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Das Theater ist tot. Es lebe das Theater!

Die Pandemie hat den Alltag scheinbar weiterhin im Griff, ein Datum für die Wiederöffnung des Luzerner Theater ist noch nicht gesetzt. Wie ist die Stimmung bei euch und in euren Sparten?

Johanna Wall: Wir haben soeben die Endproben für «Così fan tutte» abgeschlossen. Die Stimmung ist erstaunlich gut, alle sind sehr froh, dass sie überhaupt arbeiten dürfen. Mich beeindruckt sehr, mit welcher Disziplin die Sängerinnen und Sänger regelkonform arbeiten und proben. Gerade für die Mozart-Oper «Così fan tutte» ist das bemerkenswert, denn die ist schon ohne Maske eine stimmliche Herausforderung! Wir hoffen natürlich alle, dass wir irgendwann die Premiere feiern dürfen. Meine persönliche Stimmung reicht wie bei allen von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt. Man klammert sich ans Positive!

Sandra Küpper: Man merkt dem gesamten Betrieb an, dass die normalen Theater-Rhythmen – also das Proben auf eine Premiere hin – fehlen. Man braucht diese Erlösung, die kommt, wenn man auf etwas hingearbeitet hat. Man braucht den Austausch mit dem Publikum! Der fehlt vor allem den Künstlern gerade sehr. Gleichzeitig sind alle in den Proben voller Energie dabei. Ich glaube, es hält letztlich immer etwas am Leben, wenn man Kunst machen darf.

Arbeitet man anders, wenn man auf eine feste Premiere zuarbeitet, als jetzt, wo nie sicher ist, ob ein Stück auch wirklich aufgeführt werden kann?

Sandra Küpper: Man arbeitet total anders. Bei normalen Endproben steigt die Anspannung der Künstler zur Generalprobe und zur Premiere hin sehr stark an. Man weiss als Schauspieler: Da sitzen dann jetzt sehr bald Zuschauer. Diese Anspannung kann man nicht künstlich hochpeitschen. Gleichzeitig entsteht auf den Proben derzeit aber auch eine andere Art von Konzentration, dadurch, dass wir abends keine Vorstellungen spielen.

Kathleen McNurney: Als klar war, dass wir unsere Premiere von «Tanz 35: Alice» am 16. Januar nicht vor Publikum zeigen konnten, haben wir entschieden, das Stück professionell filmen zu lassen. Das hat doch auch einen Premiere-ähnlichen Druck erzeugt. Wir wollten natürlich ein tolles künstlerisches Produkt abliefern! Ein leerer Saal, zwei Kameras – es war merkwürdig und ungewohnt, und wir waren erleichtert, dass es geklappt hat. So eine Situation haben wir alle noch nie erlebt. Grundsätzlich fühlen sich die Tänzerinnen und Tänzer aber sicher und die Stimmung ist gut.

Johanna Wall: Wir mussten zwei grosse Produktionen absagen, das war sehr hart. Schwierig ist es besonders für das Regieteam, das nicht weiss, ob die Produktion zur Premiere kommt oder nicht. Im Moment verwenden wir tatsächlich einen Teil unserer Energie darauf, diese Ungewissheit zu verdrängen. Die fehlende Gewissheit darf für uns in der täglichen Arbeit keine Rolle spielen.

Ihr habt angesprochen, es gab diese Zeit der Kurzarbeit. Man hört immer wieder, dass mit Corona eine gewisse Entschleunigung in den Alltag einzog. Habt ihr das auch so empfunden?

Johanna Wall: Überhaupt nicht. Viele Parameter kann man ja auch gar nicht schieben, ohne nur mehr Probleme zu schaffen. Programmhefte, Übertitel und so weiter müssen unter demselben Hochdruck geschrieben werden wie zu normalen Zeiten, die Endproben finden dennoch statt. Wir haben nicht mehr Luft, viel eher ist es so, dass wir durch das ständige Denken in Varianten mehr Arbeit haben als zuvor.

Sandra Küpper: In Coronazeiten stellt sich immer die Frage der Perspektive. Einerseits können wir nicht aus dieser Wartesituation raus, was nicht nur emotional zermürbend ist, sondern eben auch einen wahnsinnigen Mehraufwand bedeutet. Ich höre aber auch immer wieder von Menschen, dass ihnen ihr normaler Rhythmus fehlt und sie dadurch in eine Perspektivenlosigkeit fallen. Wir dagegen bauen uns selbst ständig neue Perspektiven und passen den Spielplan laufend an. Man könnte auch sagen unsere Gesellschaft sieht gerade so aus: Die einen fallen in die Kurzarbeit und die anderen in die Langarbeit.

