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Schauspiel

Der Kirschgarten: «Ein Weckruf!»

Dramaturg Nikolai Ulbricht im Gespräch mit Bühnen- und Kostümbildner Márton Ágh.

Nikolai Ulbricht – «Der Kirschgarten» ist deine erste Zusammenarbeit mit Christos Passalis und Angeliki Papoulia. Wie ist es dazu gekommen?

Márton Ágh – Sandra Küpper, die ich seit vielen Jahren kenne und die seit einiger Zeit das Schauspiel am Luzerner Theater leitet, rief mich schon vor zwei Jahren an, um mich mit Christos und Angeliki zu verbinden – es ging um eine mögliche Zusammenarbeit beim «Besuch der alten Dame». Ich kannte die beiden nicht und habe zu dieser Zeit gerade an einem Film gearbeitet, musste also leider absagen. Wie es so oft passiert, wurde der Film dann gar nicht realisiert. Vor circa einem Jahr hat mich Sandra dann wieder angerufen... Damals wusste ich noch nicht, dass ich beide schon einmal gesehen hatte – im Film Dogtooth, einem wunderbaren Film von Giorgos Lanthimos, den ich vor fünfzehn Jahren gesehen hatte. Ich erinnere mich, dass ich von beiden begeistert war, von ihrer Art und Weise zu spielen.

NU – Und wann hast du Christos und Angeliki dann zum ersten Mal getroffen?

MÁ – Das erste Treffen mit Christos war in einem Café in Zürich. Ich wusste noch nichts über ihre Ideen zum Stück und habe im Zug von Basel nach Zürich einfach etwas gezeichnet – ich hatte das Gefühl, das ist die Möglichkeit, etwas über mich zu erzählen.

Der Kirschgarten, Luzerner Theater

(Zeigt sein Skizzenheft) Diese beiden Seiten, die du hier siehst, habe ich im Zug von Basel nach Zürich gezeichnet. Am Ende waren es vier erste Entwürfe. Das Treffen selbst war dann sehr kurz – wir hatten lediglich eine halbe Stunde Zeit –, aber es hat sich gleich so angefühlt, als würde ich mit einem alten Freund sprechen. Die Chemie hat gestimmt – auch, als wir uns später zu dritt getroffen haben: Die Kommunikation war sehr einfach, wir haben uns auf Anhieb verstanden, weil wir dieselbe künstlerische Sprache sprechen. Wir teilen unsere Tendenz zum Poetischen. Gerade Christos ist sehr poetisch.

NU – Und wie ist die Bühnenbild-Idee, einen Pavillon in die «Box» zu bauen, entstanden?

MÁ – Beim ersten Treffen sprachen Christos und Angeliki viel über den Gang der Geschichte und über den Verlust von etwas Vergangenem, über die letzten Tage einer «idealen» Welt, in der man wirklich in Frieden leben kann. Und über den Moment, wenn all das verloren geht. All diese Themen sind sehr mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden: Die Geschichte unserer westlichen, europäischen, christlichen Gesellschaft, die mit dem Ersten Weltkrieg, dem Zweiten Weltkrieg, dem Kalten Krieg auf den Kopf gestellt und zu einem Desaster wurde – und jetzt leben wir in 2020 und sind an einem ähnlichen Punkt des Umbruchs und der Krise: Wir wissen nicht, wie es weiter geht und ob Hoffnung besteht, dass es sich zum Guten wenden wird. Auf Basis dessen entwickelte ich ein paar visuelle Ideen. Die erste Idee war ein Zugwaggon, für mich ein Symbol für Bewegung und gleichzeitig für einen temporären Stopp zwischen einem Ende und einem Anfang, in Europa, auf dem Land, im Leben. Die zweite Idee war ein Haus – wie das Gutshaus im «Kirschgarten». Ich wollte es als Ausstellungsobjekt benutzen, das einerseits als Bühne für Tschechows Geschichte, aber auch als Installation begreifbar sein sollte, ähnlich wie eine Skulptur oder ein Gemälde im Museum. Zunächst sind wir in die Waggon-Richtung gegangen – die war aber aus budgetären Gründen nicht umsetzbar –, also haben wir uns für die Idee des Hauses entschieden, wollten jedoch etwas finden, das abstrakter ist als ein Haus, weniger greifbar, eher die Idee eines Hauses. So ist schliesslich der Pavillon entstanden, den man als Haus lesen kann, aber auch einfach als Objekt, ein architektonisches oder ein Kunst-Objekt. Ein Objekt mit vielen Referenzen. Er erinnert ein wenig an die Sanssouci-Häuser, die ungefähr zu der Zeit gebaut wurden, als Tschechow das Stück geschrieben hat. Dort gingen die Leuten hin und taten nichts, sie waren einfach im Garten und entspannten ein wenig und vergassen ihre Probleme, sie waren einfach da und träumten. Die hölzerne Struktur des Pavillons erinnert an einen Zugwaggon, den man öffnen und schliessen kann. Und am Ende gerät der Pavillon dann sogar in Bewegung. Es stecken also viele Referenzen im Bühnenbild und andererseits haben wir versucht, sehr einfach zu bleiben, nicht zu konkret in Bezug auf eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Ort. Die Materialität und Farbigkeit orientiert sich an der «Box», die ja ein zeitgenössischer architektonischer Bau ist. Und schon jetzt kann man diese Installation vom Theaterplatz aus durch die Fenster der «Box» sehen: Quasi als Box in der «Box»...

