiligten, sowie Koordination der IGTZ und dem LT.

NU: Bist du vor Ort und begleitest die Teams dramaturgisch?

SB: Ja. Aber nicht die ganze Zeit. Sie sollen für sich arbeiten können, ihren Raum haben und machen, was sie möchten. Wenn sie es wünschen, komme ich unterstützend dazu, aber nichts muss.

NU: Auf welchem Stand ist das «Box-Labor Oper»?

Julia Jordà: Das «Box-Labor Oper» hat vorletzte Woche seine Probenphase beendet und es Corona-frei bis zu einer Generalprobe geschafft. Wir sind nach zwei Wochen Proben mit unseren drei Sänger*innen und den beiden Musikern quasi premierenparat und freuen uns, wenn es live klappt.

NU:Die Ursprünge des «Box-Labors» liegen ja in der Oper. Wie ist es dazu gekommen?

RM: Sowohl Julia und mir als auch Johanna [Wall, Operndirektorin] hat beim Entwickeln des Spielplans 20/21 neben den geplanten grossen Stücken etwas Experimentelles gefehlt. Die «Box» – als Ort für kleinere Formate – ist ein prima Raum, um experimentelles Musiktheater zu machen: Wir wollten einen Blind Spot, bei dem noch nicht so klar wie sonst definiert ist, was am Ende rauskommt. Eine Stückentwicklung, wie sie im Schauspiel öfter gemacht wird.

NU: War es von Anfang an klar, dass ihr beiden Dramaturginnen dabei Regie führt?

JJ: Nicht ganz von Anfang an. Aber da wir beiden die Frage nach etwas Experimentellerem aufgeworfen hatten, lag es auch an uns, uns etwas Kluges auszudenken: Wie kann man junge Künstler*innen, junge Komponist*innen daran beteiligen? Irgendwann hat Benedikt [von Peter, Intendant] gesagt: «Nehmt das einfach selbst in die Hand.» Und: «Dann macht ihr eben auch Regie, probiert euch da mal aus.» Inwiefern das jetzt Regie war – oder einfach künstlerische Leitung –, darüber kann man diskutieren.

NU: In einer unserer spartenübergreifenden Dramaturgiesitzungen – in denen es u. a. darum ging, Synergien, Kongruenzen, thematische Verknüpfungspunkte untereinander zu finden – habt ihr in der Oper euren Spielplan vorgestellt. Ich erinnere mich, dass wir es reizvoll fanden, über einen bestimmten Zeitraum hinweg in der «Box» die Idee eines offeneren, laborhaften Formats auf alle Sparten zu erweitern. Bei uns im Schauspiel haben wir uns dann ziemlich schnell dafür entschieden, Myriel und Gilda zu fragen, ob sie Lust haben.

Myriel Meissner: Grundsätzlich hat sich bei uns die Frage gestellt, ob wir ein Projekt zu zweit machen oder getrennt arbeiten. Zu zweit hatten wir zum einen einfach mehr Zeit in der «Box» zur Verfügung. Zum anderen sind wir uns am LT zwar immer wieder begegnet, assistieren aber immer in unterschiedlichen Produktionen. Wir wollten uns künstlerisch kennenlernen und etwas gemeinsam entwickeln.

NU: Was ist seitdem mit dem «Box-Labor Schauspiel» passiert?

Gilda Laneve: Kurz gesagt: Wir sind da gelandet, wo wir begonnen haben. Vor einem Jahr haben wir uns mit Vergänglichkeit auseinandergesetzt. Danach hat es sich inhaltlich und formal immer mehr in Richtung einer theatralen Ausstellung konkretisiert; diese hätte live in der «Box» stattgefunden. Jetzt machen wir es pandemiebedingt online. Aber wieder mit der Thematik der Vergänglichkeit.

NU: Spartenübergreifend wollten wir die drei «Box-Labore» von Anfang an verbinden: Es gab Ideen eines gemeinsamen Ticketings in Form von «pay what you want», gegenseitiger Probenbesuche, einer gemeinsamen Publikation und vieles mehr.

