Die Work-Windel-Balance der Männer - Ein Beitrag von Tobi Müller zu «Väter»

Liebe Väter: Klappe halten, Windeln wechseln! Der Kulturjournalist und Autor Tobi Müller hat für unsere Produktion «Väter» die Themen Elternzeit und Elterngeld, Vaterschaftsurlaub und Familienrollen einmal genauer unter die Lupe genommen – in Deutschland und in der Schweiz: Ein riesen Unterschied. Und so, wie die Väter bei uns auf der Bühne, beginnt er mit seiner eigenen Karriere als Vater. Fazit: Mit einer durchschnittlichen Mutter könnte er es aufnehmen.

Als ich 2009 meinen Lebensmittelpunkt fest nach Deutschland verlegte, dachte ich erst: Puh, wird ein bisschen härter werden als in der gepolsterten Schweiz, wo ich aufgewachsen bin und in Festanstellungen gearbeitet habe. Die Finanzkrise war erst ein paar Monate alt und manche dachten, auch Deutschland könnte unter die Räder kommen. Der öffentlich geförderte Kultursektor, von dem ich grösstenteils lebe, hätte die Krise bald zu spüren bekommen. Aber Merkels Bundesrepublik stellte sich als europäische Kriegsgewinnerin heraus. Der Kultursektor wuchs weiter, erst recht im Schaufenster Berlin. Allmählich begriff ich, dass ich in «skandinavische» Verhältnisse eingewandert war. Vieles war tatsächlich härter als Freiberufler. Aber nach einer Weile lief es gut, danach immer besser.

Dann wurde meine Frau schwanger. Noch mit dem Test in der Hand beschlossen wir das 50/50-Modell, also Kinderbetreuung möglichst zu gleichen Teilen. Als bereits erfahrene Mutter, erfolgreiche und festangestellte Journalistin sowie deutsche Staatsbürgerin vermittelte sie mir in ein paar Sätzen, wie man das regeln kann. Kaum realisierte ich, dass ich Vater werden würde, schon lernte ich zwei neue Vokabeln: Elternzeit und Elterngeld. Ich stutzte: Wir können während maximal 14 Monaten Elterngeld beziehen, jeweils 65 Prozent vom Einkommen des betreuenden Elternteils, egal ob Mutter, Vater, angestellt oder freiberuflich? Der Betrag hat eine eher tiefe Obergrenze, doch allmählich begriff ich trotz bereits rauschender Hormone: Mit einem vollen und einem reduzierten Lohn würden wir keine Probleme haben für die befristete Zeit. Ausreden in unserem mittelständischen Milieu, warum man nicht in der Lage sei, die Kinderbetreuung aufzuteilen, wirken vor diesem Hintergrund für mich seither immer wie, na, Ausreden.

Väter haben allerdings gleich zwei Probleme, wenn sie über die Kinderaufzucht reden. Sie reden sehr ausführlich darüber, wie sie die Vaterschaft so erfahren und erfühlen (dieser Text reiht sich da ein). Oft hört man auch von Vätern, wie sie die Elternzeit optimieren und manches anders, wenn nicht besser machen als ihre Partnerinnen. Das ist das erste Problem, weil manche Väter damit die Kinderbetreuung in einen besonderen Rang erheben, während der viel grössere, weil allein betriebene Aufwand der Mütter jahrtausendealte Normalität zu sein hatte. Man möchte manchen Männern oder sich selbst mitunter zurufen: Klappe halten, Windeln wechseln – und auf deiner Schulter sind seit zwei Tagen Spuckflecken, die langsam riechen, bitte zieh’ dir mal etwas Frisches an.

Das zweite Problem ist nur der Widerspruch zum ersten, dass Väter einen auf dicke Hose machen, wenn sie zwei vollgekotzte Garnituren Bettwäsche wechseln. Denn es ist eben doch ein Fortschritt, dass Männer öfter über Kinderbetreuung reden. Die Heldengeschichten werden erst dann menschliches Mass erlangen, wenn die Männer als Väter sichtbarer werden, wenn männliche Erzieher zu Hause eine Selbstverständlichkeit sind. Und davon ist die Realität auch im «skandinavisch» aufgestellten Deutschland weit entfernt.

Im deutschen Durchschnitt nehmen Männer 2 der 14 möglichen Monate Elternzeit in Anspruch, während 90 Prozent der Frauen 12 Monate lang vollzeitlich betreuen. Das ist bloss ein scheuer Anfang, aber ein besseres Verhältnis als in der Schweiz, wo Väter einen lächerlichen Tag Vaterschaftsurlaub haben. Der Bundesrat hat eine Volksinitiative zur Ablehnung empfohlen, die das ändern will. Noch nicht einmal einen Gegenvorschlag haben die sieben Magistraten ausgearbeitet – ein anderes Wort als «rückständig» will mir dazu nicht einfallen. Dass die Geschlechterungleichheit in der Schweiz grösser ist und selbst in meinem alten, eher linken Zürcher Milieu die Familienrollen klassischer verteilt sind als in meinem Berliner Umfeld, steht damit in enger Beziehung. Meine Gegend heisst allerdings Prenzlauer Berg und ist im deutschen Sprachraum das meistbeschriebene Quartier: Kinder, Mütter, teure Autos, teure Wohnungen, Filterkaffee aus Japan (geschäumte Sojamilch war gestern). Dazu hat wirklich jede und jeder eine Meinung, meistens aus der Ferne und selten eine gute.

