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Dezember 2018
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15. November 2018 | Carole Barmettler

Carole’s Insights: Ein Tag mit Selina Beghetto

Nachdem Carole Barmettler während der Spielzeit 17/18 den «Luzerner Jedermann» begleitet hat, heftet sich die freischaffende Journalistin während den kommenden Monaten an die Fersen verschiedener Akteurinnen aus der Tanzsparte. Schliesslich begeht das LT die zehnte Spielzeit unter der Künstlerischen Leitung von Kathleen McNurney und das will auch im LT-Journal gebührend gefeiert werden, bevor wir im Mai 2019 an der Jubiläumsgala «Crescendo!» anstossen. Auf leisen Sohlen verbringt Carole Barmettler jeweils einen Tag mit fünf ausgewählten Personen und berichtet in der Journal-Rubrik «Carole’s Insights» über ihre Eindrücke.

Nur wenige Tage nachdem ich «Tanz 28: New Waves» gesehen habe, entere ich zum zweiten Mal den Südpol. Der Triple-Bill-Abend war das perfekte Warm-Up für einen weiteren Insight-Tag: Heute begleite ich Selina Beghetto, Dramaturgin und Produktionsleiterin der LT-Tanzsparte. Kaum über die Südpol-Türschwelle getreten, bin ich nicht mehr nur vorfreudig, sondern auch irritiert: Warum liegt vor Selinas offener Bürotür ein kniehohes Brett? Der zweite Irritationsmoment folgt nach der Hürde: Selina sitzt mit Nadel, Faden und einer kaputten Hose in den Händen auf ihrem Bürostuhl. Ich war mir – zugegeben – nicht wirklich klar darüber, welche Aufgaben eine Tanzdramaturgin wahrnimmt. Doch Hosenflicken stand definitiv nicht auf meiner Liste möglicher Arbeitsinhalte.

Selina erklärt mir, dass sie auf dem Weg in den Südpol ihre kaputte Hose bemerkt habe. «Gott sei Dank ist der LT-Kostümfundus hier!», lacht sie und verweist auf ihre karierte Ersatzhose. Während Selina den Riss zunäht, arbeitet Emmanuel Gázquez ein Pult weiter an den Tagesplänen der Kompanie. Zu Selinas linker Seite sitzt wenig später Charlie, der Grund für das Brett vor der Türe und ebenso für regelmässigen Besuch in Selinas und Emmanuels Büro. Der Hundewelpen gehört den Kompanie-Mitgliedern Louis Steinmetz und Zach Enquist, während den Proben findet Charlie ein Plätzchen neben Selinas Pult. Und natürlich darf Charlie regelmässig eine Pipi-Runde drehen – Freiwillige, die sie dabei begleiten wollen, gibt’s genug. «Vielleicht sollte man die Gassi-Gänge in die Tagespläne aufnehmen?», witzelt Emmanuel.

Während des Nähens stellt Selina ein weiteres Übel fest. Flecken aufgrund eines nassen Velo-Sattels. Sie fährt meistens mit dem Rad von ihrer Wohnung im Schlossberg zur Arbeit. «Ich kann mich nicht von der Hose trennen», lässt mich die 29-Jährige wissen, «da hängen zu viele Erinnerungen dran, sie ist ein Secondhand-Fund aus Wien.» Kaputt gegangen ist das gute Stück übrigens bereits vor einigen Tagen bei abenteuerlichen Tanzaktionen im Ausgang – in Wien. Was hat’s denn mit diesem Wien auf sich, will ich wissen. Dort habe sie studiert und einen Bachelor-Abschluss in Theater-, Film- und Medienwissenschaften erworben. Vor fünf Jahren ist die Bündnerin («St. Moritz! Längere Reisezeit als nach Paris!») zurück in die Schweiz gekommen, aber man spürt, dass ein Stück von Selinas Herz in Österreich geblieben ist. Eigentlich würde sie gerne mit den Händen arbeiten, sich beispielsweise zur Goldschmiedin ausbilden lassen. «Ich habe vermutlich eine zu romantische Vorstellung von diesen Tätigkeiten», relativiert die Dramaturgin im gleichen Atemzug.

Nach dem kurzen Handarbeitsblock wartet unter anderem ein Projekt der Spielzeit 20/21 auf Selina. «Absurd, diese Vorlaufzeiten!» Und nein, sie dürfe leider nichts Weiteres darüber verraten. Anschliessend sucht die Dramaturgin im Web nach den neuesten Medienberichten zu «Tanz 28: New Waves», um sie den beteiligten Choreographen weiterzuschicken. Auch administrative Aufgaben gilt es zu erledigen, die Koordination von Massageterminen der Tänzerinnen und Tänzer etwa. Auf Selinas Pult sammeln sich vollgeschriebene Post-its, das iPhone hat sie sich meistens um dem Hals gehängt, die Agenda liegt aufgeschlagen neben der Tastatur, hinter ihr hängt eine Magnetwand mit persönlichen Karten, Geburtstagslisten und Spielplänen. Die Frage, ob man sie als rechte Hand Kathleens bezeichnen dürfe, bejaht sie ohne zu zögern.

Nach der Beantwortung der wichtigsten E-Mails begeben wir uns in den Ballettsaal. Dort probt Tänzer Louis gerade das Stück «Äffi», denn Marco Goeckes Solo – Teil von «Tanz 27: Roll ’n’ Rock It!» – wurde nach Köln eingeladen. Kathleen, Emmanuel und Zach schauen Louis aufmerksam zu, geben Feedback, nehmen den letzten Feinschliff vor. Die restlichen Tänzerinnen und Tänzer der Kompanie warten am Rand des Ballettsaals. Selina ist nicht bei jeder Probe dabei, wie sie mir verrät, bei neuen Kreationen allerdings so oft wie möglich. Und eine solche steht nun an. Choreograph Kinsun Chan arbeitet mit der Kompanie bis zur Mittagspause an «Tanz 29: Paddington Bär» (Premiere am 01. Dez!). Selina macht sich Notizen, unterhält sich zwischendurch mit Bühnenbildassistentin Vanessa Gerotto und knippst ein Foto für den Instagram-Account des LT. Die Probenbesuche sind für Selina zudem wichtig, um Inputs für die Programmhefte zu erhalten, die sie für jedes Stück jeweils schreibt.

Um 13.30 Uhr essen wir gemeinsam im Südpol Bistro. Nach der Mittagspause widmet sich Selina dem Netzwerk «Tanzfreunde Luzerner Theater». Sie betreut ungefähr 170 Mitglieder. Sie kommt ins Schwärmen, wenn sie von den Tanzfreunden spricht. Vor Kurzem habe sie einen Flügel für den Ballettsaal gesucht und dank den Tanzfreunden binnen kürzester Zeit – und zu ihrem eigenen Überraschen – ein Exemplar für lau (!) gefunden. Ähnlich sei’s gewesen, als es ein Deutschlehrer für die Kompanie gefragt war. Wenn ein Mitglied nicht via E-Mail erreichbar ist, druckt Selina die Nachricht aus und verschickt sie postalisch samt persönlicher Karte. Ich schaue auf die Brosche auf Selinas Pullover: «Love Made Me Do It». Die hängt zweifelsohne an der richtigen Brust.

10 Jahre Kathleen McNurney