Tschechows Kirschgarten

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Luzerner Theater

Tschechows Kirschgarten

Schauspiel nach Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec nach einer Übersetzung von Arina Nestieva
In Kooperation mit CULTURESCAPES. Balkan 2013
Premiere: 12. Oktober 2013

Das Luzerner Theater kooperiert zu Beginn der Spielzeit mit CULTURESCAPES, einem schweizweiten Festival mit Schwerpunkt in Basel, das es sich zum Ziel gesetzt hat, den Kulturaustausch zwischen der Schweiz und anderen Ländern zu fördern. Ein serbisches Inszenierungsteam wird mit Schauspielern des Luzerner Ensembles und serbischen Akteuren einen heutigen Blick auf Anton Tschechows «Kirschgarten» werfen, in dem sich auf vielschichtige Weise gesellschaftliche Umbrüche widerspiegeln.

Ljubow Andrejewna Ranjewskaja kehrt nach längerem Aufenthalt in Paris auf ihr hochverschuldetes Landgut nach Russland zurück. Einzige Möglichkeit, den drohenden Ruin abzuwenden, wäre der Verkauf des jahrhundertealten Kirschgartens, der abgeholzt, parzelliert und als Bauland ausgeschrieben werden könnte. Un­fähig, sich den ökonomischen Zwängen der Gegenwart anzupassen, bleibt die Ranjewskaja der Vergangenheit verhaftet und sieht ihrem schleichenden Bankrott tatenlos entgegen. Der Kaufmann Lopachin, Sohn eines ehemaligen Leib­eigenen, erwirbt schliesslich Gut und Kirschgarten.

Gemeinsam ist Tschechows Figuren die Einsicht, dass sich die Vorherrschaft ihrer gesellschaftlichen Schicht überlebt hat und tiefgreifende Reformen notwendig sind. Was ist geblieben von den sozialen Utopien jener Jahre? Die aktuellen Diskussionen über die Grenzen des Wachstums und die Notwendigkeit gravierender Veränderungen unseres Wirtschaftssystems zeugen von der Brisanz der Tschechowschen Gesellschaftsanalyse.

Predrag Štrbac, 1970 geboren, gehört zu den innovativsten und bekanntesten Regisseuren Serbiens. Seit 1998 arbeitet er an wichtigen Theatern der Region, u.a. dem BITEF Theater in Belgrad, dem Nationaltheater in Banja Luka und dem Bosnischen Nationaltheater in Zenica. Seit 2003 ist er Hausregisseur am Serbischen Nationaltheater Novi Sad.

GESPRÄCH

WAS SOLLEN WIR TUN? WIR MÜSSEN LEBEN!

Predrag Štrbac im Gespräch mit Carolin Losch

Tschechows 1904 uraufgeführte Komödie «Der Kirschgarten» thematisiert auf vielschichtige Weise die gesellschaftlichen Umbrüche, denen das Bürgertum ausgesetzt ist. Im Mittelpunkt steht die Gutsbesitzerin Ranjewskaja, die sich der schleichenden Ökonomisierung aller Lebensbereiche verweigert. Inwiefern kann man sagen, Ranjewskaja steht für uns alle?

In jedem von uns steckt etwas, was auch Ranjewskaja bewegt. Sich neuen Gegebenheiten anzupassen, ist für jeden mit Chancen und Risiken versehen. Das individuelle Leben und die gesellschaftlichen Zusammenhänge verändern sich stets, von Tag zu Tag. Wer sich an diesen Wandel leichter anpassen kann, verschafft sich ein besseres Leben, breitere Möglichkeiten des eigenen Werdegangs. Wer das nicht schafft, katapultiert sich leicht ins Abseits. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt, den ich sehr wichtig finde. Wir sind den Umwälzungen nicht zwangsläufig hilflos ausgeliefert, sondern die Art und Weise, wie wir damit umgehen, verschafft uns eine gewisse Autonomie. In konkreten Situationen kann man das Opfer sein, aber man kann auch zum Schöpfer seines eigenen Lebens werden. Nicht immer, aber oftmals geht es auch um eine individuelle Wahl: Ist man vorbereitet oder nicht und welche Konsequenzen zieht man für das eigene Leben?

Der Kaufmann Lopachin, Sohn eines ehemaligen Leibeigenen, erwirbt schliesslich den Kirschgarten. Er ist der Vertreter einer neuen, aufstrebenden Schicht. Würden Sie sagen, er ist der Bote einer neuen Zeit?

Leute wie Lopachin sind immer die Boten einer neuen Zeit. Aber wie definiert man die Zukunft, was wird sie bringen, Besseres oder Schlimmeres? Und wo wird man selber seinen Platz finden? Das sind die Fragen, auf die jeder von uns eigene Antworten finden muss. Lopachin verkörpert eine neue Energie, er ist ein Aufsteiger, aber es gibt etwas Paradoxes in seinem Benehmen und seinen Taten. Fast alles, was er tut, ist von dem Wunsch bestimmt, den anderen möglichst ähnlich zu werden. Er strebt nach Neuem und möchte gleichzeitig so sein wie die alte Elite.

Obwohl die wirtschaftliche Situation in Serbien und der Schweiz sicherlich sehr unterschiedlich ist, würden Sie sagen, eine gewisse Angst vor der Zukunft verbindet uns heute in Europa?

