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Mai 2019
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07.01.2019/Marquis de Sade «Über die Libertinage» aus: «Ausgewählte Werke», III. Band, Hamburg 1965.

Über die Libertinage

Am 13. Januar 2019 feiert Mozarts «Don Giovanni» in der Regie von Benedikt von Peter auf der Luzerner Bühne Premiere. Auch im neuen Jahr gibt es interessante Lektüre zu den Themen von Benedikt von Peters Inszenierung in «Über die Libertinage» von Marquis de Sade, worin er Rodins Gedanken zum «Libertin» wiedergibt.

«Über die Libertinage»

«Wenn es irgend etwas Köstliches auf der Welt gibt», sagte Rodin, nachdem er zur Ruhe gekommen war, «so ist es unbestreitbar die Libertinage. Wo findet sich eine Leidenschaft, die all unsere Sinne auf laszivere Weise in Erregung versetzen könnte? Gibt es irgend etwas auf der Erde, das glücklicher macht? Die Libertinage ist es, die die Kinderklapper zerbricht. Und Sie entzündet die Fackel des Verstandes, die dem Menschen Kraft verleiht. Und wenn dem so ist, muss man dann nicht daraus folgern, dass die Natur den Menschen allein nur für dieses Pläsier geschaffen hat? Man vergleiche damit alle anderen Freuden, dann wird man sehen, was da für ein Unterschied besteht. Man wird begreifen, dass nur ein einziges Pläsier den Menschen so glühend umfangen hält. So gross ist die Macht dieses Pläsiers über die Seele des Menschen, dass sie, einmal davon erfüllt, keines anderen Gedankens mehr fähig ist. Prüfen Sie einen wirklich ausschweifenden Menschen. Sie werden ihn entweder mit vergangenen Handlungen oder mit neuen Plänen beschäftigt sehen. Sie werden erkennen, dass eher, völlig gleichgültig gegenüber allem, was mit seinem Pläsier nichts zu tun hat, gänzlich nach innen gekehrt ist, als fürchtete er, einer Regung nachzugeben, die ihn womöglich minutenlang von den erregenden wollüstigen Vorstellungen abbringen könnte. Es ist als ob, wer diesen Gotteskult einmal verfallen, allen anderen gegenüber absolut empfindungslos geworden wäre und als ob seine Seele sich nicht mehr von der köstlichen Leidenschaft lösen liesse, in deren Fänge sie geraten ist. Dieser Leidenschaft allein also sollten wir alles opfern. Nur diese Leidenschaft ist in unseren Augen zu achten. Was immer sich davon entfernt oder gar dagegen angeht, sollten wir in höchstem Masse verachten. Und als vorzüglichen Beweis unserer Huldigung sollten wir uns blindlings in die Ausschweifungen des Lasters stürzen. Nichts darf uns heilig sein, soweit es nicht das Laster bestätigt oder ihm dienlich ist. Fühlen, leben und atmen wir nur für diese Leidenschaft. Nur die Toren empfinden sie als gefährlich. Aber wie könnte denn eine Verfeinerung des Genusses jemals gefährlich sein? Oder ist die Ausschweifung etwas anderes? Nein, nicht im mindesten. Wie aber kann denn, was sich als das Beste erweist, Nachteile haben? Ja, selbst wenn dem so wäre, sind diese Nachteile den Gefahren der Mässigung und der Langeweile der Tugend nicht vorzuziehen? Ist der Zustand der Trägheit eines nüchternen Menschen nicht ähnlich einem Todesschlaf? Der kalte gleichgültige Mensch ist gleichzusetzen mit der Natur im Ruhezustand. Wozu dient er dem Universum? Was setzt er in Gang? Was Fall bringt er? Was bewirkt seine Pedanterie? Wenn er aber ein Nichts ist, macht er sich dann nicht strafbar? Fällt eher der Gesellschaft dann nicht zur Last? Beherrschten Mässigung und Nüchternheit unseligerweise die Welt, dann würde alles siechen und dahinvegetieren. Es gäbe keinen Fortschritt und keine Kraft und alles würde wieder ins Chaos versinken. Das aber wollen unsere Moralisten absolut nicht begreifen. Da sie nicht davon abkommen, ihre Prinzipien auf religiöser Basis zu entwickeln, ist für Sie ein Leben, das sich den Plänen ihrer Gottheit entzieht, gar nicht denkbar. Ausserdem hat diese Ausgeburt von menschlicher Einbildungskraft einfach gar keinen Zugang zu den Überlegungen philosophischer Natur. Bemerkenswert ist aber, dass die Schranken, die der Mensch der Libertinage setzt, die Libertinage nur anstacheln: Beispielsweise die Schamhaftigkeit, eine Bremse ersten Ranges, gehört die nicht zu den stärksten Triebkräften ihrer Leidenschaft? Für die Ausschweifung ist sie sehr wesentlich. Es ärgert einen, wenn ein anderer von unseren Lustbarkeiten weiss. Offenbar möchte man gern, dass niemand sonst die launischen Einfälle begreift, dass alles, was ausserhalb des eigenen Ich steht, gar nicht das geistige Niveau dafür besitzt. Das war der erste Anlass, einen Schleier über die unzüchtigen Handlungen zu werfen. Man wollte nicht vor aller Welt praktizieren, was offenkundig nicht für alle Welt bekömmlich war. Kaum aber hatte man den Vorhang zugezogen, da ging es gleich viel wüster her. Ohne Zweifel gäbe es nicht so viele Libertins, wenn der Zynismus in Mode wäre. Man versteckt sich nur, wenn man die üblichen Regeln übertreten möchte. Wer in den Uranfängen der Gesellschaft als erster seine Mätresse hinter den Busch zog, der war der größte Libertin der Menschheit. Lasst uns also dem Laster frönen, meine Kinder. Eins steht fest, je ausschweifender wir leben, desto grösser ist unser Glück, dass allen Anhängen und Dirn der Unzucht zuteil wird.»

Don Giovanni, Luzerner Theater