Der Kirschgarten, Luzerner Theater

NU – ...die zum Leben erweckt wird, wenn die Vorstellung beginnt. Wie ein Museum – wenn es geschlossen ist, sind die Objekte tot...

MÁ – ...ja, und andererseits: Die Objekte in einem Museum erzählen dir eine Geschichte. Der Pavillon trägt also viele Details, die vielleicht nicht eindeutig erklärbar sein werden. Aber sie sind da. Auch die Gravuren auf dem Pavillon erzählen ihre eigene Geschichte. Das gesamte Ensemble des «Kirschgarten» war dazu aufgefordert, etwas einzugravieren, ihren Fingerabdruck zu hinterlassen. Und so ist der Pavillon nicht mehr nur der Hintergrund oder die Kulisse, in der die Schauspielerinnen und Schauspieler spielen – er wurde zu ihrem Ort. Gleichzeitig haben diese Kratzer und Spuren eine historische Komponente: Die Zeit vergeht, und was kommt, hinterlässt Spuren oder Zeichen.

Der Kirschgarten, Luzerner Theater

NU – Wie verhält sich dein Kostümbild zu diesem abstrakten Gebäude?

MÁ – Mit dem Kostüm war es schwieriger, weil diese Art von «offener», uneindeutiger Bühnenästhetik dir in Bezug auf die Kostüme als Kostümbildner eine komplette Freiheit gibt. Ein grosses Thema in Stück und Inszenierung ist die Erinnerung an ein Früher – die ja immer etwas Unzuverlässiges hat. Wenn ich mich beispielsweise an meine Grossmutter erinnere, habe ich einerseits konkrete Referenzen wie Fotos und andererseits das, was in meinem Kopf an Erinnerung geblieben ist. Und es ist interessant: In den meisten Fällen deckt sich deine Erinnerung nicht mit der Realität, zumindest nicht exakt. So bin ich bei den Kostümen vorgegangen: Ich habe mir konkrete historische Referenzen angeschaut – in diesem Fall das Jahr 1914, kurz vor dem Ersten Weltkrieg –, sie kurz angeschaut und dann wieder weggelegt. Und dann habe ich versucht, mich wieder daran zu erinnern. Und nach spezifischen Details zu suchen – wie z. B. eine schöne Halskette. Es war mir nicht wichtig, ob es historisch hundertprozentig korrekt ist, ich habe mir und uns eine Freiheit der Überschreibung gelassen. Es sind vielmehr spezifische Merkmale, die das Kostümbild prägen – wie z. B. die Erinnerung «Er hat weiss getragen». Sonst nichts.

Der Kirschgarten, Luzerner Theater

NU – Als Tschechow das Stück geschrieben hat, waren seine Referenzen viel konkreter, z. B. war der Verkauf von alten Gutshäusern der untergehenden Aristokratie damals, um die Jahrhundertwende herum, hoch aktuell. Der Kirschgarten ist heute für uns zu einem Symbol geworden, nicht mehr konkret. Trotzdem spielen wir das Stück noch heute. Und es stellt sich die Frage: Wofür steht es?

MÁ – Es ist ein Weckruf! Viele Menschen sind ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht bewusst. Und «Der Kirschgarten» ist eine Geschichte, die beschreibt, wie schwer es Menschen fällt, zu verstehen, welche Konsequenzen ihr Handeln haben könnte. Ich glaube, jeder Mensch ist verantwortlich für sein eigenes Leben. Im «Kirschgarten» werden Figuren gezeigt, die einen Dialog mit sich selbst führen, anstatt zu versuchen, eine gemeinsame Sprache zu finden. Sie isolieren sich von der Aussenwelt, unternehmen nichts für oder gegen etwas. Dabei hat die Wahl für oder gegen etwas – schwarz oder weiss, ja oder nein – eine grosse Bedeutung. All das steckt im «Kirschgarten»: Menschen, die nicht aufmerksam zuhören; die die Bedeutung dessen, was das Gegenüber sagt, nicht verstehen; die sich selbst nicht von aussen betrachten oder beurteilen. So eine Situation kann eskalieren, wie es zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem Ersten Weltkrieg geschehen – und auch jetzt befinden wir uns wieder vor einem Kollaps, weil wir nicht fähig sind, miteinander zu sprechen. Wir leben parallele Leben und glauben, dass die eigene Stimme nicht laut genug ist. Das wird – mehr oder weniger – auf modellhafter, menschlicher Weise im «Kirschgarten» erzählt.