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Tanz

Dario Dinuzzi, Phoebe Jewitt, Carlos Kerr Jr. und Mathew Prichard im Gespräch mit Sarah Brusis, Dramaturgin «Tanz Luzerner Theater»
Fotos: Gregory Batardon

Tanz 36+ Finale, Luzerner Theater
«Never Odd or Even» von Carlos Kerr Jr.

Sarah Brusis – Manche von euch haben zum ersten Mal eine choreographische Arbeit für die Bühne entwickelt, manche von euch haben schon öfters choreographiert. Wie war es für euch, für die grosse Bühne euer eigenes Stück zu kreieren? Und wie war es mit euren Kolleginnen und Kollegen zu arbeiten?

Phoebe Jewitt – Für mich hätte es nicht besser sein können. Igli und Mathew, die gemeinsam mit mir in meinem Stück «For Old Times’ Sake» tanzen, bringen so viel Erfahrung mit. Sie haben eine ganz klare und eigene Körpersprache, die ich selber teilweise nicht habe. Das war sehr bereichernd und hilfreich für den Prozess. Es hilft natürlich auch, dass man schon viel zusammen getanzt hat. So wusste ich bereits, wie sie funktionieren, und sie verstanden sehr schnell, was ich jeweils meinte.

Mathew Prichard – Bei mir war das ähnlich. Ich wohne sogar mit Flavio zusammen, wir kennen und verstehen uns also sehr gut. Das ist immer eine gute Basis. Ich habe den ganzen Probeprozess für «A String Telephone» wirklich sehr genossen. Ich fand es auch interessant, weil Flavio und ich gewisserweise ein sehr verschiedenartiges Duo sind. Wir bewegen uns von Natur aus ganz anders, haben sehr unterschiedliche Qualitäten und gleichen uns auch äusserlich nicht. Das fand ich für meine Choreographie, die ja sehr viel mit Synchronität arbeitet, sehr spannend und wir konnten beide viel voneinander lernen.

Dario Dinuzzi – Ich finde es immer etwas sehr Wertvolles, mit seinen Kolleginnen und Kollegen zu choreographieren. In meinem Fall sind es sogar meine Lebenspartnerin und eine gute Freundin, die mein Stück «After a Hunch» tanzen. Also umso besser. Die Kommunikation ist bereits vorhanden. Kommunikation ist ein zentraler Teil des kreativen Prozesses. Die Dinge werden oft erschwert, wenn es da hakt. Egal wie gut deine Idee in deinem Kopf ist, schlussendlich kommt es immer darauf an, wie du diese Idee den Tänzern und Tänzerinnen kommunizieren kannst. 

Carlos Kerr Jr. – Es bedeutet mir sehr viel, auf der Bühne mein eigenes Stück zeigen zu dürfen. Für «Never Odd or Even» habe ich natürlich auch Leute ausgewählt, mit denen ich gerne arbeite und im Allgemeinen gerne zusammen bin. Es war aber auch eine Herausforderung, drei Leute zu haben und zusätzlich selber im Stück zu tanzen. Wir haben oft Videoaufnahmen gemacht und sie uns hinterher angeschaut. Das hat am Anfang sehr gut funktioniert, aber jetzt gegen Ende, als ich noch den Schluss kreieren musste, war es schon ein bisschen schwierig, den Überblick zu behalten über das, was die anderen tun, und gleichzeitig an mir zu arbeiten. Aber insgesamt eine sehr schöne Herausforderung.

Tanz 36+ Finale, Luzerner Theater
«Never Odd or Even» von Carlos Kerr Jr.

SB – Wie lief der choreographische Prozess ab? Habt ihr viel in der Gruppe erarbeitet oder kamt ihr schon mit einer relativ klaren Vorstellung auf die erste Probe?

MP – Ich habe vor längerer Zeit schon zwei kurze Tanzfilme zu diesem Thema (Kommunikation mit gehörlosen Menschen und Fragilität der menschlichen Kommunikation) gedreht. Von dem her war das Konzept für das Stück von Anfang an klar. Es war aber eine ganz neue Herausforderung, diese Idee als live performtes Stück für die Bühne zu realisieren. Gerade weil das Thema eine gewisse Intimität voraussetzt. Ich habe im Vorfeld schon relativ viel choreographisches Material erstellt. Davon ausgehend haben wir dann gemeinsam Neues gefunden und erforscht, was für uns beide funktioniert.