RM: Wir hatten vor, die Fenster der «Box» Richtung Theaterplatz zu platzieren und damit ständigen Einblick in den Probenprozess zu gewähren.  Bei dem die Leute reinschauen können, reinkommen können. Wir wollten die Interaktion mit dem Publikum in den Fokus rücken. Das kann jetzt leider durch die Corona-Situation nicht mehr so stattfinden.

NU: Gibt es trotzdem noch das Prozesshafte bei euren jeweiligen Laboren?

JJ: Der «Labor»-Gedanke hat sich einfach mitverändert. Die (physische) Öffnung zum Publikum hin ist weggefallen. Anderes konnten wir beibehalten – z. B. eine neue Arbeitsweise.

NU: Hebt auch das «Box Labor Tanz» sich von anderem ab, was sonst in der Sparte gemacht wird?

SB: Die Zusammenarbeit mit der Freien Szene gab es zuvor nur bei einer Produktion – «Salt» –, die im letzten Frühjahr, als die Theater zum ersten Mal schliessen mussten, abgesagt und zu einem Film umgeformt wurde. Ausserdem ging es bei der jetzigen Idee vom «Labor Tanz» von Anfang an nicht um ein Endprodukt, sondern darum, Künstler*innen die Möglichkeit zu geben, in einem art space zu experimentieren. Dadurch, dass wir jetzt nicht mehr in der «Box» sind, ist es jetzt vielleicht noch mehr «Labor» als ursprünglich geplant.

NU: Warum?

SB: Es ist jetzt einfach noch weniger auf ein «offizielles Endresultat» ausgerichtet, weil die Showings ohne Publikum stattfinden. Es ist jetzt näher an einer Probe oder an einer Residency und noch weiter entfernt von einem künstlerischen Output. Und es gibt kein Bühnenbild mehr. Wir hatten Elemente von den anderen «Laboren» übernommen und geplant, mit Vorhängen einen Raum im Raum zu bilden. Das ist jetzt weggefallen.

NU: Es war eine bewusste Entscheidung, eine gemeinsame Bühnenbildnerin, Silja Senn, für ein flexibles, für alle Sparten funktionierendes Bühnenbild, mit ins Boot zu holen. Vielleicht könnt ihr kurz beschreiben, was mit dem Bühnenbild passiert ist.

JJ: Wir mussten durch die Planungsunsicherheit unser Bühnenbild im Januar in das Bühnenbild der Schauspiel-Produktion «Schilten» integrieren – um beide Produktionen im selben Zeitraum zeigen zu können. Da war Flexibilität gefragt. Wir – also Rebekka und ich, aber vor allem Silja – haben uns nochmals Gedanken machen müssen über den kleinsten gemeinsamen Nenner unseres Bühnenbilds. Das kann man als Verlust sehen – aber auch als Übung, sich nochmal über das Skelett, die Basis des Projekts Gedanken zu machen.

NU: Nun ist letztendlich nur noch die Oper in der «Box». Gibt es überhaupt noch das gemeinsame, spartenübergreifende «Box-Labor»?

JJ: Es gibt es insofern, als wir alle an etwas arbeiten, das aus diesen Vorüberlegungen folgt. Rebekka und ich wären beispielsweise sonst nie dazu gekommen, in dieser Form ein Projekt an diesem Theater zu machen.

MM: Alle drei sind Kurzformate. Schon die kurze Probenzeit verlangt einen Prozess-orientierten und weniger Endprodukt-orientierten Ansatz. Die «laborhafte» Flexibilität unserer Produktionen war ja einerseits von Anfang gewünscht und gleichzeitig Corona-bedingt auch gefordert: ein flexibles Medium im Spielplan, das immer Raum zu Veränderung hat. Auch die kurzfristigen Änderungen in unserem Bühnenbild, wären nicht ohne diesen Gedanken möglich gewesen.