Kathleen McNurney: Absolut. Nach jeder Premiere beginnt bereits die Arbeit für die nächste Produktion. Die ganzen Änderungen in der Planung, mit den Verträgen beispielsweise bedeuten einen riesigen Mehraufwand und kreieren eine Unsicherheit für die Probepläne der nächsten Produktionen.

Sandra Küpper: Es ist, als ob man eine komplette Spielzeit zum vierten Mal durchplanen würde.

Johanna Wall: Im letzten Sommer haben wir innert kürzester Zeit die Hofkonzerte organisiert. Das konnten wir unter anderem auch deshalb leisten, weil es einen ganz klaren Horizont gab, das Ende der Spielzeit lag nicht so weit weg. Das Anstrengende jetzt ist, dass wir seit Spielzeitbeginn bei jeder Produktion nicht wissen, ob wir sie tatsächlich auf die Bühne bringen können. In der ersten Hälfte der Spielzeit war ich bei jeder einzelnen Opernvorstellung vor Ort, immer im Bewusstsein, dass es die letzte sein könnte für meine Zeit hier. Es ist wichtig, nach aussen Zuversicht und Kraft auszustrahlen, es kostet aber auch viel Energie. Wir und alle Mitarbeitenden müssen uns laufend auf eine immer wieder neue Situation einstellen.

Sandra Küpper: Da hilft schon auch, dass man einen gemeinsamen Auftrag hat.

Kathleen McNurney: Wir alle sind gefordert, man muss an so Vieles denken bei all diesen Verschiebungen und Regeln. Wenn ein Gast bei jeder Einreise erst mal in Quarantäne muss wird das plötzlich kompliziert: Wer kauft für ihn ein, wie plant man seine privaten Termine um die Quarantäne herum, und so weiter. An solche Dinge musste ich vorher nie denken.

Ihr habt diesen Teamgedanken angesprochen. Ist dieser mehr als sonst spürbar und macht sich bemerkbar, dass man gemeinsam in dieser Situation steckt?

Sandra Küpper: Es ist schon ein sehr grosses Bewusstsein im Team dafür vorhanden, was wir hier gerade machen. Ein Alleingang wäre gar nicht möglich, die einzelnen Abteilungen hängen dafür auch viel zu sehr zusammen.

Kathleen McNurney: Wir profitieren sehr von den unterschiedlichen Expertisen, die wir im Luzerner Theater haben.

Johanna Wall: Genau, wir arbeiten mit den Leuten zusammen.

Sandra Küpper: Ja! Das sieht man in lokalen wie internationalen Kooperationen gleichermassen, die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Häusern, sind viel einfacher und selbstverständlicher geworden. Wir stecken ja alle in der gleichen Situation. Der Austausch ist gewachsen und die Kollegialität viel höher als sie es sonst vielleicht wäre. Und man darf auf keinen Fall seinen Humor und seine Gelassenheit verlieren – es wäre sicher leichter, zu verzweifeln!

Johanna Wall: Das merke ich auch im direkten Umgang mit den Künstlerinnen und Künstlern. Man redet offen miteinander und schätzt sich. Das gegenseitige Verständnis ist sehr gross. Das sind schöne Erfahrungen, die bleiben.

Sandra Küpper: Und es entstehen sogar neue künstlerische Ideen. Der Tell-Film etwa entstand aus der Situation heraus, dass wir schon damit rechnen mussten, dass die Premiere wohl nicht am geplanten Datum stattfinden kann. Wie reagieren? Bei gewissen Produktionen ist klar, dass diese nur als Bühnenstück funktionieren können. Und wir wollen ja auch den Livecharakter erhalten. Trotzdem finde ich es darüber hinaus interessant, über neue Formate oder Hybridveranstaltungen nachzudenken.

Habt ihr das Gefühl, das Theater wird nach der Pandemie ein anderes sein? Oder bleibt alles, wie gehabt?

Johanna Wall: «Video killed the radio star» - Eben nicht! Ich hoffe natürlich, wir setzen uns alle wieder in den Theatersaal. Die neuen Formate können aber ergänzend dazukommen. Es gibt Entwicklungen, die durch Corona wahnsinnig beschleunigt wurden. Ich glaube aber nicht, dass das eine das andere immer verdrängen muss. Oper ist seit 1750 aus der Mode – wir sind kein zentrales Medium mit hegemonialer Vormachtstellung im Kulturbereich, das waren wir noch nie. Trotzdem gab es immer Leute, die Oper gut fanden. Und es gibt auch schon seit längerem Opernstreamings in sehr guter Qualität, die aber den klassischen Opernbesuch im Theater nicht ersetzen.