PJ – Es war toll, dass so viel von Mathew und Igli kam. Ich habe auch einen Teil vorher selber choreographiert und ihnen dann beigebracht. Der hat sich aber im Verlauf des Prozesses sehr gewandelt und wir haben viel zusammen rausgefunden. Für mich war es aber auch ähnlich, wie Carlos das beschrieben hat. Selber im Stück mitzutanzen macht es wirklich schwierig, den Überblick zu behalten und man hat kaum Zeit, seine eigenen Teile zu proben. Aber auf der anderen Seite hat es auch Vorteile: Man kann so von innen eine gewisse Energie und Atmosphäre herstellen und die anderen damit anstecken, ohne dass man alles mit Worten erklären muss.

CK – Wir haben in den ersten Proben nur an gemeinsamen Bewegungsqualitäten gearbeitet, so dass wir alle von der gleichen Basis ausgehen konnten. Ich würde sagen, diese Methode ist ausschlaggebend dafür, wie ich mir Tanz vorstelle und wie ich choreographische Prozesse angehe. Ich bringe sicher einige Einflüsse und Erfahrungen mit, die meinen Stil und meine Art zu arbeiten besonders prägen: zum einen meine Arbeit mit der «Rubberband Dance Group» in Montreal und dem Choreographen Victor Quijada; zum anderen die Arbeiten mit Georg Reischl. Aber ich will keinesfalls den Tänzerinnen und Tänzern meine Bewegungen aufzwingen. Ich ziehe es vor, dass wir alle die gleichen Informationen haben und davon ausgehend gemeinsam mit der Kreation starten.

DD – Für mich ist es beim Choreographieren auch sehr wichtig, den Tänzerinnen und Tänzern nicht die eigenen Ideen aufzudrängen, sondern die Ideen zu teilen und dann gemeinsam daran zu arbeiten. Und genau in diese Richtung verlief der kreative Prozess bei uns.

A String Telephone, Luzerner Theater
«A String Telephone» von Mathew Prichard 

SB – Glaubt ihr, es gibt klare Unterschiede bezüglich der Arbeitsweise und der choreographischen Sprache zwischen der Generation von erfahrenen Choreographinnen und Choreographen wie Patrick Delcroix und eurer, sagen wir mal, jungen up-and-coming Generation?

MP – Ja, definitiv. Ich denke, jede Generation ist geprägt von der Zeit, in der sie lebt, von dem, was kulturell und gesellschaftlich um sie herum passiert. Und das wiederum beeinflusst die Kunst und die Art zu arbeiten. Die Tanzwelt hat sich im Laufe der letzten Zeit massiv weiterentwickelt, parallel zur Entwicklung der Gesellschaft natürlich. Gewisserweise glaube ich, dass es heute eine grössere Durchmischung und Vielfalt gibt: Verschiedene Einflüsse aus verschiedenen Stilen, aus anderen Kunstformen und aus verschiedenen Kulturen kamen über die Jahre zusammen und haben das Vokabular des zeitgenössischen Tanzes erweitert. In den Anfängen des zeitgenössischen Tanzes hatten die meisten Leute einen klassischen Ballett-Hintergrund. Sie haben damit experimentiert und das klassische Vokabular quasi demontiert. Das waren natürlich schon Welten zur Ballettwelt mit klassischem Vokabular, wo es ein Buch mit diesen Schritten und Variationen gibt. Der zeitgenössische Tanz von heute ist aber viel breiter gefächert. Ich finde es grossartig, dass es nun so viele unterschiedliche Einflüsse gibt und man immer wieder nach neuen Bewegungsstilen und Herangehensweisen suchen kann.

DD – Ich denke, es ist normal, dass es Unterschiede gibt. Patrick war Tänzer, als Jiří Kylián anfing zu choreographieren. Eine eigene choreographische Kreation zu machen war damals noch etwas komplett Neues. Wie Mathew auch gesagt hat, bei klassischen Balletten wie «Schwanensee» oder «Nussknacker» lernt man einfach die vorgegebenen Schritte. Das Vokabular ist also schon da. Aber Teil einer neuen Kreation zu sein, etwas von Grund auf neu zu schaffen ist für Tänzer und Tänzerinnen natürlich etwas sehr Schönes und Wertvolles. Und da gibt es auch schon Unterschiede zwischen den jüngeren in unserer Company und mir. Als ich anfing, als professioneller Tänzer zu arbeiten, habe ich erst spät erfahren, was es bedeutet im Prozess einer Neukreation zu sein, auf jeden Fall noch nicht während der Schule. Heute lernen junge Tänzer und Tänzerinnen mit 14, 15 Jahren bereits Choreographien von grossen Namen. Als ich 15 war, wusste ich nicht einmal, wer diese berühmten Leute sind. Ich fühle mich jedenfalls geehrt, dass ich mein kleines Duett zusammen mit der Arbeit eines etablierten Choreographen wie Patrick Delcroix präsentieren darf. Und ich bin gespannt, wie die Reaktion sein wird und wie die Stücke nebeneinander wirken. Ich werde mich wahrscheinlich immer an diese Gelegenheit erinnern.

