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Schauspiel

Alles und Nichts - Ein Probenbesuch der Produktion «Kunst»

Ein Gastbeitrag von Christian Winkler
Bilder: Ingo Hoehn

Man könnte diesen Journalbeitrag hier mit einem weissen Bereich auf dem Bildschirm beginnen. Diese Leere würde wahrscheinlich verwirren. Am Anfang. Man würde glauben, es wäre ein Fehler passiert. Dann würde man noch einmal den Titel lesen und dann würde man sich denken, dass es vielleicht doch beabsichtigt ist. Dieses weisse Nichts. Dann würde man lachen. Man würde einen schwarzen Stift nehmen und eine geometrische Form auf den weissen Bereich malen. Direkt auf den Computerbildschirm. Man würde die geometrischen Formen zu Figuren erweitern, würde Körper zeichnen - Gesichter, abstrakte Wesen, mit schmerzverzerrten Gesichtern - voll das Schöne.

Kunst, Luzerner Theater

 

Kunst zu machen ist gleichzeitig das Schwierigste und das Leichteste auf der Welt

Man hat eine Idee. Alleine oder gemeinsam – das ist erstmal egal. Es ist schliesslich eine Idee. Und die steht da, ganz für sich. Im Falle der Produktion von KUNST war diese Idee, sich mit Raum und Zeit zu beschäftigen - so scheint es zumindest. Ganz genau kann man das nie sagen. Also sagen wir: Raum und Zeit. Zwei Begriffe, die für jeden kreativen Prozess unabdingbar sind: Das Wo und das Wann. Die elementarsten Bausteine unseres Universums.

Wenn am Anfang der Inszenierung ein Schauspieler alleine auf der Bühne steht und der eiserne Vorhang in drei langsamen Minuten nach oben fährt, und dahinter ein weisser Raum sichtbar wird, dann überkommt einen das Gefühl, man wird jetzt Zeuge einer Suche werden. Und das ist es dann auch. Eine Suche nach dem Menschen in der Skulptur und der Skulptur im Menschen. Eine Art Raumvermessung, oder besser gesagt eine Art Raumverständnis. Wo befinde ich mich als menschlicher Körper, mit wem eigentlich und wie lange? Und was macht das mit mir? In dieser Suche wird auf der Bühne das menschliche Leben als ein choreographierter Tetris-Tanz gezeigt, bei dem Körper ineinandergreifen und sich dann wieder auflösen, wenn sie einander komplettieren. Es ist aber auch ein Ping-Pong-Spiel zwischen dem Kunstwerk und dem Zuschauer, es geht um das Betrachten und das Betrachtetwerden, darum wie sich ein Kunstwerk durch die Anwesenheit eines Zuschauers verändert oder doch immer absolut ist - egal wer kommt.

Kunst, Luzerner Theater

Zufälle und Zustände

Was die Performer auf der Bühne machen, scheint oft improvisiert. Wenn sie sich etwa im White Cube auf der Bühne in die unterschiedlichsten Posen werfen und Skulpturen und Kunstwerke der Menschheit abbilden. Und dennoch hat man das Gefühl, nichts ist dabei dem Zufall überlassen. Denn, alles was nach Zufall aussieht, aber eigentlich keiner ist – das ist Kunst. Gleichzeitig ist diese freie Form des Spielens auf der Bühne nichts anderes, als der Wunsch danach, Zufälle bewusst herzustellen, bzw. das Unkontrollierbare zutage zu fördern.

Was dabei entsteht ist, dass dem Zuschauer dieselbe Freiheit zuteil wird, wie den Performern auf der Bühne auch. Es ist wirklich interessant, wie man als Zuschauer immer aus allem, was man sieht, Sinn generieren möchte. Jedes noch so kleine Zeichen, jede winzige Bewegung, jeder Lichtstrahl, der irgendwo hinfällt, wird mit Bedeutung aufgeladen. Und noch viel mehr macht man das als Zuschauer dann, wenn man verstanden hat, dass man hier im Theater gemeinsam am Ausprobieren ist. Als Zuschauer freut man sich dann wie ein kleines Kind, dass man gerade etwas entdeckt hat, dass vielleicht einem anderen Zuschauer verborgen geblieben ist – etwa eine Körperlichkeit, die an einen Politiker erinnert, ein Arrangement von Körpern auf der Bühne, die an einen alten Meister erinnern – Caravaggio, Delacroix, Monet, Klimt.

Kunst, Luzerner Theater

Intermezzo

Weitere entdeckte Kunstwerke: Manneken Pis, Da Vincis Vitruvianischer Mensch, Die Geburt der Venus, Rodins Der Denker, Mauricio Catellans Him-Hitler, Michelangelos David und der sterbende Sklave, Leni Riefenstahls Olympia, Jesus auf dem Kreuz, immer wieder Jesus auf dem Kreuz.

 

Die Suche nach dem Göttlichen – oder Kunst versteigert sich selbst

«Kunst» ist eine Performance darüber, wie schwierig und ephemer Kunst ist, wie nicht greifbar. Sie bildet ab (ohne dies wirklich abzubilden), wie verloren man als Mensch ist, wenn es darum geht, seinen Platz in der Welt zu verstehen. Wie schnell der Mensch an seine Grenzen kommt, wenn es darum geht, die Welt zu beschreiben und wie Sprache allein oft nicht imstande ist, dies zu leisten. Kunst ist dann das, was es uns ermöglicht, ausserhalb der Sprache zu kommunizieren, was uns als Menschen zusammenhält, der Kitt der Gesellschaft, sozusagen. Das sind natürlich auch alles Eigenschaften, die dem Glauben zugeschrieben werden – nicht umsonst findet man so häufig den Versuch einer Abbildung des Göttlichen in der Kunst. Auch in diesem Theaterabend ist diese Suche nach dem Göttlichen immer wieder Thema. Wenn der weisse Raum alle Farben des Regenbogens durchspielt und wenn mit dem gesamten Lichtspektrum etwas Göttliches anwesend ist – «das Licht ist das einfache, unzerlegteste, homogenste Wesen, das wir kennen.» (Goethes Farbenlehre).

Und dass sich in einer solchen Performance die Kunst selbst versteigert, ist ein amüsanter Kommentar auf die kapitalistische-verrohte Kunstwelt, die man in einem eigenen Abend verhandeln könnte – aber darum geht es in dieser Performance eigentlich nicht – wenn der Titel das auf den ersten Blick auch suggeriert.

Kunst, Luzerner Theater