Sandra Küpper: Aus Schauspielperspektive ist es noch zu früh, um das zu beantworten. Das Theater ist geprägt von Aktualitäten. Wir stecken noch mitten in der Krise, die künstlerische Verarbeitung hat erst begonnen. Das wird in ein, zwei Jahren noch einmal ganz anders aussehen. Ob digitale Formate möglich und sinnvoll sind, ist immer von der Produktion und den beteiligten Menschen abhängig. Wo macht es Sinn, das Theater erweiternd zu denken? Im Schauspiel ist das übrigens überhaupt nichts Neues. Wir sind total beeinflusst von den visuellen Künsten, den bildenden Künsten, von Tanz und Musik. Die verschiedenen Kunstformen können nicht mehr so einfach kategorisiert werden.

Das gilt auch für die beiden Tanzfilme «Salt» und «personae», die im Rahmen des Onlineprogramms gezeigt wurden.

Kathleen McNurney. Da steckte so viel Arbeit dahinter. Wir wollen die Leidenschaft der Tänzerinnen und Tänzer für ihre Kunstform auch über den Bildschirm vermitteln. Die Choreographin Caroline Finn sagte über «personae» sogar: «Es musste ein Film sein. Genau so wollte ich mich ausdrücken.» Wir wollten die Produktionen nicht einfach abfilmen, sondern ein eigenständiges künstlerisches Produkt daraus kreieren. Ich glaube, die Tanzwelt hat sich als sehr aktiv und flexibel erwiesen in dieser Zeit des Lockdowns. In den sozialen Medien sind zum Beispiel Kurzvideos der Tanzstars äusserst populär. In Paris liess die Opéra National ihre Tänzer/innen zuhause beim Training filmen, und so weiter.

Sandra Küpper: Was uns am meisten fehlt, ist ja der Austausch und die konkrete Begegnung mit unseren Zuschauern. Darum ist die Frage nach den neuen Formaten spannend: Wie schafft man es, dass trotzdem eine Interaktion zustande kommt? Was sind die neuen ästhetischen Formate, die man kreieren kann, ohne das Theater komplett zu verlassen und beispielsweise einfach einen Film zu drehen?

Kathleen McNurney: Die filmische Umsetzung der Tanzproduktionen bringt eine gewisse Ehrlichkeit mit sich. Bei «Salt» und «personae» ist man viel näher dran an den Künstlern, das ist hoffentlich ein grosser Gewinn für das Publikum, oder zumindest ein Trost. Die bisherigen Rückmeldungen auf diese beiden Filme waren sehr positiv, was mich sehr freut!

Johanna Wall: Ich glaube, wir als Theaterschaffende müssen uns auch bewusst sein, dass wir seit einem Jahr in einem unglaublich umfangreichen Experiment stecken, das uns letztlich viel beibringt. Allein, dass wir merken, dass es zwischen Live-Event, jederzeit abrufbarem Video oder gemeinsamen Zoom-Erlebnis riesige Unterschiede gibt, ist eine neue Erfahrungswelt für uns alle. Natürlich beeinflusst das die Kunst. Welche Werke haben grad was zu sagen? Aber auch praktische Dinge wie: Wo in der Welt steckt der Künstler, die Künstlerin gerade? Ich glaube, das Bedürfnis nach noch mehr Digitalproduktionen ist momentan eher klein.

Sandra Küpper: Die Frage ist, wie können wir als Theater mit geschlossenen Türen dennoch auf anderen Kanälen mit dem Publikum kommunizieren. «TELL» ist ja eine Produktion, die sehr viele Menschen ansprechen könnte, die jetzt aber wohl nicht mehr viele Menschen live erleben dürfen. Die Produktion ist eng mit der Pandemie und unseren damit verbundenen Gefühlen verwoben. Allein deshalb lohnt sich der Versuch, wenigstens einen Teil der Produktion in anderer Form mitzuteilen, um dieses neue Werk sichtbar zu machen.

Genau diese Verbundenheit mit aktuellen Themen der Gesellschaft zeichnet das Theater ja auch aus. Wo liegt eurer Meinung nach die Stärke der Kunst, mit solch herausfordernden Zeiten umzugehen?