Ja, die ökonomischen und politischen Unterschiede zwischen der Schweiz und Serbien sind enorm. Aber obwohl uns vieles trennt, gehören wir alle zu Europa, und das bedeutet, dass die europäische Zukunft die Zukunft von uns allen ist. Insofern verbindet uns die Angst vor der Ungewissheit, aber auch die Hoffnung und die Aufgabe, das was vor uns liegt, gemeinsam zu gestalten.

Was waren Ihre ersten Gedanken, als die Entscheidung fiel, dass Sie in der Schweiz inszenieren würden?

Ein Wechselbad der Gefühle: Eine grosse Spannung auf die neuen Erfahrungen, dann die Angst vor der Kommunikation, weil Deutsch nicht meine Muttersprache ist, und dann wieder die Freude auf dieses besonders interessante Theatererlebnis: ein Schauspiel von Tschechow, einem der wichtigsten Theaterautoren, mit den neuen Kollegen zu inszenieren. Ich freue mich am meisten auf die Leute, die Schauspielerinnen und Schauspieler und alle anderen, die am Theater arbeiten. Um Peter Brook zu paraphrasieren: Das Wichtigste am Theater ist der Mensch.

PRESSESTIMMEN

Štrbac macht ein gnadenlos-klamaukiges Pop-Musical daraus, in dem das Luftschloss «Kirschgarten» beinahe bis auf den letzten Balken dekonstruiert wird. Von Beginn an ist klar, dass es kommen wird, wie es muss: Der geliebte Kirschgarten, ökonomischer wie emotionaler Schatz der Gutsherrin, wird verkauft. Alles Gerede und alle lächerlichen bis verzweifelt-komischen Rettungsversuche Ranewskajas und ihrer Familie sind von Vorneherein zum Scheitern verurteilt. Immerhin versuchen sie es zweieinhalb Stunden lang, produzieren sich masslos und tun trotz dringlichem Handlungsbedarf geschäftig gar nichts. Langweilig wird es dem Publikum dabei nie – das ist eine der beachtlichen Leistungen dieser Inszenierung.

(www.nachtkritik.de, 14. Oktober 2013)

 

Predrag Štrbac, der den «Kirschgarten» von Anton Tschechow im Rahmen des schweizweiten Festivals Culturescapes Balkan 2013 am Luzerner Theater inszeniert, hat das Stück auf seinen Kern reduziert und zeigt es mit fünf Schauspielern aus dem Luzerner Ensemble und zwei Gästen aus Serbien, wo er selber herkommt. Der Kern des Stücks, das sind der Zerfall des Alten und die Ungewissheit über das Neue in einer müden und elanlosen Gesellschaft. Erst die Gummibärchentüte weckt den trägen Gajew, der sich wortwörtlich fallen und nicht wieder aufhelfen lässt, wenn der Kirschgarten verkauft ist. Die Inszenierung zeigt frech aufgepeppt, in bunten und grotesk überzeichneten Kostümen (Dragica Laušević) und mit geschmeidigem Balkan-Pop garniert (Musik Stefan Paul Goetsch) Tschechows Sicht auf eine Welt, die verdrängt und überspielt.

(Neue Luzerner Zeitung, 14. Oktober 2013)

 

In ihrer dekadenten Ignoranz gegenüber den neuen Verhältnissen verhindert die Gutsbesitzerfamilie tatenlos das eigene Glück. Die tragische Kluft zwischen bonbonbunter Nostalgie und harter ökonomischer Realität ist die Leitidee dieser halb serbischen, halb deutschen Inszenierung; diese Kluft auf die Spitze zu treiben der dramaturgische Clou. Nicht nur in den kindlich farbenfrohen Kostümen (Dragica Laušević), sondern vor allem auch auf der Bühne (Vesna Popović) zeigt sich die offene Wunde zwischen hysterischer Realitätsflucht des verkommenen Adels und zusammenbrechender Welt um sie herum: Eine Art stilisiertes und entblättertes Baumhaus wird wechselweise als Kinderzimmer, als antiquiertes Möbelstück, als Kirschgarten und als Villa abgefeiert. Während die Pflegetochter Warja tatkräftig versucht, den Familienhort (was auch immer er sei) wenigstens sauber zu halten, verbleibt der Rest ihrer Familie in einem völlig unreflektierten und überholten, immer nur sich selber bestätigenden und selbst konsumierenden Fetisch-Verhältnis zur Zentralmetapher ihres kommenden Unglücks.

(Basler Zeitung, 14. Oktober 2013)

 

Der russische Arzt und Autor Anton Tschechow schrieb einmal: „Im Leben isst und trinkt man, feiert man und redet dummes Zeug. Und genau das sollte auf der Bühne zu sehen sein!“ In seinem berühmtem Stück «Der Kirschgarten» gibt es also weder Mord noch Totschlag und auch keinen allzu starken Druck auf die Tränendrüse. Die Dramatik soll sich unterschwellig vollziehen. Das Leiden, nicht mit Händen und Füssen, sondern durch Tonfall und Blicke, widergegeben werden. An diese Vorgabe hält sich der serbische Regisseur Predrag Štrbac in seiner Inszenierung weitgehend. Fast noch deutlicher setzt er eine andere Vorgabe des Autors um. Tschechow beharrte nämlich hartnäckig darauf, dass seine Stücke, trotz aller Melancholie, eine Komödie sein sollen. Und eine melodramatisch höchst amüsante Komödie bietet ein sehr kreatives Bühnenteam vom Balkan, zusammen mit Ensemblemitgliedern des Luzerner Theaters, dem Publikum vom ersten bis zum letzten Moment.

(Radio SRF 1 Regionaljournal, 14. Oktober 2013)