GL: Ich finde es toll, dass wir alle unter «Labor» dasselbe verstehen: Dass wir sehr breit arbeiten. Mit jungen Menschen, dass Oper und Schauspiel die Sparten vermischen: mit neuer Musik. Mit Musik und Sprache. Dass die künstlerischen Teams alle – ausser Nikolai – aus Frauen bestehen. Wir sind innovativ. Und nachhaltig. Auch dieses Bühnenbild, bei dem wir alle Elemente für drei Projekte verwenden. Gut zu wissen für die Zukunft, dass auch in Institutionen der Mut da ist, so arbeiten zu wollen.

RM: Es zeigt, dass es – wenn man die Möglichkeit hat, etwas «out of the box» in der «Box» zu machen – vielfältiger wird. Ich denke, man müsste viel öfter so herangehen an Projekte oder Produktionen. In der Oper ist es schwierig, die Dinge aufzubrechen. Dass es aber grundsätzlich möglich ist, dafür gibt es auch andere Beispiele an unserem Haus, zum Beispiel Benedikts Interpretation von Mozarts «Entführung aus dem Serail». Ich möchte mir den Vorsatz nehmen, den Mut zu fassen, das öfters so zu machen. Das ist für mich ganz persönlich etwas, das ich für meine weitere Arbeit am Stadttheater mitnehme.

MM: Alle Labore wollten mit Publikumsinteraktion arbeiten. Für mich ist dieses Erlebnis, etwas nicht nur als Zuschauer*in zu betrachten, sondern mitzuerleben oder mit zu erfahren, sehr politisch. Publikumsinteraktion ist für die Macher*innen schwierig und angsteinflössend. Aber extrem bereichernd. Und im Stadttheater etwas, das in meinen Augen noch immer nicht so sehr vorhanden ist. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, wie wir unser Publikum einschätzen: Können wir es ihnen überhaupt zumuten? Wir denken: Ja, sicher!

NU: Ist das LT überhaupt der Ort für experimentellere Formen? Oder finden sie so oder so woanders statt, z. B. in der Freien Szene?

SB: Falls es jetzt so sein sollte, muss es ja nicht so bleiben. Ein Theater kann sich auch wandeln. Ich glaube aber, beim LT ist schon Potential nach oben.

JJ: Das Eine muss das Andere nicht ausschliessen. Experimentellere oder interaktive Formate am LT können ja ganz anders aussehen als in der Freien Szene. Es geht ja auch darum, eine Vielfalt an kultureller Erfahrung zu ermöglichen. Und ich glaube, unser Publikum hat auch eine Neugierde für diese Formate. Das Opern-Publikum findet es interessant, sich eine Mozart-Oper wie «Così fan tutte» anzuschauen und vielleicht am nächsten Wochenende in ein experimentelles «Box-Labor» zu gehen.

NU: Das «Labor Tanz» ist online sichtbar. Auch beim «Labor Oper» wird über eine mögliche Online-Alternative nachgedacht. Und beim «Labor Schauspiel» steht es schon fest, dass etwas komplett Neues für den digitalen Raum erfunden wird. Glaubt ihr, dass online-Formate auch nach Corona relevant bleiben werden im Theater?

SB: Ich glaube nicht, dass es das Live-Theater ersetzen kann. Aber ich finde es interessant, Synergien herzustellen – also dass man einen Online-Auftritt zu einer Inszenierung hat, quasi eine zusätzliche Bedeutungsebene.

GL: Ich glaube auch nicht, dass Online-Theater als Form dann noch so stark genutzt wird wie jetzt. Ich finde aber den Austausch, der online möglich ist, z. B. Diskussionen, toll und sehr spannend. So kann die Hemmschwelle, daran teilzunehmen, sinken.

