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Tanz

Alice – eine Versöhnung

Von Bruno Affentranger, Luzern
Bilder: Gregory Batardon

Tanz 35: Alice, Luzerner Theater

Alice im Wunderland. Nun ja. Ich gestehe, ich habe ein gespanntes Verhältnis mit diesem Werk. Seit Kindheit. Obwohl dem Britischen von klein auf zugeneigt und mit dem von einem Franzosen erfundenen Ideal des in achtzig Tagen um die Welt reisenden, stets die Oberlippe steif haltenden englischen Gentleman Phileas Fogg aufgewachsen, ist mir dieses aus demselben Land stammende, freiheitsliebende Mädchen in seiner exzentrischen Gedankenwelt immer fremd geblieben. Mehr noch, die Fabelwesen, der verrückte Hutmacher, der sprechende Hase, die fiese Königin oder der Herzbube, haben mich verängstigt. Der tiefe Fall in das Hasenloch – soweit habe ich das Buch in jungen Jahren gelesen – hat Assoziationen geweckt, die nur noch durch den widerlichen Gedanken zu überbieten gewesen ist, in der Badewanne durch das abfliessende Wasser in einen Strudel gezogen und verschluckt zu werden. Der Nonsens der Dialoge hat zudem davon abgehalten, erst überhaupt in diesen Erzählfluss zu steigen und mitschwimmen zu wollen. Alice im Wunderland von Lewis Carroll ist genau jenes bebilderte Buch, das mich am wenigsten von allen in der elterlichen Bibliothek interessiert hat.

Doch darum dreht es sich hier gar nicht. Vergessen Sie deshalb alles, was Sie bisher gelesen haben. Sofort. Um Alice und das Wunderland oder die ältere Alice hinter den Spiegeln geht es nicht. Deshalb heisst dieses Werk, das der taiwanesische Choreograph Po-Cheng Tsai sich erdacht hat, einfach nur «Alice».

Tanz 35: Alice, Luzerner Theater

Die kraftvolle italienische Tänzerin Valeria Marangelli gibt sie in der einen Version. Mit allem, was sie hat. In der anderen schlüpft Phoebe Jewitt in die Rolle. In der anderen Version? Man muss hier erklären: Alice ist eine doppelte Doppelerscheinung. Alice ist auch die Königin, und zwar gleich beide Seiten derselben, die gute und die schlechte, die weisse und die rote, Alice ist sich selber und gleichzeitig verkörpert sie die Beherrscherinnen dieser Traumwelt.

Die andere grosse Figur ist der weisse Hase, Mr. Rabbit, den Carlos Kerr Jr. in einer akkuraten Mischung von Anschmiegsamkeit und Arroganz zu dem werden lässt, was sie ist: Die Führungs- und Leitperson durch das Ganze. Etwas eitel, vor allem aber gescheit zielgerichtet.

Tanz 35: Alice, Luzerner Theater

Natürlich trifft man die diversen Fabelwesen wieder an: Den verrückten Hutmacher, die Grinsekatze, das Doppelgespann «Tweedledee» und «Tweedledum», «Bill the Lizard». Bäume, Soldaten, Blumen, den Dodo, den «Little Hummingbird» oder «The Caterpillar». Es versammelt sich, was vor langer Zeit Furcht ausgelöst hat.

Doch diesmal ist auch das anders. Po-Cheng Tsai hat die Kostümskizzen vorgegeben. Sie stammen eindeutig aus der Welt der Haute Couture, und lehnen sich schemenhaft zwar an jene aus Tim Burtons berühmten, kongenialen Verfilmung von «Alice im Wunderland» (2010) an, und doch sind sie eigenständig. Vor allem sind sie weniger verspielt, weniger kindlich auch, dafür martialischer und spürbar dunkler. Po-Cheng Tsai und sein Assistent Sheng-Ho Chang sind damit genau dort, wo sie hinwollen.

Vergessen Sie die Kinder- und Ausbruchsgeschichte, die aus dem eng korsettierten viktorianischen Zeitalter stammt und die mit Farben so lange spielt, bis die Phantasien der Leserinnen und Leser explodieren. Dieses Tanzkunstwerk ist viel näher bei den so genannten Martial Arts angesiedelt. Die eigens vom taiwanesischen Komponisten Rockid Lee komponierte Musik unterstreicht das.

Tanz 35: Alice, Luzerner Theater

Das Ensemble kann davon berichten. Kaum je hat es derart körperliche Höchstleistungen vollbringen müssen, wie in den Proben im Dezember und Januar. Es hat gelernt, mit neuen Situationen und Anforderungen umzugehen. Ein Angriffssprung von einem Tisch zum Beispiel muss von einem anderen Tänzer zuerst einmal aufgefangen werden können, so dass er ohne Schaden hintenüberfällt. Gemeinsam hat das Ensemble mit dem Choreographieteam Lösungen entwickelt. Nicht nur für diese Sequenz. Kennenlernen und Vertrauen bilden, so dass am Ende ein gemeinsames, kraftvolles Ganzes entsteht, so lässt sich der Prozess im Südpol zusammenfassen. Was dabei auffällt: Po-Cheng Tsai nimmt sich gerne zurück und lässt geschehen, doch nur in den Zwischenräumen. Er hat verblüffende, überwältigende Standbilder in seinem Kopf, und er ist der Meister des Rhythmus, der Herr über Ent- und Beschleunigung. Wie es sich für Choreographen des Kampfes gehört, arbeitet er mit den filmischen Mitteln des abrupten Stopps, der Zeitlupe, der Ausdehnung und wiederum der Verkürzung der Zeit.

Doch die starken Standbilder, die sich in den Augen des Betrachters einbrennen, sind die Ankerpunkte in diesen eskalierenden Kraftakten, geronnene Zeugnisse des zuvor Erlebten. Auf dem Weg von einem zum anderen lässt Po-Cheng Tsai vieles zu. Das verblüfft, denn ein Star, der er inzwischen ist, gibt sich oft selbstverliebter, als er es jemals zu sein scheint.

«Tanz 35: Alice» ist zauberhaft. Verschlingend. Monströs. Und doch ist es – glücklicherweise – anders als alle Vorlagen und Erwartungen. Das versöhnt ein wenig. Es wurde Zeit.