Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28
29 30          
ς
April 2019
π
Oper

Die Lust im Exzess          

Als assoziativen Text zu Benedikt von Peters «Don Giovanni» gibt es auch im April wieder etwas Inspirierendes zu lesen:

Der französische Schriftsteller und Philosoph Georges Bataille vollendete 1972 «Das obszöne Werk» – eine Sammlung von Erzählungen die Susan Sontag als «Kammermusik der pornographischen Literatur» kennzeichnete. Laut Bataille stehe die «Erotik» im Gegenteil zur Sexualität und auch zur gesellschaftlichen Verdammung derselben. Sie hänge, so Bataille, mit Schrecken, Entsetzen und Tod zusammen.    

Die Lust im Exzess 

Um bis ans Ende der Ekstase zu gehen, wo wir uns im Sinnenerguss verlieren, müssen wir ihm immer die unmittelbare Grenze ziehen: diese Grenze ist der Schrecken. Nicht allein der Schmerz, der Schmerz anderer oder mein eigener, vermag mich dem Augenblick näher zu bringen, da der Schrecken mich erfasst und in mir den ins Delirium übergehende Freudenzustand erzeugt. Es gibt nicht eine einzige Art von Widerwillen, in der ich nicht eine Affinität zum Verlangen erkenne. Der Schrecken vermischt sich zwar nie mit der Anziehung: aber wenn er sie nicht aufhalten, sie nicht zerstören kann, verstärkt der Schrecken die Anziehung. Die Gefahr lähmt, aber wenn sie weniger bedrohlich ist, kann sie das Verlangen erregen. Wir erreichen die Ekstase nicht, wenn wir nicht – und sei es nur in der Ferne – den Tod, die Vernichtung vor uns sehen. Ein Mensch unterscheidet sich vom Tier dadurch, dass ihm bestimmte Empfindungen verwunden und im Innersten treffen. Diese Empfindungen sind bei jedem Individuum verschieden und richten sich nach den Lebensgewohnheiten. Doch der Anblick von Blut, der Geruch von Erbrochenem erwecken in uns den Schrecken des Todes und versetzen uns manchmal in einen Zustand von Ekel, der uns grausamer trifft als der Schmerz. Wir ertragen diese mit dem äussersten Schwindelgefühl verbundenen Empfindungen nicht. Manche ziehen den Tod der Berührung mit einer Schlange vor – selbst wenn sie harmlos ist. Er gibt einen Bereich, in dem der Tod nicht das blosse Verschwinden bedeutet, sondern jenen unerträglichen Aufruhr, in dem wir gegen unseren Willen verschwinden, während wir um jeden Preis nicht verschwinden sollten. Gerade dieses um jeden Preis, dieses gegen unseren Willen zeichnet den Augenblick der äussersten Lust und der nicht benennbaren, aber wunderbaren Ekstase aus. Wenn es nichts gäbe, das uns überschreitet, das um keinen Preis eintreten dürfte, erreichten wir nie den Augenblick, in dem wir von Sinnen sind, den wir mit allen unserer Kräften anstreben und gegen den wir uns zugleich mit allen Kräften wehren. Die Lust wäre verächtlich, wenn es nicht ein überwältigendes Überschreiten wäre, das nicht nur der sexuellen Ekstase vorbehalten ist. Die Mystiker haben es in der gleichen Weise erfahren. Das Sein wird uns gegeben in einem unerträglichen Überschreiten des Seins, das nicht weniger unerträglich ist als der Tod. Und da das Sein uns im Tod zur gleichen Zeit, da es uns geschenkt, auch wieder genommen wird, müssen wir es im Erleben des Todes suchen, in jenen unerträglichen Momenten, in denen wir zu sterben glauben, weil das Sein in uns nur noch Exzess ist, wenn die Fülle des Schreckens und die der Freude zusammenfallen. Selbst das Denken (die Reflexion) vollendet sich in uns nur im Exzess. Was bedeutet Wahrheit ausserhalb der Vorstellung des Exzesses, wenn wir nicht das sehen, was über die Möglichkeit des Sehens hinausgeht, das zu sehen unerträglich ist, wie in der Ekstase der Genuss unerträglich ist? Wenn wir das nicht zu denken vermögen, was die Möglichkeit, zu denken, übersteigt...?

Don Giovanni, Luzerner Theater