RM: Wir haben bei unseren Tests für eine mögliche Online-Alternative – falls die Theater bis zum Sommer nicht: mehr öffnen – gemerkt, dass man gerade beim Musiktheater schnell an Grenzen der Übertragung von Musik und Gesang stösst. Und wenn man zusätzlich Interaktion will – also etwas abgesehen vom reinen Streaming –, gibt es noch viel Entwicklungsbedarf, rein technisch. Aber auch künstlerisch. Ich glaube nicht, dass es unmöglich ist. Aber, wie Sarah sagt: nicht als Ersatz, sondern als Zusatz.

JJ: Gleichzeitig gab es schon vor Corona Theaterabende, die auf diesen zwei Ebenen funktioniert haben. Oder die vollends für das Digitale entwickelt wurden. Nur sind wir in der Corona-Krise alle dazu gezwungen, diesen Raum für uns zu erkunden – und das gelingt halt mal besser, mal schlechter.

MM: Für mich ist Theater immer live. Für mich beinhaltet diese Form von «Live durch Stream» oder auch durch Zoom zwar eine Art von Performance-Element. Aber so weitläufig die Möglichkeiten online auch sind, so begrenzt sind sie auch. Das Erlebnis mit anderen in einem Raum kann nicht ersetzt werden. Wenn ich die Übertragung eines Konzerts anschaue – egal in welcher Qualität –, ist es nie, wie wenn ich ein Konzert live besuche. Deshalb ist es auch kein Ersatz. Es ist etwas Anderes.

NU: Ihr fangt jetzt gerade an als Kulturschaffende. Wenn wir alle dranbleiben, werden wir noch in 30-40 Jahren Theater machen. Denkt ihr, es wird das Theater dann überhaupt noch geben?

RM: Die Menschen spielen seit über 2‘500 Jahren Theater. Es ist zu einer Art menschlichen Konstante geworden, etwas zu spielen oder nachzuspielen – und dass es Menschen gibt, die das sehen wollen. Die Pandemie hat auch gezeigt, wie krass und unvorhergesehen unsere Gesellschaft sich verändern kann. Ich kann mir eine Art Rückkehr zum Analogen vorstellen, nachdem man sich jetzt bereits über ein Jahr vor allem digital begegnen musste. Deshalb versuchen wir in unserem «Labor» ja auch all diese Dinge, die man gerade nicht kann, im geschützten Raum erfahrbar zu machen: Die Gemeinschaft, das gemeinsame Essen, Trinken, Feiern, Tanzen, Erleben.

MM: Ich kann mir vorstellen, dass Theater, wie wir es kennen, aus dem Profiraum verschwinden könnte. Und dass jede*r Theater macht. Das passiert auch im digitalen Raum: Jede*r probiert sich aus, auf Instagram, stellt Kurzvideos rein, macht kleine Sketches; macht Konzerte, Musikvideos etc. Der digitale Raum ermöglicht, dass «Kunst» breiter wird. Und das könnte auch im Bereich der Live-Performances passieren.

GL: Es ist auch unsere Aufgabe, unsere Verantwortung, dass es nicht verschwindet. Dass wir das Theater weiterhin zugänglich machen. Darstellende Kunst ist zwar kein materielles Gut wie z. B. Wasser oder Lebensmittel, aber etwas, was die Psyche einer Gesellschaft braucht. So ist es mit der Kunst: Man kann sie nicht anfassen, aber sie kann trotzdem immer wieder ganz tief berühren und eine Art gemeinsamer Kommunikation sein. Und das brauchen wir, glaube ich, als Menschheit, um gemeinsam zu überleben. Und nicht als Egoisten.

SB: Deshalb ist es auch gut, dass man diese Offenheit beibehält, das Theater – wie auch beim «Box-Labor» – weiterdenkt und für neue Formen offen und flexibel bleibt.

NU: Findet ihr das auch ein gutes Schlusswort?

JJ: Das war ein super Schlusswort.

NU: Vielen Dank, dass ihr euch Zeit genommen habt.
Ich hätte noch ewig weiterreden können.