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Tanz

Carmen – eine ambivalente Kunstfigur

2012 fand in Chicago die Uraufführung von Gustavo Ramírez Sansanos Tanzstück «CARMEN.maquia» statt. Jetzt feiert die Schweizer Erstaufführung am 26. September im Luzerner Theater Premiere. Ein paar Gedanken zum Faszinosum «Carmen».
Von Maya Künzler, Kulturjournalistin

Bis heute ist «Carmen» der Inbegriff für eine sinnliche, gleichzeitig aber auch gefährlich unberechenbare Frau, oberflächlich und launisch. Von ihrer Abstammung her ist sie eine Zigeunerin, eine Gitana.
Carmen gilt als Urgewalt, als schillernde Femme fatale, die mit Männerherzen nach Lust und Laune tändelt und sich umstandslos auch sexuelle Befriedigung verschafft, wenn ihr danach ist. Sie sucht den totalen Genuss, gibt sich dem Moment hin, ohne nach den Folgen oder der Zukunft zu fragen. Eine verführerische Frau, die von den Männern heiss begehrt wird, ihnen gleichzeitig aber auch Widerstand leistet. Denn Carmen besteht auf ihrer Unabhängigkeit und verzichtet darauf, von einem Mann beschützt und schlussendlich nach christlichem Ritus geheiratet zu werden. Sie sucht das Spiel und das Risiko und agiert dabei egoistisch und verantwortungslos wie viele ihrer männlichen Zeitgenossen im 19. Jahrhundert.

1845 erscheint die Novelle «Carmen» des französischen Dandys Prosper Mérimée. Als ein Kenner der spanischen Kultur schildert er darin das tragische Leben Don Josés, der sich in die Zigeunerin Carmen verliebt, eine zerstörerische Obsession für diese Frau entwickelt und seine Aufstiegschancen im Militär einer kriminellen Existenz opfert – alles für das eine Ziel: Carmen nahe zu sein. Als es zwischen dem Ich-Erzähler, Alter Ego Mérimées, und Don José zu einer ersten Begegnung kommt, hat dieser bereits seine bürgerliche Existenz verspielt und ist ein weit herum gefürchteter und gesuchter Bandit. Bei ihrer letzten Begegnung steht Don José kurz vor seiner Hinrichtung. Nachdem er Carmen aus Eifersucht ermordet hat, stellt er sich der Polizei. In Mérimées Novelle wird die Tragödie aus der Perspektive Don Josés in der Rückblende aufgerollt.

Im Tanzstück «CARMEN.maquia» von Gustavo Ramírez Sansano steht anders als in der berühmten Oper aber ebenso wie bei Mérimée Don José im Zentrum: Sein Liebeswahnsinn, seine selbstzerstörerische Leidenschaft für Carmen, seine mörderische Eifersucht und sein tiefer Schmerz über die Untreue seiner Geliebten. Ihm gehört die Empathie des Publikums, während Carmen im Grunde nur als Motor und Katalysator von Don Josés Psyche dient. Sie entzieht sich bald dessen Besitzanspruch, ihre Liebe für ihn hat sich erschöpft. Schonungslos, fast brutal sagt sie ihm das ins Gesicht. Mit Don José und Carmen stossen zwei unvereinbare Lebenswelten aufeinander.

Als Gustavo Ramírez Sansano sich 2012 mit dem Stoff auseinanderzusetzen begann, griff er auf die Novelle Mérimées zurück. In sein dramaturgisches Skript baute er zusätzlich die Figur Micaëla, die Verlobte Don Josés, aus der gleichnamigen Oper Georges Bizets ein. Dies erlaubt ihm, den Charakter Carmens nochmals deutlicher von der damals allgemein herrschenden Frauenrolle abzuheben, für die Micaëla steht. Micaëla ist die Gegenfigur zu Carmen: zurückhaltend, rücksichtsvoll und gegenüber Männern devot. Ganz anders das Verhalten Carmens: Bei der ersten Begegnung zwischen Carmen und Don José lässt der Autor seinen Protagonisten folgendes sagen: «Die Mantilla hatte sie zurückgeschoben, um ihre Schultern und einen grossen Strauss Akazien zu zeigen, der aus dem Hemd hervorsah. Sie hatte noch eine Akazienblüte im Mundwinkel und kam näher, indem sie sich wie eine Stute der Marställe von Cordoba in den Hüften wiegte.»

Einmal beschreibt Mérimée Carmen auch als eine Katze, die nicht komme, wenn man sie rufe, und komme, wenn man sie nicht rufe. Mehr als alles bedeutet Carmen die persönliche Freiheit. Sie will und kann sich keinem männlichen Besitzanspruch beugen. Das macht sie zu einer modernen, eigenständig denkenden und handelnden Frau – einerseits. Andererseits eignet sie sich nur schwerlich als Identifikationsfigur für feministisch-emanzipatorisches Gedankengut. Denn Carmen bleibt in der Konsequenz einem dunklen Schicksal und Aberglauben verhaftet und agiert fatalistisch. Als sie ihrem Mörder Don José Auge in Auge gegenübersteht, reagiert sie passiv, fast gleichgültig. Als Zigeunerin hat sie sich die Karten gelegt und darin ihr Schicksal, den frühen Tod, vorausgesehen. Sie akzeptiert es, wie sie auch ihre Ehe mit einem brutalen Zigeuner nicht hinterfragt. Mérimée, der sich auf seinen beiden ausgedehnten Reisen durch Spanien auch mit der Kultur der andalusischen Gitanos beschäftigte, wusste um deren strenge Familienclan-Gesetze. Die sonst so freche und freizügige Carmen identifiziert sich damit hundertprozentig. Sie tut alles, um ihren «rom», ihren Ehemann, aus dem Galeeren-Dienst zu befreien, auch wenn er alles andere als sanft mit ihr umspringt. Für wenig Geld, so zumindest behauptet dies ein Kamerad Don Josés, würde dieser Carmen sogar an einen anderen verkaufen.

Carmen ist und bleibt vor allem eine Kunst- und Sehnsuchtsfigur, ein männliches Konstrukt sexueller (Angst-)Fantasien. Unendlich schillernd. Mit der Realität einer gesellschaftlich verachteten Zigeunerin hat das alles nichts zu tun. Die Zigeuner konnten sich nur mit illegalen Geschäften über Wasser halten; die Frauen prostituierten sich in der Not. Als Don José wieder einmal mit Eifersucht auf Carmen reagiert, hält sie ihm, in Mérimées Novelle, entgegen: «Wie kannst du so dumm sein? Siehst du nicht, dass ich dich liebe, da ich niemals Geld von dir verlangt habe?»

Und doch, in den engen Grenzen einer in Armut geborenen Zigeunerin, beweist Carmen einen erstaunlichen Lebenswillen und Freiheitsdrang. Carmen selber vergleicht sich einmal mit einem Wolf, Don José mit einem Hund. Diese Frau kann man nicht domestizieren. Trotz aller gesellschaftlich-kulturellen Beschränkungen als Frau und Zigeunerin des 19. Jahrhunderts verschafft sie sich einen maximalen Freiraum. Bei Gustavo Ramírez Sansano wird das Ringen zwischen Carmen und Don José zu einem Liebeskampf stilisiert und Carmen metaphorisch zum Stier. Und wie dieses stolze, kraftvolle Tier in den spanischen Stierkampf-Arenen ereilt sie am Ende das gleiche Schicksal: Diese Urkraft kann nur der Tod bezwingen.

CARMEN.maquia, Luzerner Theater