PJ – Ich finde das schwer zu sagen. Bei Patrick zum Beispiel ist der Prozess so, dass das meiste der Choreographie direkt von ihm kommt. Wir können zwar Vorschläge machen, aber er kreiert im Endeffekt die Bewegungen. Jüngere Choreographinnen und Choreographen, die ich erleben durfte, haben uns dagegen sehr viele Teile einfach überlassen, wir haben diese selber gestaltet und dann gemeinsam daran gefeilt. Und ich glaube so werde ich es in Zukunft auch machen. Ich freue mich immer, wenn ich sehe, wie sich jemand von Natur aus bewegt und bewegen kann. Ich weiss jetzt aber nicht sicher, ob das eine Generationssache ist oder einfach Geschmackssache.

CK – Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es zwei verschiedene Sprachen von zwei verschiedenen Generationen sind. Ich denke, es ist eher die Persönlichkeit. Und natürlich ist die Persönlichkeit jeweils beeinflusst von Erfahrungen und der Zeit, in der wir leben. Ich denke, unsere Generation hat viel mehr Informationen und technische Mittel zur Verfügung. Früher haben sie nicht einmal Kameras benutzt, sie sind einfach nach dem Gespür gegangen und nach Notizen. Das können wir uns heute kaum noch vorstellen, weil wir mit den Technologien aufgewachsen sind. Das Gespür ist natürlich immer noch wichtig. Ich glaube, das ist die eigentliche Essenz des choreographischen Prozess: das Gespür, das Nachfühlen und das Ausprobieren – und manchmal einmal darüber schlafen, bevor man weiss, wie es sein soll.

Tanz 36+ Finale, Luzerner Theater
«A String Telephone» von Mathew Prichard 

SB – Und zum Schluss: Seid ihr die Choreographinnen und Choreographen von morgen?  Momentan seid ihr ja hier noch als Tänzer und Tänzerinnen angestellt. Aber möchtet ihr später mal (voll)beruflich choreographieren?

PJ – Ja! Das hier war das erste Mal, dass ich mit anderen choreographisch gearbeitet habe. Ich hatte keine Ahnung, wie es rauskommt. Aber jetzt, wo es so gut funktioniert hat, möchte ich das unbedingt weiterverfolgen!

MP – Ich bleibe sehr offen dafür, was die Zukunft bringt. Wirklich in ein Thema einzutauchen, das mir sehr am Herzen liegt, und die Zeit und den Raum zu haben, daran zu experimentieren, das war toll und ich habe so viel gelernt. Für mich war es auch das erste Mal, für die Bühne und für jemand anderes zu choreographieren. Und es hat mir grossen Spass gemacht, von dem her: ja, warum nicht?

CK –Ich will auf jeden Fall weiter choreographieren, weil es Spass macht und mich erfüllt, auch jetzt schon! Ich würde sagen, es ist definitiv eines meiner Ziele nach meiner Tänzerkarriere. Neben meinen Absichten Sporttherapie oder Tanzwissenschaft zu studieren, ist das Choreographieren auf alle Fälle auch etwas, was ich gerne machen möchte, um mit der Tanzwelt verbunden zu bleiben.

DD – Vor ein paar Jahren war der Wunsch, Choreograph zu werden, sehr viel stärker. Doch dann hatte ich so meine Zweifel, weil ich das Gefühl hatte, dass plötzlich jeder choreographiert. Und es gibt bereits so viele begabte, etablierte Choreographinnen und Choreographen, die ich sehr respektiere. Warum sollte ich das dann also auch noch machen? Ich arbeitete dann eine Zeit lang als Solo-Performer und lernte mich selbst nochmals neu kennen. Und da kam auch langsam dieser Wunsch zurück nach dem choreographischen Arbeiten mit anderen. Ich habe den Wunsch, Geschichten zu erzählen, Ideen mit anderen Tänzern und Tänzerinnen zu teilen. Denn ich glaube, dass jeder von uns einen kleinen Schatz an Lebenserfahrung mit sich trägt. Und wenn es gelingt, diese Schätze in einer Choreographie zu kanalisieren, ist das grossartig! Diese Art von Choreographieren würde ich jedenfalls sehr gerne als Beruf ausüben.

 

  • «A String Telephone» von Mathew Prichard und «Never Odd or Even» sind im Rahmen von «Tanz 36+ Finale» noch am 2. und 6. Juni auf der Bühne zu erleben, «After a Hunch» von Dario Dinuzzi und «For Old Times’ Sake» von Phoebe Jewitt am 8., 9., 10. und 13. Juni.