Johanna Wall: Dass man so unglaublich merkt, dass sie nicht mehr da ist! Früher hatte man immer die Angst, in Vergessenheit zu geraten, wenn es mal ein paar Wochen still wäre. Heute wissen wir: das Gegenteil ist der Fall! Die Akzeptanz, die Dankbarkeit und der Hunger nach Kunst ist riesig! Das finde ich sehr ermutigend. Die Leute wollen ins Theater gehen. Was wir diesen Leuten geben können ist: Wir arbeiten daran, einen Ort zu schaffen, wo man sicher und gemeinsam etwas erleben kann und sich darüber austauschen kann. Wir sind Idealisten! Emotional macht es einen riesigen Unterschied, ob man etwas allein erlebt oder gemeinsam mit anderen.

Kathleen McNurney: Ich bin sehr neugierig, wie das Publikum reagieren wird, wenn wir wieder live spielen dürfen. Anfangs Spielzeit waren die Leute einfach nur froh und aufgeregt, dass sie endlich wieder ins Theater durften. Wie wird das jetzt sein? Mit «Tanz 35: Alice» zeigen wir eine Produktion, die sich nicht mit der jetzigen Situation auseinandersetzt, sondern das Publikum mitnimmt in eine poetische Fantasiewelt.  Auch das kann Kunst. Gerade in diesen Zeiten ist das Bedürfnis danach sehr gross.  

Sandra Küpper: Künstler waren ja schon immer Seismographen ihrer Zeit. Und ich glaube auch, dass man Kunst gerade jetzt ganz besonders braucht. Es kommt sicher nicht von Ungefähr, dass momentan so viele Debatten stattfinden über die Freiheit der Kunst, und dass wir uns die Frage stellen, was eigentlich passieren würde, wenn diese Kunst wegfallen würde. Das wäre schlimm, denn: Kunst rüttelt wach, inspiriert, regt zum Nachdenken an. Sie beeinflusst uns sehr, auch wenn wir es vielleicht manchmal gar nicht so direkt wahrnehmen. Kunst ist demokratiebildend. Ohne Kunst wären wir eine ziemlich tote Gesellschaft. Weil sich die Gesellschaft momentan in einer Krise befindet, muss auch die Kunst, und insbesondere das Theater, in einer Krise sein, denn es versucht auf die Gesellschaft zu antworten. Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn wir nicht mehr in der Lage sind, uns mit Kunstwerken auseinanderzusetzen? Wenn wir, wie beispielsweise in der digitalen Welt, immer nur mit der Oberfläche in Berührung kommen – ein schnelles like oder dislike – wie schaffen wir es, trotzdem noch unsere eigene Meinung und unsere eigene Haltung zu bilden, vielleicht auch aufgrund einer Erfahrung mit Dingen, die wir nicht sofort verstehen und die wir zuerst verarbeiten müssen? Diese Zeit haben wir ja gar nicht mehr, wir rauschen durch unseren Alltag. Das sind alles Fragen, mit denen wir uns auch in unseren derzeitigen Proben beschäftigen - in unserer Schauspielproduktion « Kunst».

Kathleen McNurney: Man macht sich schon viele Gedanken, wir sind ja jetzt auch schon lange in dieser Schwebe. Mir fehlt der Austausch mit den Leuten sehr. Manchmal denke ich, ich habe das Publikum mehr vermisst als sie uns. Dieser Austausch ist für uns alle sehr wichtig, nicht zuletzt auch für die Tänzerinnen und Tänzer.

Auf was freut ihr euch denn am meisten, wenn es hoffentlich bald wieder losgeht?

Sandra Küpper: Ich freue mich auf unsere Produktionen – spartenübergreifend! – die dann endlich rauskommen. Auf dieses Gespanntsein, welche Reaktionen von den Besucherinnen kommen. «TELL – eine wahre Geschichte» und «Schilten» sind fertig produziert und brauchen jetzt ihre Zuschauer!

Kathleen McNurney: Ich freue mich auf die Verbeugung nach der Premiere von «Tanz 35: Alice». Auf die Reaktionen der Tänzerinnen und Tänzer und des Publikums. Alle haben diesen Moment so sehr verdient. Aber natürlich bin ich schon ein bisschen traurig, dass meine allerletzte Produktion «Tanz 36: Full Circle» nach meinen zwölf Jahren künstlerische Leitung von «Tanz Luzerner Theater» nicht stattfinden wird.

Johanna Wall: Ich stelle mir immer eine ganz normale Vorstellung mit einer ganz normalen Live-Einführung und dem ganz normalen Cüpli danach mit all den Leuten vor. Mich rührt die Vorstellung, dass alles wieder ganz normal wäre. Ich hätte nicht gedacht, dass eine solche Sehnsucht nach Normalität möglich wäre. Wir brauchen echte menschliche Kontakte und Unbefangenheit.

Das Interview führte Bettina Thommen