Es gab Mitte der Nullerjahre, als der Prenzlauer Berg für viele unerschwinglich wurde, ein Lieblingsthema: die sogenannten Macchiato-Mütter. Manche sagen, sie waren für die Linken, was die Kopftuchmädchen für die Rechten, ein einfaches Hassobjekt. Diese Sorte Mütter wurde gern im Prenzlauer Berg gesichtet und verspottet: reden laut, tragen unförmige Funktionskleidung und Bequemschuhe, trinken Latte Macchiato und fahren die Brut spazieren, als sei es der neue Benz. Komischerweise wurde damals, lange her ist es nicht, auch von Linken nicht bemerkt, wie sexistisch diese Zuschreibungen waren. Denn was wäre die Umkehrung vom Stereotyp der Macchiato-Mutter: kurzer Rock, hohe Hacken und Kinderbetreuung möglichst leise, am besten gleich zu Hause? Was damals wirklich begann, nicht nur in Berlin-Prenzlauer Berg, war eine neue Inbesitznahme von Öffentlichkeit, eine neue Sichtbarkeit von Elternschaft und Kindern auch in innerstädtischen Bezirken. Sicherlich lag das auch an sozialen Faktoren: Die neuen innerstädtischen Mütter verdienten besser, hatten mehr Bildung und waren ein gutes Stück älter als die alteingesessenen jungen Mütter im ehemaligen Ost-Berlin. Kurz, es waren Frauen, die eine andere Vorstellung von Erziehung und Geschlecht hatten: mehr Zeit mit den Kindern verbringen, weniger lang in den Kindergärten lassen, und Teilzeit arbeiten, was in Niedriglohnjobs doppelt schwierig ist.

Die gehobene Mittelschicht war denn auch die Zielgruppe des Elterngeldes, das die CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen 2007 eingeführt hat. Davor hatte es das Erziehungsgeld gegeben, das zwar für weniger Geschlechtergleichheit sorgte, aber den untersten Schichten eine längere Unterstützung zusprach. Deshalb gab es auch Widerstand der Grünen, von der Partei Die Linke und sogar von der FDP. Das neue Elterngeld war ein Projekt, um mehr deutsche Mittelstandsbabys zu produzieren, der Aspekt der Geschlechtergleichheit stand dabei nicht im Vordergrund. Es gibt also wenig zu romantisieren. Und in den ersten fünf Jahren stieg auch die Geburtenrate nicht an, das Elterngeld musste viel Kritik ertragen. Mittlerweile wirkt es, solche Prozesse brauchen Zeit. Und dass die Männer noch langsamer auf die Anreize reagieren, versteht sich von selbst.

Es wäre aber naiv, historische Umwälzungen wie die Geschlechtergleichheit einzig dem Staat zu überlassen. Klar müssen Unternehmen selbst einsehen, dass ihre Läden besser laufen, wenn die Frauen stärker in Führungspositionen vertreten sind und dennoch Kinder haben können, wenn sie wollen. Und ich bin aus Erfahrung davon überzeugt, dass es vielen Männern gut tun würde, mehr als zwei Monate nicht zu arbeiten. Auch hier geht es nicht um Gefühlsyoga und Spürorgien. Babys und Kleinkinder zu betreuen kann nerven, man verbraucht viele Hormone, um das Glücksgefühl zu halten und die Zeit als Familie zu überstehen. Dazu gehört, dass man in der wenigen Zeit, die einem noch bleibt, nicht alles mit Arbeit zustellt, gerade als Freischaffender. Das war ein Fehler gegen Ende meiner sieben Monate Elternzeit, als ich bereits wieder unruhig wurde, ob alles wieder so weitergehen würde wie davor. Und ich muss sagen: zum Glück nicht – ein Kind ist in jedem Fall eine Zäsur, warum nicht auch eine berufliche?

Es gab einen wichtigen Arbeitgeber in meinem Portfolio, wo ich so etwas wie Väterdiskriminierung erfahren habe. In dieser öffentlich-rechtlichen Redaktion arbeiteten zur Mehrheit Frauen, viele davon hatten in den 5 bis 10 Jahren davor Kinder gekriegt. Ich bezweifle stark, dass die Führungsperson ihnen dieselben Fragen gestellt hat wie mir vor der Elternzeit: Freust du dich denn auf das Kind, bist du mit 40 nicht zu alt, 7 Monate Elternzeit, das ist lang! Nach den 7 Monaten wurde ich –  trotz anders lautender Versprechen – erst einmal drei Monate gar nicht beschäftigt. Danach habe ich mich freundlich abgemeldet. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich weiss, dass Frauen viel stärker diskriminiert werden in der Arbeitswelt als Männer. Das Beispiel war mir vielmehr eine – unangenehme – Lehre in Mitgefühl: Ich wusste nun selbst als weisser mittelständischer Mann, wie sich Diskriminierung aufgrund des Geschlechts anfühlt. Das macht mich nicht zu einem besseren Vater. Aber vielleicht zu einer durchschnittlichen Mutter.

«Väter» ist ab 13. April bei uns auf der Bühne zu sehen.

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Luzern, 23.04.2018

Tobi Müller, Luzerner Theater

Tobi Müller ist Kulturjournalist und Autor in Berlin mit Schweizer Hintergrund. Er schreibt über Pop und Theater, entwickelt Bühnen- und Filmprojekte, moderiert Podien und kuratiert Themenwochenenden. Er verbrachte die Nullerjahre in Zürich als Redakteur bei Zeitung und Fernsehen. Seit 2009 lebt er in Berlin und arbeitet frei für Print und Radio (Deutschlandradio Kultur, WDR, WoZ, Spex, Rolling Stone). Monatlicher Poptalk mit Jens Balzer im Deutschen Theater. Zürcher Filmpreis 2016 für «A1 – ein Streifen Schweizer Strasse», Überwachungskonferenz in den Münchner Kammerspielen 2017, Auftragsstück «Die Akte Bern – Ein Theaterbericht von Fichen bis Facebook», UA Konzert Theater Bern in Mai 2018.